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Dieter David Scholz

Bietito & Co

Grausamkeit, Pornographie und Gewalt auf der Opernbühne 
Ein Kommentar

 

Die Worte, die der Librettist Stephanie dem Haremswächter Osmin in Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ in den Mund legt, „erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen, dann verbrannt, dann gebunden, und getaucht, zuletzt ge-schunden“, das hört sich ziemlich grausam an, zugegeben. Aber es ist nur komisch ge-meinter und kraft der Musik komisch wirkender Text einer Buffo-Partie, die eine Kari-katur von martialischem Orientalen zeigt. Der katalanische Regisseur Calixto Bieito wartet dagegen in seiner Berliner Inszenierung der Entführung an der Komischen Oper mit wirk-liche Grausamkeiten auf, die mit Stephanis Libretto und Mozarts Partitur nichts zu tun haben. Nicht nur, daß Bieitos Entführung in einem Bordell spielt, in dem professionelle Prostituierte engagiert werden und mit Statisten ungehemmt ihre Profession betreiben. Auch Blut fließt in Strömen, denn den weiblichen Vergewaltigungsopfern dieser nicht ge-rade lustvollen, eher abstoßenden Rotlichtmilieu-Orgie  werden auf offener Bühne die Lei-ber aufgeschlitzt, die Brüste vor den Augen des Publi­kums abgeschnitten,  Martern aller Arten werden mit sadistischer Genüßlichkeit gezeigt, am Ende Mord und Totschlag.  Und nicht nur die Statisten, nein auch die Sänger zeigen sich un­verhüllt. Auch der Osmin-Dar-steller, nicht gerade ein Beau,  stakst in diesem Theater der Grausamkeiten splitternackt über die Bühne und zeigt sein Gemächt. 

Calixto Bieitos rüde Berliner Entführungs-Inszenierung ist typisch für all seine Inszenier-ungen, die alle nach dem gleichen Strickmuster funktionieren: Text des Librettos und In-tention des Komponisten sind egal! Gezeigt werden Sex und Gewalt von heute. Ob im Troubadour, in La Traviata oder in der Madama Butterfly, die er zuletzt in Berlin zum japanischen Bordellstück banalisierte. Bieito, der an seinem Stammhaus tausende von treuen Stamm-Abonnenten aus dem Theater ekelte, ist beileibe kein Einzelfall. Auch wenn er der extremste unter den neuen Gewalttätern auf dem Theater ist, der sich gern öffentlich zu seiner Obsession bekennt und sie mit schweren Kindheitstraumata rechtfertigt: Der Fall Bieito ist symptomatisch für eine zunehmende Brutalisierung, ja Verrohung des Theaters, auch und gerade des Musiktheaters.

Immer häufiger werden in den letzten Jahren landauf, landab, im Sprech- wie Musik-theater mit immer drastischeren Mitteln die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks übertreten, moralische Tabus gebrochen, nackte Tatsachen und schockierende Grau-samkeiten gezeigt. Weil das Interesse an den Regietaten immer größer wurde als das Interesse an der Musik und an den Opern an sich. Peter Konwitschny zeigt in seinem Don Giovanni einen ganzen Abend lang den Titelhelden in Unterhose, chorisches Dauer-fummeln und Massenbegatten ist angesagt inklusive schwul-lesbischen Paaren Leporello-Masetto und Elvira-Anna. Ob das Sinn macht? Wer fragt danach. Längst ist doch die Oper beliebiges Transportmittel privater Meinungen und Ideen von Regisseuren gewor-den, die oftmals mit Oper an sich nicht viel am Hut haben. Hauptsache es ist spektakulär. Immer mehr Regisseure und Intendanten denken so. Nicht nur die katalanische Sex-Schock-Truppe „La Fura dels Baus“ Luc Bondy, Frank Kastorf oder Jürgen Gosch, Neuenfels und Himmelmann, um nur einige Namen zu nennen. Selbst im fernen Novo-sibirsk fallen gegenwärtig in Verdis Aida, die als Kriegs- und Terroristenstück gezeigt wird, alle Hüllen.  

Das heutige Theater hat zweifellos eine neue Lust am Obszönen und Vulgären entdeckt, und immer mehr Regisseure lieben es, wenn Kot spritzt, Urin fließt und Blut schießt, wenn nacktes Menschenfleisch sich zeigt, wenn der Geschlechtsakt in allen Variationen öffent-lich vorgeführt wird, wenn Schmerz schreit und Grausamkeit und Mord sichtbar sind. Das Vergnügen an extremen Grenzüberschreitungen und die Schaulust der Grausamkeiten kennt keine Tabus mehr. Noch nie wurde das sadistische, voyeuristische Erregungs-Potential auf der Opernbühne so ausgereizt. Und vor einigen Tagen las man doch in der Presse, daß selbst der neue Startenor Rolando Villazòn sich vorstellen könne, nackt auf der Opernbühne aufzutreten. Na bitte!

Natürlich sind archaische Affekte und Gefühle wie Sexualität, Liebe, Hass und Gewalt so alt wie das Theater. Man denke nur an die attische Tragödie. Auch in Shakespeares tragischem Theater, ein Bestiarium menschlicher Grausamkeiten, fließt reichlich Blut. Auch die Libretti von Barockopern verzeichnen massenweise abgeschlagene Köpfe und schwertdurchbohrte Leiber. Aber es wurde nie so auf dem Theater gezeigt wie heute. Von Ausnahmeerscheinungen  abgesehen. Freilich, in den Siebzigerjahren schon zeigte man in New Yorker Off-Theatern erstmals Nacktheit auf der Bühne. Das machte Schule. Aber das war aufklärerische Rebellion, nicht Exhibition. Jahrhundertelang glaubte man an die Kraft des Theaters, das nie versuchte, mit der Realität zu konkurrieren, sondern Wunsch und Wirklichkeit illusionistisch oder abstrahierend komprimierte, überhöhte, idealisierte oder kritisierte.  Diese Kraft hat das Theater, mehr als alle Film-, Fernsehen- und Computerkünste heute.

Theater, auch Musiktheater war immer grenzüberschreitend, brach immer auch Tabus. Doch wie, ist die Frage! Tabus zu  brechen als Selbstzweck, so wie es heute üblich zu sein scheint, und in Verkennung, ja Ignorierung von Form und Inhalt der Stücke, ist kein Wert an sich. Tabus brechen kann jeder. Und Zeitungen und Fernsehsendungen sind tag-täglich voll davon. - Sie spiegeln eins zu eins den Zustand unserer Zeit, deren Men-schenbild, Werteorientierung und Umgangsformen mehr und mehr zu verrohen drohen. Warum muß Theater Sex und Gewalt des Alltags mit  dem alltäglichen TV-und Videoclip-Realismus, mit derselben Vulgarität und Obszönität kommerzieller Pornographie wieder-piegeln, was auf der Bühne meist lächerlich wirkt? Warum werden Opern-Libretti und -Partituren von den Sex- and Crime-Regisseuren so bedenkenlos und arrogant ignoriert, meist gegen alle dramaturgische Notwendigkeit und Berechtigung? Warum, so fragt man sich aber auch, machen das die Sänger mit? Warum erheben so wenige Dirigenten, die es besser wissen müßten und Einsruch gegen solche Opernvergewaltigungen? Ist das Musik-theater wirklich an dem Punkt angelangt, wo es nur noch an die primitiven, atavistischen Instinkte  einer Spaß- und Freizeitgesellschaft appelliert, einer Gesellschaft, die versucht, ihre wachsende Lustunfähigkeit und intellektuelle Verarmung dadurch aufzuhalten, daß sie auch noch die letzten Reste an Intimität in ihren Talkshows durchdiskutiert und jedermann offenbart? Wenn dem tatsächlich so sein sollte, dann ist das nicht nur keine Kunst mehr, sondern auch ärgerlich, weil es die Glaubwürdigkeit und Legitimation der teuren Gattung Oper aufs Spiel setzt. Und Hand aufs Herz: auf Dauer sind  Nacktheit, Grausamkeit, Gewalt und Obszönität auf der Opernbühne doch langweilig. Und welcher junge Be-sucher, der zum erstenmal ein Opernhaus betritt und unvorbereitet eine Madama Butterfly von Bieito ansieht, wird das Stück verstehen und Lust an mehr Oper gewinnen?

Die Gattung Oper ist die die festlichste wie subversivste, die phantasievollste und teuerste von allen Künsten, aber auch die utopischste wie zerbrechlichste. Die Oper, die immer wieder totgesagt wurde hat nur überlebt, weil sie das Bedürfnis ihres Publikums be-friedigte, ein Bedürfnis nach mehr als nur nackter Allatagsspiegelung mit unzureichenden Mitteln, die mit Fernsehen und Video nicht konkurrieren können. Wenn die Oper nur noch dem Motto „Menschen, Tiere, Sensationen“ huldigt, wenn sie nur noch nach Ein-schaltquoten unserer westlichen Mediengesellschaften schielt, die immer lapidarer und larmoyanter selbst gräulichste Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Sprache bringen und ins Bild setzen, dann ist die Oper auf dem Weg, sich selbst abzuschaffen. Gottlob gibt es noch Regisseure und Intendanten, die sich dem widersetzen!