HOME Dieter David Scholz

Rezension

 

 

Verblödelt, verharmlost, banalisiert


W. A. Mozart: "Cosi fan tutte" – Opernhaus Leipzig
Regie Peter Konwitschny. Premiere 4.3.2011

Moderator: Konwitschnys "Cosi fan tutte" kam in der Spielzeit 2005/2006 an der Komischen Oper in Berlin heraus, wurde dann  in Graz gezeigt und ist jetzt in Leipzig noch einmal recycled worden. Ist die Inszenierung denn so gut, dass sie mehrfach aufgewärmt werden kann?

Scholz: Darüber werden die Meinungen natürlich auseinander gehen.  In jedem Fall ist so eine Inszenierungsübernahme kostensparend, und das dürfte in jedem Fall an der Leipziger Oper ein ausschlaggebende Punkt sein. Ausser-dem muss man ja feststellen, dass das Haus mehr oder weniger zur Bühne Peter Konwitschnys gemacht wurde, an der das Aufwärmen alter Inszenie-rungen Konwitschnys Methode hat. Egal, wie die Inszenierungen zu bewerten sind. Diese Cosi fan tutte-Inszenierung  wurde ja bei ihrer Berliner Premiere schon von der Kritik  sehr gescholten, sie sei „plakativ“ (FAZ), sie sei eine „verzappelte Klamotte“ (DieZeit), eine „quietschige Komödie“(Die Welt), ja ein „karnevalkrachendes Gegenkonzept“ (FAZ) zu Mozart. So war in den überre-gionalen Gazetten zu lesen. Dem kann man nicht widersprechen. Konwitschny nimmt tatsächlich Mozarts schwarze Buffa nicht in ihrer Abgründigkeit ernst. Er zeigt  das Stück nicht als das düstere Endspiel der Liebe vom Verlust aller Liebes-lllusionen. Ich empfinde das als Verharmlosung, ja Banalisierung des Stücks.

Moderator: Sie sagen, Konwitschny zeigt kein Endspiel der Liebe. Wie versteht und erklärt er denn das Stück?

Scholz: Konwitschny zeigt zwei Paare, die angestiftet von einem alten Zyniker, Partnertausch betreiben, um die Treue ihrer Frauen auf die Probe zu stellen. Eine buffa übers Erwachsenerden soll das sein. Das beginnt als heiteres Spiel und endet mit der verwirrenden Einsicht, dass ihre bisherige Vorstellung von Liebe und Treue der Wirklichkeit nicht standhält. Konwitschny  erzählt das vor blau-weissem Wölkchen-Himmel, vor Dschungelkulisse à la Henri Rousseau und in heiteren Rokokokostümen. Die  beiden  Liebhaber entkleiden sich peu a peu, um den zweiten Teil der Oper in Unterhosen aufzutreten.  Menschen in Unterhosenauftritten liebt Konwitschny ja besonders. Auch in seinem Don Gio-vanni hat er das ja extensiv bekannt. Jörg Kossdorf hat Konwitschny die Dreh-bühne zu einer Art Kochplatte der Gefühle umgebaut. Immer wenn die Emotio-nen hochschlagen sollen, glühen die Heizspiralen rot auf: Achtung: Gefühle. Damit auch kein Zuschauer sie verpasst.

Moderator: Ist das denn wirklich komisch im Sinne einer Opera buffa?

Scholz: Als ich finde nicht. Das ist eher belehrende als amüsierende Inszenie-rung, deshalb hat man auch eine flapsige deutsche Textfassung geschrieben. Die kaum mehr etwas mit der Eleganz und dem Geist von  da Pontes Libretto  zu tun hat. Kein Kalauer ist zu schade. Dazu wird plakativ geblödelt. Und mit Blödelsprüchen auf Plakaten gewunken. Schon während der Ouvertüre. Und damit auch jeder versteht, was der Regisseur sagen will, läßt er die zwei kin-dischen Liebespaare an Partnerpüppchen ihre Emotionen sozusagen  ver-doppelt nachspielen. Ein plüschiges Elchpaar sitzt schon zu Beginn vor dem Kaffehaus-Prospekt der Liebeswette und demonstriert Kuschel-Harmonie. Ironie mit dem Holzhammer!  Im Schlussfinale wird die Musik unterbrochen, die Sänger diskutieren darüber, wer nun eigentlich wen heiraten soll. Das Schlusswort Don Alfonsos: „Dann heiraten wir uns doch einfach alle!“ Die banalste aller denkbaren Deutungen, denn am Ende dieser Oper gibt es keine strahlenden Heiratskandidaten mehr, sondern nur zerstörte Paare.

 

Moderator: Wie hat sich denn bei dieser Inszenierung der Dirigent aus der Affäre gezogen?

Scholz: Ich finde, er hat gar keine Stellung bezogen. Der Wiener Dirigent Andreas Stoehr hat eigentlich nur eine sehr langatmige Lesart zum besten gegeben. Man braucht als Zuschauer bzw. Zuhörer gutes Sitzfleisch. Und muss nie Angst haben, vor Spannung auf die Stuhlkante zu rutschen. Das Stück zieht sich hin, der Abend wird lang und länger. Man ist eigentlich erleichtert, wenn endlich der Schlußvorhang fällt. Dass es sich um eine der aufregendsten Partituren handelt, merkt man wirklich nicht.

Moderator: Ein Wort noch zu den Sängern. Gibt es da Lichtblicke?

 

Scholz: Nein, nicht wirklich. Die beiden Liebespaare schlagen sich sängerisch tapfer, sie machen das recht anständig. Aber man hat auch am Opernhaus Leipzig schon bessere Stimmen in diesen Partien gehört. Eine wirkliche Fehl-besetzung ist die Sängerin der Despina. Sie bekam sogar Buhs aus dem Publikum. So etwas habe ich noch nie erlebt, muss ich gestehen. Selbst an jedem kleinen Stadttheater kann man in aller Regel mit einer überzeugenden Despina punkten. Nicht in Leipzig. Die sängerische Besetzungspolitik am Leipziger Opernhaus ist schon merkwürdig. Der souveränste Sängerdarsteller in dieser Produktion  ist Dietrich Henschel als Strippenzieher Alfonso. Aber meine Betonung liegt auf Darsteller. Stimmlich ist er ziemlich  blass. Der Abend ist kein Fest der Stimmen.

Besprechung im MDR (Figaro, 7.3.2011, 8.40 Uhr)