Dieter David Scholz

 


Etikettenschwindel mit zahnlosem Haifisch  

Der sanierte wie privatisierte Berliner Admiralspalast wurde mit Brecht & Weills „Dreigroschenoper“ in fortüneloser Regie von Klaus Maria Bran-dauer wiedereröffnet

Welche Erwartungen wurden geschürt! An welche Traditionen wollte man anknüpfen! Wohl selten wurden der Wiedereröffnung eines sanierten Theaters derart viele Vorschusslorbeeren zuteil, wie dem Berliner Admiralspalast, der sich zu DDR-Zeiten Metropoltheater nannte und eines der wenigen Operettenhäuser war, das in noch ungebrochener Tradition mit eigenem Ensemble allabendlich das breite Repertoire von Jacques Offenbach und Johann Strauss über Franz Lehár, Paul Lincke und Fred Raymond und Paul Abraham bis hin zu Karl Burkhard und Leonard Bernstein spielte und allabendlich sein treues Stammpublikum beglückte, auch wenn nicht alles Gold war, was auf der Bühne des riesigen, 1700 Plätze fassenden Revue- und Operetten-Theaters glänzte. Die Glanzzeiten des 1910 erbauten, weltstädtischen  Vergnügungspalastes mit Eislaufarena, römischer Therme, eigenem Sole-Heilbad, Kaffee-betrieb und Lichtbildtheater waren die „goldenen“ Zwanziger- und frühen Dreissigerjahre. Legendäre Tanzrevuen mit den „Tillergirls, die teuren Ausstattungsrevuen von Hermann Haller und spektakuläre Operettenaufführungen mit Fritzi Massary und Johannes Heesters festigten schnell den Ruf des Hauses am Bahnhof Friedrichstrasse  als eines der ersten seines Metiers in der Welt der gehobenen Unterhaltung. Nach dem Krieg diente das Haus bis 1955 als Ausweichspielstädte der ausgebombten Berliner Staatsoper, bevor es als Metropoltheater weitergeführt wurde, da man Walter Felsenstein ja das Stammhaus des Metropolthetaers zum Geschenk machte, das er zur „Komischen Oper“ umfunktionierte. Mit dem Zusammenbruch der DDR ging es mit dem Admiralspalast bergab, René Kollo führet das Haus schließlich 1997 in den Ruin. Seither stand es leer. Da die Stadt Berlin es nicht für nötig hielt, das einzig-artige Theater zu erhalten, Nutzungskonzepte nicht vorlagen, gaben sich die Spekulanten die Klinke in die Hand, um den verwunschenen Ort auf wertvoller Immobilie zu ergaunern. Als Privattheater erstand es nun, wo nicht aus Ruinen, so doch aus inzwischen baufälligem, sanie-rungsbedürftigem Zustand.

Falk Walter, der die Treptower „Arena“ betreibt, ist der federführende Gesellschafter der neuen „Admiralspalast Berlin GmbH“. Wie im Ostberliner Treptow will er den Admiralspalst, den er für vierzehn  Millionen auf Hoch­glanz zu bringen versprach, das Haus kommerziell nutzen, als Vielzweckbau. Ob Pop- und Rockkonzerte, Tourneetheateraufführungen,  Partys  oder Musical-Gastspiele: Hauptsache die Kasse stimmt. Künstlerische Ambitionen hat der neue Besitzer keine. An ein eigenes Ensemble und stehenden Repertoire- oder Stagione-betrieb war von Anfang an nie gedacht worden.  Keine Rede also kann davon sein, dass Berlin seinen einstigen Admiralpalast wieder zurückerhalten habe oder seinen schönsten Vergnügungspalast wiederentdeckt habe, wie medienwirksam in die Welt posaunt wurde, noch bevor das Haus am 11.8. 2006 wiedereröffnet wurde. Mit geschwellter Brust zogen die geladenen VIPs, flankiert von Bodyguards auf ausgerolltem rotem Teppich, im Schein des Blitzlichtgewitters in das halbfertige Theater ein, fast wie die Götter am Ende des „Rhein-golds“. Nur, dass im neuen alten Admiralspalast noch Fussbödenbelage und Lampen fehlten, Anstrich und Interieur. Das geneigte (und angesichts der teuren Kartenpreise) beneidete Publikum machte sich die Schuhe staubig. Es fehlte aber auch an personeller Ausstattung und Kompetenz. Die weitgehend outgesourcten Mitarbeiter des Hauses waren an Hilflosigkeit, Theaterfremdheit, Unfreundlichkeit und  Desorganisiertheit kaum zu überbieten. An ein Programmheft und an seine Karten zu kommen, war schon ein Abenteuer. Was mit enormer Medienkampagne zum Hauptstädtischen Gross-Event hochstilisiert wurde, entpuppte sich vollends als Etikettenschwindel, ja als Menetekel,  als der Vorhang aufging zur Eröffnungs-premiere mit Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ in der Regie von Klaus Maria Brandauer. Die Aufführung hatte etwas von Schülertheater. Eine Mischung aus Verweigerung und Unvermögen, ohne Biss, ohne Poesie, ohne jeden Hauch von wirklicher Sozialkritik. Ein Desaster trotz illustrer Besetzung mit dem ehemaligen Fass­binder-Schauspieler Gottfried John als konturenlosem Bettlerkönig Peachum, dem DDR-Star Katrin Sass als Peachums resoluter Gattin (immerhin eine Type) und dem Fernsehspieler Michael Kind  als fader Ausgabe von korruptem Polizeichef. Einzig die jetzige Volksbühnen-Schauspielerin Birgit Minichmayr konnte der Aufführung in der Rolle des verzogenen Görs Polly mit ihrer rauchigen Stimme einer Nachteule und dem rotzigen Zynismus einer durch-triebenen Idealistin ein Glanzlicht aufstecken. Auch Maria Happel als abgebrühte Spelunken-Jenny amüsierte immerhin, wenn sie nicht gerade sang.

Der von seinen Fans erwartungsvoll angehimmelte Punksänger Campino  von den „Toten Ho-sen“ hingegen machte als dilettierender Schauspieler dem Namen seiner Gruppe alle Ehre. Sein milchbubenhafter Mackie Messer glich einem Haifisch ohne Zähne. Von Figurenführung keine Spur, nicht nur in seinem Falle. Man wurstelte sich durch, singend (soweit man das Singen nennen konnte), sprechend, spielend, ohne Spannung, ohne Witz, ohne Tempo. Metiererfahrung hatte niemand. Jeder kämpfte mit den Noten.  Auch das auf Combo-Format eingedampfte Babelsberger Filmorchester zeigte sich von seiner deprimierendsten Seite. Weill hätte sich im Grabe umgedreht, hätte er gehört, wie die offenbar überforderten Musiker seine Musik verharmlos, um nicht zu sagen zu-, ja hingerichtet haben. Den lächerlich wild fuch-telnden Jan Müller-Wieland am Pult hatten wohl alle guten Geister verlassen. Die Aufführung dümpelte in (im Falle der Dreigroschenoper) nie gekannter, ja nicht für möglich gehaltener Langeweile vor sich hin. Ein Grossteil des  Publikums döste schon nach einer der ohne Pause drei Stunden währenden Aufführung gequält in den Sesseln. Nicht einmal das Bühnenbild von Ronald Zechner hielt wach. Ein paar aufgetürmte Container, die als Bettlerkostümfundus wie als Bordell herhalten mussten, ein paar Indutrielampen, ein paar Stühle, mehr war in der obwaltenden Kargheit und Düsternis nicht zu sehen. Auch kostümlich herrschte Grau vor: alles andere als eine Augenweide. Farben waren in dieser Inszenierung Mangelware wie Inspiration und Phantasie. Mit Brechts und Weills unterhaltsam beissender wie gleissender  Kapitalismusparodie hatte diese trostlose erste Produktion des wiedereröffeneten Admirals-palastes, für die Lukas Leuenberger verantwortlich zeichnet, nichts mehr zu tun. Schade!  Mit Wehmut dachte man an die „guten alten Zeiten“ des Hauses. An dessen Zukunft mag man angesichts dieses Auftakts gar nicht denken.

 

 

(Das Orchester/Schott)