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Dieter David Scholz

DVD-Rezension


 

Wolfgang Amadeus Mozart

Cosi fan tutte

Wall, Garanča, Degout, Mathey, Bonney, Raimondi, Arnold Schönberg Chor, Mahler Chamber Orchestra; Ltg.: Daniel Harding

Virgin/EMI 344 7169
(2 DVDs, 179 Min., aufgenommen 2005)

 

Mit der Oper "Cosi fan tutte", die 1948 das renommierte Festival eröffnete, hat Patrice Chéreau 2005 in Aix en Provence eine Jahrhundertinszenierung hingelegt. Ein Kabinettstück feinster Personenregie und eine Hommage an seinen Lehrer Giorgio Strehler. Richard Peduzzi hat auf die große Bühne des Théatre de l´Archeveché, des Hoftheaters des Erzbischöflichen Palastes, ganz realistisch die weißgekalkte, nackte Hinterbühne eines italienischen Theaters gebaut. "Vietato fumare" liest man an der kahlen Rückwand in großen Lettern. Seitens ein Feuerlöscher. Theater im Theater. Sichtbares Neapel ist in dieser intelligenten Mischung aus Desillusionierung und Freude am Theater nicht nötig. Chéreau inszeniert Mozarts schwarze Buffa aus dem Geist von Racine und Mariveau in handwerklich bestechender Präzision jen-seits aller Opernroutine. Das ist keine Schule des Zynismus, sondern der Liebenden in größ-ter Klarheit der Empfindungen. Wie selbstverständlich führt Chéreau mit Mozart das gleich-zeitige Begehren des Ungleichen vor. Eine verstörend-moderne, psychologisch in jedem Mo-ment einleuchtende Deutung des Stücks als existenzielles Experiment und theatralisches Spiel, bei dem alle Mitwirkenden verlieren. Am Schluss nehmen sich alle an die Hand und taumeln in Wellenlinien dem Ende zu, eine berührende Finalgeste, die an Chéreaus Bayreuther Rhein-gold 1976 denken lässt. Aktueller kann das Stück kaum gezeigt werden und das ohne jede Innovationsneurose. Im durchweg überzeugenden Ensemble sticht neben Stéphane Degout (Guglielmo) und Shawn Mathey (Ferrando) Barbara Bonney als zynische Zofe Despina heraus. Erin Wall (Fiordiligi) singt nie gehörte Koloraturen, Elina Garančas samtiger Mezzo-sopran (Dorabella) betört. Ruggero Raimondi singt und spielt den Menschenverführer Don Alfonso als alten Theaterdirektor im Format eines abgehalfterten Don Giovanni. Daniel Harding dirigiert unentschieden zwischen romantisch und historisch informiert, aber sinnig und der schnellen Gangart Chéreaus entsprechend. Eine Sternstunde des Musiktheaters.

Rondo 13.10.2006