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Dieter David Scholz
Pier Luigi Pizzis Meyerbeer-Ausgrabung:
"Il Crociato in Egitto"
am Teatro La Fenice, Jan. 2007

Meyerbeers Oper über Den
Kreuzfahrer in Ägypten ist ein Werk des "Nicht-mehr-und noch-nicht",
ganz italienische Oper im Fahrwasser Rossinis, aber doch schon mit
Verdi-Vor-klängen. Mit dieser Oper, die im venezianischen Teatro La Fenice
1824 uraufgeführt wurde, wurde Meyerbeer der berühmteste Komponist
italienischer Opern neben Rossini und errang einen seiner größten Triumphe.
Gefeiert wird diese Oper auch jetzt, 2007 wieder, im Teatro La Fenice, wo
die erste moderne Aufführung des Stücks zu erleben ist. Seit über hundert
Jahren war die Oper auf den Bühnen vergessen.
Dass man sich in diesem
Jahr entschlossen hat, Giacomo Meyerbeers sechste und letzte seiner
italienischen Opern auszugraben, ist mutig, denn sie stellt nicht nur an
Mitwirkende, sondern auch an die Zuschauer höchste Anforderungen. Zwar
verließen nach dem ersten Akt, er dauerte zwei Stunden, viele Zuschauer das
Theater, aber wohl eher aus Unverständnis für die – zugegeben - dramatisch
etwas spannungslose Werkstruktur der Oper an sich. Sie for-dert sensible
Ohren, viel Geduld und gutes Sitzfleisch. Der überwiegende Teil des
Publikums harrte aus und war dankbar für diese hochinteressante
Opernausgrabung von ästhetisch geradezu kulinarisch
beglückendem Seltenheitswert.
Aber auch sängerisch kann
sich die Aufführung hören lassen. Der junge Bass-Bariton Marco Vinco singt
einen virilen Sultan, die Mezzosopranistin Laura Polverelli eine
hinreißende, in Männerkleidung auftretende Felicia, Nichte des
Kreuzritter-Großmeisters Adriano, den der Tenor Fernando Portari mit
heldischen Belcanto-Qualitäten ausstattet. Als Sensation dürfte vielen der
junge, außergewöhnliche New Yorker Sopranist Michael Maniaci erscheinen, der
den Ritter Amando singt. Ein hochvirtuoser Falsettist, dessen Verfallszeit
bei dem scho-nungslosen vokalen Einsatz, den er wagt, kurz sein wird. Auch
Patrizia Ciofi als Sultans-tochter Palmide, die intelligent und
hochmotiviert singt, ist doch eine stimmlich schon etwas waidwunde Virtuosa
des Koloratursopranfachs.
Dennoch: die Aufführung ist
insgesamt auf einem Niveau, das verblüfft. Es ist immer wieder erstaunlich,
welchen Opernluxus sich auch heute noch die kleine, wirtschaftlich nicht
eben mehr bedeutende Stadt Venedig leistet. Nicht nur, dass man das 1996
abgebrannte Opern-haus im Jahre 2004 prachtvoll wiederaufgebaut hat, in
altem Glanz, als täuschend echte Kopie des traditionsreichen
Uraufführungshauses, eines der bedeutendsten in Italien. Man bringt immer
noch und immer wieder außergewöhnliche Produktionen heraus, und das Publikum
lässt es sich etwas kosten. Ein wohlsituiertes, wohlerzogenes Publikum, das
zum elegantesten Europas zählt. Nun ist in Venedig, wo Oper an sich
selbstverständlicher Aus-druck bürgerlichen Selbstverständnisses ist, wie in
keiner anderen Stadt der Welt mehr, schließlich die Stadt der ältesten
Operntradition Europas. Es ist traditionell ein gesell-schaftliches
Großereigenis, wenn im schönen Teatro La Fenice, in Anwesenheit höchster
Repräsentanten von Staat und Kirche, Gesellschaft, Kultur und altem Adel die
Stagione eröffnet wird, kurz vor Beginn des Karnevals, der sich auf den
Strassen schon dezent an-kündigt. Seit dem 18. Jahrhundert die traditionelle
Eröffnungszeit der Opernstagione. Das Stück, mit dem sie in diesem Jahr
beginnt, ist alles andere als karnevalistisch. Es geht um den blutigen
Macht- und Herrschaftsanspruch zwischen Muslimen und Christen, es geht um
einen Kulturkampf und natürlich, wie in der Oper üblich, um einen
Liebeskonflikt zwischen einer Muslimin und einem Christen, angesiedelt im
13. Jahrhundert in Ägypten während des sechsten Kreuzzuges.
Die Aktualität dieser
Kreuzfahrer-Oper liegt auf der Hand. Man kann sich die fernseh-gerechten
Nahost-Bilder aktualisierungswütiger Vertreter modernen Regietheaters
vorstellen. Anders in Venedig. Keine Maschinengewehre, keine Panzer, keine
abgeschlagenen Köpfe, die noch unlängst in Berlins Deutscher Oper in einer
Inszenierung von Hans Neuenfels für Fu-rore sorgten, keine prominenten
amerikanischen oder arabischen Politiker auf der Bühne, nichts derlei.

Altmeister Pier Luigi Pizzi,
unangefochtener Regiekönig der Oper in Italien, zeigt in strengen, klaren,
ästhetisch ausgezirkelten Schwarz-Weis-Bildern den Konflikt des Stücks
zeitlos symbolisch. Das Symbol der Muslime ist bei ihm das arabische Wort
Allah, das schwarz auf weißem Vorhangschleier geschrieben steht, in schöner
arabischer Kalligraphie. Ein großes Kruzifix symbolisiert das Christentum.
Die Kreuzritter bringen es auf einem riesigen schwarzen Schiff, das lautlos
auf die Bühne gleite, ins „Reich des Bösen“, das sich am Ende als das des
Guten erweist, denn am Ende steht bei Meyerbeer und seinem Librettisten
Rossi die Versöhnung, eine muslimisch-christliche Utopie. Schon deshalb hat
Pizzi das Werk nicht ins Hier und Heute verlegt, denn reale Utopien und
Versöhnungen sind heute selten. Und er zeigt die Muslime in geradezu
verschwendungssüchtiger, sinnlich-lebensfreudiger Farbigkeit, im Kontrast
zu den asketisch schwarz-weißen Kreuzrittern. Auf der leeren, schwarzen
Bühne des Teatro la Fenice entfaltet Pizzi vor immer wieder herabfahrenden
weißen Schleiern eine wahre Kostümorgie. Es sind historische Kostüme in
erlesensten Stoffen, Pizzi hat für die Ritter und Emire, die Imane und
Ägypter, für Herolde und Waffenträger noch einmal die hohe Kunst
venezianischer Stoffmanufakturen bemüht. Er läßt Auftritte zelebrieren,
Gänge muten geradezu rituell an, Pantomime und Tanz werden geschmackvoll
eingefügt. Mancher mag das altmodisch nennen. Andere werden das Fehlen
jeglichen naseweisen Kommentars der Eigenbefindlichkeit des Regisseurs als
wohltuend emp-finden. Ein Augenfest ist diese Inszenierung allemal. Und der
eben 34-jährige, in Strassburg geborene Dirigent Emmanuel Villaume, einer
der aufsteigenden Nachwuchsdirigenten in den USA, weiß die Musik Meyerbeers
adäquat zu realisieren als durch und durch italienische Oper, aber auch als
Zukunftsmusik. Ein besonderes Lob gebührt dem fabelhaften Chor des Teatro La
Fenice, der in diese Oper tragende Funktion hat, aber auch dem Orchester
des Teatro La Fenice. Es folgt der klangsinnlichen wie klug durchdachten
musikalischen Lesart Emmanuel Villaumes präzise, klangschön, ja brilliant
gerade auch in den vielen solistischen Einsätzen der
Blasinstrumente. Erstaunlich, wie sich dieses Orchester inzwischen einen
Spitzenplatz unter den Opernorchestern Europas eroberte.
DLF,
DW & Schott Verlag (Das Orchester)
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