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Dieter David Scholz

Ein deutsches Missverständnis. Richard Wagner zwischen Barrikade und Walhalla. 381 S., Parthas Verlag 1997

Leseprobe

11. Szenen einer Ehe: Cosimas Wagner und Wagners Cosima

Nicht nur Richard Strauss, auch Richard Wagner hatte ein „Heldenleben“ komponiert: „Siegfrieds Trauermarsch“. Er findet sich als orchestrales Intermezzo im dritten Akt der „Götterdämmerung“. Man darf es als Rekapitulation der wesentlichen Handlungs-Momente und musikalischen Motive, aber auch als in sich abgeschlossene sinfonische Dichtung des Siegfried-Dramas verstehen. Eine Rückschau auf Liebe und Haß, Kampf und Aventüren, Leben und Sterben des Wagnerschen Helden, der auszog, das Fürchten zu lernen, um in göttlichem Auftrag die Welt zu erlösen - und doch das tragischste Opfer des Nibelungen-Fluches wurde.

Wagner komponierte dieses Stück im August 1871. Er war inzwischen etabliert und anerkannt, dirigierte vor dem  Kaiser eigene Werke und setzte erstmals seinen Fuß in die Stadt Bayreuth, die er zur Errichtung seines Festspielhauses auserkoren hatte, gemeinsam übrigens mit Frau Cosima, seiner zweiten und letzten Ehefrau, die schon zu Wagners Lebzeiten eifrig an ihrer Selbststilisierung arbeitete um von Wagners Nachwelt vollends als „Hohe Frau“ verklärt zu werden, die sie - bei all ihren Verdiensten - nicht wirklich zu sein gewesen schien! Die Ehe zwischen Richard und Cosima - so sehr sie im Sinne einer Produktionsgemeinschaft für ihn jedenfalls von Vorteil war - sie war kein ungetrübtes Glück. Die Tagebücher Cosimas enthüllen es Seite für Seite und unmißverständlich für den, der Augen hat zu sehen.

In jenem „Trauermarsch-Kompositions-Monat“ August des Jahres 1871 war es, als Wagner - im Alter von 58 Jahren - Cosima erklärte, und sie hat es am 20. August aufgeschrieben, „daß mit dem Geschlechtstrieb (...) alle Produktivität zusammenhängt“. Schon von Kindheit an fühlte Wagner eine starke Affinität zu Fausts Worten vom „Ewig-Weiblichen“, das uns hinanziehe. Erlösung des Mannes durch die Frau: das war sein Thema vom „Holländer“ bis zum „Tristan“, in gewissem Sinne sogar bis zum „Parsifal“. Man darf Wagner ohne zu übertreiben als den Erotomanen unter den Opernkomponisten bezeichnen. Seine Opernbühne ist der Tummelplatz erotischer Konstellationen der heikelsten und pikantesten Art: Reflex seines privaten Lebens, in dem die Ehe (allen Verklärungen zum Trotz) keineswegs die alleinseligmachende Form erotischer Selbstverwirklichung war, auch und gerade nicht die Verbindung mit Cosima. Sein „Weltabschiedswerk“ „Parsifal“, unter Cosimas Obhut komponiert, wurde denn auch zum resignativen Alters-Drama der Sinnenabtötung, eine mythisch-pseudochristliche Entsagungsoper par excellence. Der vergebliche Versuch, den Anfechtungen seiner Sexualität Herr zu werden. Indes, sie sollten ihn bis zum Tage seines Todes verfolgen. Wagner kam von den Frauen nicht los!

Das offizielle Dreigestirn der Frauen in Wagners Leben hieß Minna, Mathilde und Cosima. Die erste hatte er geheiratet, die zweite war seine unsterbliche Geliebte, die dritte, Cosima - uneheliche Tochter Franz Liszts und der Gräfin d'Agoult - heiratete ihn. Nach Jahren wilder Ehe mit Richard hatte sie ihrem Gatten, Hans von Bülow, den Laufpaß gegeben. Schuldgefühle quälten sie noch Jahrzehnte später. Ein Skandalon in der damaligen Gesellschaft. Dennoch genoß sie als resolute wie aufopferungsvolle Wagner-Gattin schon bald den Respekt und die Ehrerbietung der Mitwelt.

 

Cosima hat Richard um 47 Jahre überlebt. Nicht erst, als sie 1930 starb, wurde sie verklärt zur unsterblichen Geliebten Wagners, zur ebenbürtigen Künstlergattin und Verwalterin seines Werks. Ein fataler Irrtum, wie die Tagebücher Cosimas eindrucksvoll bezeugen! 1976 wurden diese Tagbücher nach wechselvoller Geschichte mit unklaren Rechtsverhältnissen und langfristigem Publikationsverbot veröffentlicht. Ein einzigartiges kulturgeschichtliches Dokument von mehr als zweitausend Seiten Umfang, geschrieben zwischen dem 1. Januar 1869 und dem 12. Februar 1883, dem Todestag Richard Wagners. 

Gegen alle Vermutungen mancher Zweifler, es handele sich bei diesen Tagebüchern um nicht mehr als ein neu erschlossenes Medium stilisierter Selbstdarstellung der Autorin und idealisierter Darstellung ihres Mannes, kann man nur verweisen auf die oftmals geradezu naive Offen- und Treuherzigkeit, mit der die Diaristin einer Verklärung ihres Gatten und „Meisters“ zuweilen gar nicht so Förderliches zu Papier gebracht hat. Ganz zu schweigen von den von ihr festgehaltenen negativen Äußerungen ihres Mannes über sie selbst. Auch wenn Cosima manches biographische Ereignis unterschlagen und natürlich nicht alle Aussprüche Wagners notiert hat, so ist doch die Authentizität der von ihr notierten Aussprüche Richard Wagners kaum zu bezweifeln. Es kann angesichts ihres fast pathologischen Unwertgefühls, das gepaart war mit einem Rollenverständnis als Frau und Künstler-Gattin, das von ihr völlige Selbstverleugnung und Unterwerfung unter den Willen ihres Genie-Gatten forderte, wohl für bare Münze genommen werden, was die fromme Liszt-Tochter Cosima am 16. Januar 1871 in ihr Tagebuch schrieb: „Jedes Wort von ihm ist mir ein Glaubenssatz“.

Menschliches, Allzumenschliches hat Cosima in ihren Tagebüchern überliefert, Episoden, die in das Altarbild, das die Nachwelt von Wagner zu malen sich auf unterschiedlichste Weise bemühte, nicht so recht passen wollen. Auch hat sie in (wie es scheint) naiver Gewissenhaftigkeit und Demut kritische, allzu kritische Bemerkungen ihres Mannes über sie selbst, die „Frau Meisterin“ notiert, Bemerkungen, die ein neues Nachdenken über die Rolle Cosimas in einer bisher als ideal verklärten Ehe- und Geistesgemeinschaft nötig machen, eine Ehe, die so ideal nicht war. Zu schweigen von Cosimas frömmelnden Selbstanklagen und den Bekenntnissen ihres Inferioritätsbewußtseins.

Nicht ohne Grund haben, dilletantisch zwar und in töricht harmloser Absicht, einige fromme Tempeldiener Bayreuths versucht, die Tagebücher im Nachhinein einer reinigenden Zensur zu unterziehen. Die gewissenhafte Edition Martin Gregor-Dellins und Ditrich Macks hat dies glücklicherweise zum Vorschein gebracht und korrigiert. Man kann die Bedeutung der Tagebücher Cosimas für die Wagenrforschung gar nicht hoch genug veranschlagen. Und man darf Hans Mayers vielzitierter Forderung: „Wer sich mit Richard Wagner abgibt, muß sich auf das Ganze einlassen.“ auch in Bezug auf die Tagebücher Cosimas zustimmen: Richard Wagner konnte, „wie die Aufzeichnungen Cosimas von 1869 bis Februar 1883 ausführlich belegen, alle geistigen Stationen seines Lebens, auch alle Lebenserfahrungen eines geistigen Mitläufers, in fast unschuldsvoller Gleichzeitigkeit bis zum Schluß für sich aufbewahren(...): Heinse und Feuerbach, Proudhon und Bakunin, Schopenhauer und die Rassentheorien des Grafen Gobineau“. Noch sechs Tage vor Wagners Tod liest man in den Tagebüchern Cosimas Wagners Ausspruch: „Eigentum! Der Grund alles Verderbens“.  Und in der letzten Eintragung, die Cosima hinterließ, an jenem Tage, an dem Wagner starb, heißt es: „Er geht an das Klavier, spielt das Klage-Thema 'Rheingold, Rheingold', fügt hinzu: 'Falsch und feig´ ist, was oben sich freut.' 'Daß ich das damals so bestimmt gewußt habe!' - - Wie er im Bette liegt, sagt er noch: 'Ich bin ihnen gut, diesen untergeordneten Wesen der Tiefe, diesen sehnsüchtigen.' “

 

In den Tagebüchern der Cosima ergießt sich eine so faszinierende wie desillusionierende, beinahe erdrückende Informationsflut über den Leser dieser vieltausend Einzeleintragungen: „Szenen einer Ehe“. Daneben Gedanken und Gespräche über Kunst und Politik, Musik und Literatur. Selbstbekenntnisse Wagners von frappierender Schonungslosigkeit. Aber auch und gerade Alltägliches ist notiert, Gemeines und Besonderes, Einträchtiges wie Disharmonisches, Bewegendes wie Banales.  Diese Tagebücher dokumentieren das vierzehnjährige Paradebeispiel einer bürgerlichen, ehelichen Auseinandersetzung mit konstruktiven Folgen trotz grundsätzlicher Dissonanzen. Sie lesen sich wie das missionarische Protokoll über All- und Feiertag eines „Hohen Paares“ in den Niederungen der Wirklichkeit. Sie enthüllen vor allem die ganze Verschiedenheit der Persönlichkeiten Richards und Cosimas. Schonungslos ausschweifend ergeht sich Cosima immer wieder in gequälten Reflexionen und Selbstanklagen, in denen sich religiös verbrämter Masochismus und pathologische Selbsterniedrigung verraten. Geradezu erfrischend lesen sich ihre halb pathetisch, halb betulich-akribischen Aufzeichnungen über Wagners humorig-kauzige Äußerungen einer erstaunlichen geistigen Beweglichkeit und Weitsicht, seinen immensen Produktivitätsdrang und seine menschlich-allzumenschlichen Schwächen und Schäbigkeiten.

Es darf als ein Glücksfall für die Wagnerforschung bezeichnet werden, daß ihr Pflichtgefühl Cosima immerhin veranlaßt hat, eine Fülle gerade solcher Äußerungen Wagners aufzuschreiben, die die ganze Diskrepanz des politischen, weltanschaulichen, nicht zuletzt auch 'antijüdischen' Denkens Richards und Cosimas deutlich zutage treten lassen. Unterschiede, die allerdings in der Wagner-Literatur häufig verwischt werden. Vieles im Werk und im Leben Wagners muß man seither anders bewerten, anders verstehen. Auch die Ehe zwischen Wagner und Cosima. Dennoch wurde und wird die Ehe- und Arbeitsgemeinschaft zwischen Cosima und Richard immer wieder verklärt zum Paradigma bürgerlicher Zweisamkeit, als letzte große Manifestation der Ehe-Utopie. Allen verklärenden Vokabeln von der Einmaligkeit und der Idealität der Ehegemeinschaft Cosima-Richard zum Trotz drängt sich bei genauer, kritischer Lektüre der Tagebücher der Eindruck auf, daß diese Ehe nicht durchaus glücklich gewesen sein muß. Schon bald nach ihrer endgültigen Vereinigung mit Wagner (im Jahre 1869) verfiel Cosima mehr und mehr in eine bigotte Religiösität. Am 3. 11. 1873 schreibt sie in der für sie typischen. naiv-sentimentalen Religiosität in ihr Tagebuch: „Allerseelentag! Ich gehe zu Beichte und Abendmahl (...) am Altar einzige Gemeinsamkeit mit dem Volke, Sorge, Kummer, in Reue und Andacht sich verlierend, nicht nur kein Zweifel, sondern kein Gedanke möglich in dieser Wahrhaftigkeit des Glaubens... unausgesprochene Liebe waltet, und meine Seele begrüßt die ernsten gefurchten Bauernantlitze, das bist du, und alles bist du, alles zum Leib geboren, zum Heil erkoren; ewige Ruhe, kein Wunsch ist wach, keine Sorge sehrt, kein Leiden kränkt, keine Sünde quält, in allen Tiefen ist Ruh, keine Regung spürest du, und nun ruhst du auch!“ Am 1. 2. 1871 liest man: „den ganzen Tag möchte ich beten, büßen, danken“; und am 21. November 1874 vertraut sie ihrem Tagebuch an: „Und so freue ich mich meines Schmerzes und falte dankbar die Hände!“. In einem durchaus sebstkritischen Augenblick erkannte Cosima: „Ich könnte mir leicht denken, daß eine andere Zeit mich als religiöse Schwärmerin gesehen hätte“. Wagner hat Cosimas Frömmelei und Bigotterie früh durchschaut. An manchen Tagen kann er sich, wie Cosima notiert hat, ihr gegenüber die Bemerkung nicht versagen, sie trage wieder einmal ihr „katholisches Gesicht“. Worüber die - im Gegensatz zu Richard - völlig humorlose Cosima wohl kaum gelacht haben dürfte. Ihre Gesamtpersönlichkeit war der Richards in vielem diametral entgegengesetzt: sie war politisch konservativ-reaktionär, erzkatholisch, auch wenn sie, Richard zuliebe, zum Protestantismus übertrat, sie war, um es direkt zu sagen, offensichtlich verklemmt, war ohne Humor, ohne Sinnlichkeit, autoritätshörig und von einer bildungsbürgerlichen Beflissenheit, die verglichen mit der künstlerischen Kreativität, Quirligkeit und Flexibilität Richards, der bei aller Saturiertheit seiner beiden letzten Lebensjahrzehnte doch auch immer der jungdeutsche Bürgerschreck geblieben war, konservativ und lähmend genannt werden muß. Ihr immenses Schuldgefühl gegenüber Hans von Bülow, den sie Wagner zuliebe verlassen hat, aber auch ihr extremes Unwertgefühl gegenüber Richard Wagner kompensierte sie mit fanatischer Religiosität und unbelehrbarem Antisemitismus. „Das Gefühl meines Unwertes steiegert sich täglich“ heißt es in einer Tagebuch-Notiz vom 29.11.1877.

Richard unterwarf sie sich denn auch völlig. Sie verehrte ihn nicht nur, sondern betete ihn geradezu an, wie sie es später auch von der Welt verlangte, als künstlerisches Genie „und als gewaltige Rettung des germanischen Geistes“. Richard erscheint ihr „immer göttlich und einzig“. Deswegen notiert sie auch alles, was ihr Gedächtnis zu speichern vermag, sorgfältig in ihr Tagebuch. Es wimmelt in den Tagebüchern von selbstquälerischen Bekenntnissen übergroßer Schuld- und Inferioritätsgefühle. Und Cosimas Devise lautete: „mich laßt mit Fassung leiden, daß meiner Sendung ich nie vergesse“.

 

Cosimas drittes Lebensproblem bestand neben Schuldgefühlen (gegenüber Bülow) und Unwertgefühlen (gegenüber Richard) darin, daß sie schlichtweg an ihrer Weiblichkeit litt. Sie vermochte kein solides Selbstwertgefühl als Frau zu entwickeln. So wie sie auf der Suche nach einem Gatten war, zu dem sie aufblicken konnte, sehnte sie sich nach einer Mutter, die sie ja in der Tat in ihrer von Gefühlsarmut und Liebesentzug bestimmten Kindheit schmerzlich vermißt hatte. Am 20. 2. 1869 schreibt sie im Tagebuch: „wie glücklich ich jetzt sein würde, wenn ich eine Mutter hätte! Eine Mutter, die alles verstünde“. Cosimas weibliches Rollenideal, ihre Vorstellung von der Aufgabe der Frau, kommt unzweideutig zum Ausdruck in einer Notiz vom 22.4.1879: „Die tierische Geduld zur heiligsten Aufopferung erhebend, so begreife ich sie.“ Daß Cosima die aufkommende Emanzipations­bewegung der Frauen, zu deren Vorkämpferinnen einige Freundinnen Wagners gehörten, mit Abscheu betrachtete, bedarf keiner Erläuterung. „Dienen, dienen!“, um die Worte Kundrys zu zitieren, das war Cosimas Losung.

Auch wenn Wagner am Vorabend seines Todes, wie sie am 12. 2. 1883 notierte, ihr nach langer und zärtlicher Umarmung das rätselhafte Bekenntnis zugeraunt haben soll „Alle 5000 Jahre glückt es!“. Was immer damit gemeint war, diese Ehe war, genau betrachtet, eher unglücklich. Mit Sicherheit zumindest in erotischer Hinsicht. Schon am 16.6.1869 stellt Cosima eine tiefgreifende Differenz zwischen ihr und Richard fest, dergestalt, „daß er Freude an Wohlsein und hübschen Dingen hat, während ich beinahe lieber entbehre als genieße“. Schon etwas konkreter heißt das im Zusammenhang von Gesprächen „apropos von Geburten oder von Erzeugungen: Nachmittags einigen Kummer, daß Richard sich in seinen Neigungen nicht einschränken läßt.“ Richards spöttischer Kom­mentar zu ihrer asketischen Haltung bei anderer Gelegenheit: „Ja ja, ich weiß, du möchtest auch gern solch eine Entsagungs-Wirtschaft hier einführen, ich weiß doch -“ (6.8.1869) Am 16. Mai 1870 klagt Cosima erneut: „Könnten wir die Leidenschaften doch bezähmen; könnten sie aus dem Leben gebannt sein“, einige Tage später vertraut sie ihrem Tagebuch an: „wie ich schon lange dem sinnlichen Ausdruck der Liebe entsage, nahm ich mir vor, jedwede kleine Freude, ja nur Annehmlichkeit zu opfern“ (1.6.1870). Und schon am 12. November 1869 konstatierte sie: „ich glaube, ich wäre jetzt für das Kloster reif.“ Aber selbst 12 Jahre später noch, am Abend des 13. 1. 1881 notiert Cosima: „Gute Nacht und stets dieselbe liebe Kloster-Ordnung.“ Was Wunder, wenn Wagner (stets verfolgt von Cosimas Eifersucht) in diversen erotischen Eskapaden Zuflucht suchte. Was Wunder, daß er den „Parsifal“ schrieb! Doch auch beim Schreiben des „Parsifal“ kam er nicht ohne eine erotische Muse aus. Der Schriftstellerin Judith Gautier schrieb er glühende Liebesbriefe. Sie schickte ihm Parfums und Stoffe aus Paris. Ihr Besuch in Wahnfried hätte fast zum Eklat zwischen Richard und Cosima geführt. Selbst seine letzten Lebenstage waren überschattet von erotischen Eskapaden: die Rede ist von der Sängerin eines Blumenmädchens namens Carrie Pringle. Sie wollte Wagner besuchen, im Februar 1883. Er hatte sie eingeladen. Darüber kam es zwischen Richard und Cosima zu heftigem Streit, der möglicherweise jenen tödlichen Herzinfarkt Wagners am frühen Nachmittag des 13. Februar 1883 ausgelöst haben mochte. .  

Noch die Witwe Cosima verstand und präsentierte sich als Inbegriff einer Leidenden, deren Daseinsberechtigung nur im Bewahren und Ausführen des letzten Willens ihres „ Meisters“ lag. Demonstrativ hatte sie sich nach seinem Tod ihre langen Haare abgeschnitten und in den Sarg Richards gelegt. Die Welt sollte sie nur noch als Wagner-Witwe sehen, die der Sinnlichkeit gänzlich abhanden gekommen war. Aber wir wissen, daß Cosima nicht erst nach Wagners Tod litt! Schon ihre Ehe mit Richard liest sich in ihren Tagebüchern - allen Glücksbeteuerungen zum Trotz - wie ein vierzehnjähriger Leidensbericht.

Cosima litt täglich und in sich hinein nach dem Motto: „Leiden, ewiges, unerforschliches Leiden, sei Du still getragen“, wie sie am 31. Januar 1869 notierte. Ihr einziges Ventil war ein ausgeprägter Franzosen-, Sozialisten-, Jesuiten- und Judenhaß. An Richard hatte sie keine Stütze, keinen Gesprächspartner für ihr Leiden und ihre Sorgen. Er hatte nur Ohren für seine eigenen Probleme und Kümmernisse, widmete sich fast ausschließlich seinem künstlerischen Schaffen. So sind die Tagebücher Cosimas, die ja eigentlich (zunächst den Kindern, später nur noch) dem Sohn Siegfried als detaillierte Erinnerung an seinen Vater zugedacht sind, zunehmend auch so etwas wie ein stummer Vertrauter intimster Eingeständnisse und Mitteilungen, die sich Cosima vom Herzen, wo schon nicht reden, so wenigstens schreiben konnte: „Wem ihn sagen, wem ihn klagen diesen Schmerz, gegen R. kann ich nur schweigen, diesen Blättern vertraue ich es an, meinem Siegfried“ So liest man am 21.November 1874. Cosimas Tagebücher dürfen - unter dieser Perspektive gelesen - als intime Dokumente heimlicher Opposition gegenüber Richard verstanden werden. Viele Jahre hat sie diesen Schmerz wohl zu ertragen sich bemüht. Kein Wunder, daß sie irgendwann danach trachtete, aufzubegehren, ein Stück weit wenigstens das aufgeopferte, unterdrückte Selbst zu verwirklichen. Wohl nicht nur am 25. Januar 1869 fragte sie sich: „Was sind wir ohne diese Teilnehmung an dem Genius?“

Richard hielt Cosima für kindlich, er nannte sie gern seine „gute Glucke“ (23.1.1870). Vielleicht hielt er sie für zu kindlich, um eine Beeinflussung ihrerseits für möglich zu halten. Aber so ganz naiv war Cosima nicht. Immerhin versuchte sie, Richard mit ihren eigenen Vorstellungen und Gedanken, ihren Wünschen und ihrer Religiosität zu beeinflussen. Wenn auch mit wenig Erfolg, so versuchte Cosima doch, sein revolutionäres, utopisch-sozialistisches Denken zurückzudrängen und impfte ihn, nicht gänzlich ohne Er­folg, mit ihren aristokratischen, antifranzösischen und antijüdischen Vorstellungen. 

Es waren aber vor allem ihre religiösen (und damit korrespondierend die antijüdischen) Vorstellungen, mit denen sie, bei genauer Kenntnis seiner ideologischen Ambivalenzen und Anfälligkeiten, aber auch seiner antisemitischen Vorurteile, Wagner äußerst geschickt zu infiltrieren verstand. Überhaupt war die Religionsausübung, Kirchgang, Lektüre christlicher Bücher und Bußübungen, allen abschätzigen Äußerungen Wagners zum Trotz, für Cosima, die nur des lieben Friedens mit Richard wegen zum Protestantismus konvertierte, neben dem Dienst am vergötterten Gemahl das Wichtigste, wie zahllose Eintragungen in den Tagebüchern bezeugen. Sie war eben doch - in dieser Hinsicht zumindest - die Tochter ihres Vaters, der ja ebenfalls (im Gegensatz zu ihr allerdings mit ausgeprägter Sinnlichkeit ausgestattet) einen Hang zu Bigotterie und Frömmelei hatte:

 

Cosima hielt Richard, je länger sie mit ihm zusammenlebte - für „göttlich“, sie verklärte ihn zum „Meister“ und erhob sein Werk ins Quasi-Religiöse. Ihr Ziel war die Gründung einer Gemeinde. Bayreuth sollte zum Zentrum einer religiösen Regeneration werden.

Von Anfang ihrer Gemeinschaft an fühlte sich Cosima zuständig für das, was man heute „Öffentlichkeitsarbeit“ nennt und zelebrierte in Wahnfried einen weihevollen Repräsentationsstil. Sie war an der Gründung der Hauszeitschrift der „Bayreuther Blätter“ nicht unwesentlich beteiligt. Sie war sie es auch, die die Herausgabe eines Wagner-Lexikons initiierte und die Entstehung der ersten, so monumentalen wie idealisierenden Wagner-Biographie Carl Friedrich Glasenapps förderte. Cosima nahm schon zu Lebzeiten Wagners seine finanziellen Angelegenheiten energisch in die Hand und entwarf konsequent ein stilisiertes Bild vom „Bayreuther Meister“, weihte Wahnfried und das Festspielhaus zu Tempeln einer fast sakralen Kunst, deren Höhepunkt sie im „Parsifal“ erblickte. Sich selbst machte Cosima zur Oberpriesterin, Wagner wurde zum sakrosankten Genius erklärt.

Aber bereits in einem Brief von 1865, also aus der Anfangszeit der Beziehung Cosimas zu Richard, beklagte der Komponist Peter Cornelius, wie auch andere Freunde Wagners aus früheren Jahren, die zunehmende Entfremdung gegenüber Wagner seit dem energisch-dominanten Auftreten Cosimas, die ihn ganz und gar beherrsche: „Die Hauptsache aber ist das Liebesverhältnis zwischen Wagner und Cosima... Seitdem ist Wagner gänzlich und unbedingt unter ihrem Einfluß. ... man kann ihn nicht mehr allein sprechen, es kommt kein Brief mehr an ihn, den sie nicht erbricht und ihm vorliest...“

Am 16. November 1868 zieht Cosima endgültig zu Richard Wagner nach Tribschen in das gemeinsame Haus. Am 1. Januar 1869 beginnt sie mit der Niederschrift ihres Tagebuchs. Am 15. Juni bittet Cosima Hans von Bülow schriftlich um die Einwilligung zur Scheidung. Die gemeinsame Niederschrift der offiziellen, nicht zuletzt für den bayerischen König geschriebenen Autobiographie Wagners, die er zunächst auf eigene Kosten in wenigen Exemplaren unter dem Titel „Mein Leben“ drucken läßt, wird beendet. Das Tribschener Idyll beginnt! Eine der ungetrübtesten, wenn auch kurzen Zeiten im Leben Richard Wagners, in der das Zusammenleben mit Cosima wohl glücklich genannt werden darf, in der übrigens auch die Freundschaft mit Friedrich Nietzsche ihren Höhepunkt errichte.

Zum 33. Geburtstag Cosimas, also am 25. Dezember 1870, überraschte Richard Wagner sie mit der Darbietung eines musikalischen Geschenkes. Auf der Treppe des Tribschener Hauses läßt er eine Geburtstagskomposition von einem kleinen Orchester musizieren: Cosima nennt sie in ihrem Tagebuch noch „Tribschener Idyll“. Wagner hat das Stück später, bezugnehmend auf die in der Komposittion verarbeiteten Motive aus dem soeben fertiggestellten „Siegfried“ und auf die zurückliegende Geburt seines Sohnes Siegfried, „Siegfried-Idyll“ genannt, es ist eine seiner intimsten, seiner schönsten Kompositionen.