Dieter David Scholz

 


Bayreuth-Impressionen 2006                                                       

 

 

Natürlich dreht sich in diesem Jahr – neben „Parsifal“, „Holländer“ und „Tristan“ - alles um den neuen „Ring“ von Tancred Dorst und Christian Thielemann. Man war gespannt darauf, und die meissten sind wohl enttäuscht worden, jedenfalls von der Regie des Dramatikers und 80-jährigen Opernregiedebüttanten Tancred Dorst:  

„Musikalisch hat es mir sehr gut gefallen, Thielemann ist ein ausgezeichneter Ring-Dirigent, glaube ich…/ Aber die Personenregie war nicht vorhanden. / Es ist für mich keine Personenführung und es fehlt bei dieser ganzen Inszenierung die zündende Idee… Man sollte wenigstens den roten Faden erkennen! Das, was er zeigen wollte, das Zeitgemässe und das Unzeitgemässe, die Realität und die Irrealität, das kommt nicht raus. Es ist über­haupt keine Aussage. Vielleicht will er sagen, dass es die Götter heute auch noch gibt, dass sie neben uns sind, aber das kommt nicht raus!“ (verschiedene Zuschauer)

Dennoch: Der Run auf den neuen „Ring“ in seiner Unentschiedenheit zwischen Konvention und vermeintlicher Werktreue, Klischees und der zwar verkündeten, aber szenisch kaum zu er-kennenden Botschaft vom unentdeckten Fortleben der mythischen Welt inmitten unserer Zivilisation, ist trotz des Buhgewitters für Tancred Dorst natürlich enorm. -

Für alle diejenigen, die diesen  „Ring“ nicht sehen können, entweder weil sie keine Karten haben, oder aber nicht genug Sitzfleisch, ihn auf den harten Stühlen im überhitzten Festspielhaus aus-zusitzen, gibt es heuer eine von 16 auf vier Stunden gekürzte Fassung für acht Sänger mit Kla-vier, die die übrigens vor 16 Jahren an der Nürnberger Pocket-Opera erstmals gezeigt wurde,   präsentiert von Felix Hilf im deutsch-fran­zösischen „Forum junger Kunst“ Bayreuth, Philippe Arlaud hat ihn inszeniert:

Hilf: „Sicherlich ist Familie Wagner jetzt nicht allzu glücklich darüber, dass es einen Zweitring zu ihrem Ring da oben gibt.“ / Arlaud: „ Also ich habe zuerst den grossen Vorteil, das ich machen kann, was ich will, ich habe alle Freiheit, und das macht einen riesen Spass. Natürlich ist das etwas ganz Anderes als im Festspielhaus.  Da oben sind die Pyramiden, wir sind nur ein Zelt in der Wüste, hier unten.“

Eine „Ring“-Alternative also, die mit Nachwuchssängern und –Musikern ein kleines Bayreu-ther Off-Festival begründen will, eine Alternativ-Werkstatt zur eigentlichen am Grünen Hügel. Und wen die ganze Wagnerei nicht interessiert, oder wer genug von Wagner hat, für den hält Bayreuth auch eine ganze Reihe weiterer Attraktionen bereit.

 

Wilhelmine von Bayreuth, der Schwester von Friedrichs des Grossen, die verheiratet wurde mit dem Bayreuther Markgrafen, ist das barocke Bayreuth zu verdanken, mit seinen Parks, Schlössern und dem unvergleichlichen Markgräflichen Theater, eines der schönsten barocken Opern­häuser nördlich der Alpen. Auch übrigens das größte,  weshalb Wagner darin ursprüng­lich sogar seine Opern aufführen wollte. Dieses Juwel unter den barocken Theatern ist origi­nal erhalten in seiner Ausstattung von Giuseppe Galli-Bibiena, dem prominentesten Mit-glied der berühmten italienischen Theaterbauer-Familie. Zum  250-jährigen Bestehen des Opernhauses – 1998 - gab es in Bayreuth eine grosse Ausstellung über ihn. In diesem Jahr wurden die Ausstellungs­stücke noch einmal in einer kleinen Ausstellung zusammengestellt, im Neuen Schloss, und das mit gutem Grund, den die Leiterin der Bayreuther Schlösserverwalterin erläutert:

„Es ist so, dass das Bayreuth der Markgräfin Wilhelmine in der Bewerbung zum UNES-CO-Kulturerbe steht und man natürlich auch in dieser Hinsicht noch mal den kultur-historischen Wert der Objekte noch mal herausstellen wollte.“

Die Bayreuther Schlösser sind das Eine, die Museen das andere der Sehenswürdigkeiten, die jenseits der Wagnerfestspiele und der Wagner-Villa „Wahnfried“ einen Besuch der Stadt loh-nen. Der Schriftsteller Jean Paul, laut Alfred Kerr der eigentliche „Meister von Bayreuth“, ist mit einem eigenen Museum bedacht worden, und natürlich auch der Komponist Franz Liszt, ohne den Wagner nicht das geworden wäre, was er wurde, wie Sven Friedrich, der Leiter es Museums, eingesteht:

„Und  genau aus diesem Grund gibt es ja in Bayreuth seit 1993 ein Franz Liszt-Museum.  Er hat den Stellenwert hier in Bayreuth, der ihm zukommt. Er ist neben Richard Wagner und Jean Paul der Einzige der ein eigenes Museum sein Eigen nennt. Oscar Panizza hat es leider nicht soweit gebracht.“

Sven Friedrich ist übrigens auch Leiter des Richard Wagner-Museums, das in diesem Jahr, eine interessante Ausstellung zur Bayreuther Inszenierungsgeschichte des „Rings“ zeigt:

„ Ja der Anlass war ,dass wir in diesem Jahr die Restaurierung unserer Bühnenbildmo-dell-Sammlung zu Ende führen konnten.  Wir haben ja eine stattliche Anzahl von fünf-undachtzig Bühnenbildmodellen aus der Geschichte der Bayreuther Festspiele, die waren sanierungs-bedürftig, die Restaurierung ist in den letzten Jahren erfolgt. Dieses  Jahr ist sie erfolgreich abgeschlossen worden. Und nun nun wollten wir das zum Anlas nehmen, das auch zu präsentieren.“

Auch ein Freimaurer-Museum gibt es in Bayreuth. Das hochherrschaftliche Haus mit Zugang zum Bayreuther Hofgarten, befindet sich auf dem Grundstück direkt neben Richard Wagners Villa Wahnfried.  Peter Niemeyer vom Bayreuther Freimaurermuseum weiss zu berichten:

„Der Richard Wagner hat also beabsichtigt, einen Antrag hier in der Loge  zu stellen, und sein Freund Feustel, der Großmeister unserer damaligen Großloge war und auch Meister vom Stuhl war, der hat ihm abgeraten, diesen Antrag zu stellen. Eine Grund-voraussetzung zur Freimaurerei ist das man ein freier Mann von gutem Ruf ist. Ich weiß nicht, ich will der Wag­nerfamilie nicht zu nahe treten: War Richard Wagner ein freier Mann von gutem Ruf? Der hatte Schulden wie´n Major.“

Zu Wagner drängt, an Wagner hängt doch alles, in Bayreuth jedenfalls, an Richard Wagners Werk und Person, und am Geschick seiner Festspiele, die seit einem halben Jahrhundert in Händen des demnächst 87-jährigen Festspielleiters Wolfgang Wagner liegt, der mir noch vor kurzem über die Zukunft seiner Festspiele nach ihm bekannte:

„Man muss etwas machen, wo ich hoffe, dass meine Tochter mit dabei sein kann“

 

Hoffen wir, dass er, Wolfgang noch dabei sein kann, so lange er lebt, denn Frau Grudrun und die gemeinsame Tochter Katharina, die im nächsten Jahr mit einer Neuinszenierung der „Meistersinger“ ihren offiziellen Einstand am Grünen Hügel gibt, sitzen in den Startlöchern und es kursieren Gerüchte, die in Bayreuth die Runde machen:

„… dass die Festspielleitung doch immer mehr zu Gudrun Wagner übergeht. Irgendwann soll sie gesagt haben: ich bin mein Mann!“ (Ein Bayreuther)

Wie auch immer, ob Entmachtung des Festspielchefs durch seine Ehefrau oder heimlicher „Machtübernahme“ von Mutter und Tochter, das Schmierentheater, die Possen und die fa-miliären Schlammschlachten der Wagners, an denen sich in diesem Jahr auch Nike Wagner wieder mit wortreichen Wolfgang-Attacken beteiligte, werden weitergehen. Sie kann es nicht lassen, sie ist eben eine echte Wagner. Und die Wagners sind nun mal machtbewußt und: Wagnerianer eben!

 

 

Reportage für SWR 2, Musik aktuell am 4.8.2006: