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Dieter David Scholz
Sternstunde
im Teatro San Carlo
"Das ist schon wahr, in dieser schwierigen Situation. Aber es ist nicht der einzige Grund." Strehlers Inszenierung verzichtet auf großen Dekorationen und teure Ausstattung. Es ist eine schlichte, transparente, klare und einleuchtende Inszenierung. Zwei weiße Architekturfrag-mente, barocke, durchbrochene Wände, fahren hin und her und deuten damit Innen und Au-ßenräume an, ein weißer Horizont. Zwei Bäume, Betten, Stühle, eine Doppelliege und türki-sche Kissen sind fast alles, was an Requisiten benötigt wird. Historische Kostüme der Mo-zartzeit, schöne Stoffe, magische Lichtstimmungen und scherenschnitthafte Pantomimen wäh-rend der Umbauten fügen sich zu einer bezaubernden Einheit.
Strehlers „Cosi fan tutte“-Inszenierung ist eine „ Schule der Liebenden“ als szenische Poesie in Weiß. Skeptisch, aber ohne deprimierendes Ende. Und ohne alles Regietheater. Eine Mischung aus ernstgenommener Psychologie, Comedia dell´ Arte und zartem Zaubertheater mit Kerzen, Theaterschiffen und türkischen Verkleidungsritualen. Und im Finale treten beide überkreuz geprüften Liebespaare samt Strippenzieher und Intrigantin wieder vor den Fassadenvorhang des Teatro San Carlo. Es war nur ein Spiel. Aber es gilt dem wirklichen Leben.
Neben der von Patrice Chéreau die wohl berührendste „Cosi fan tutte“-Inszenierung. Auch deshalb hat Rosanna Purchia die Inszenierung unbedingt nach Neapel geholt. "Ich erlebte die Geburt dieser Production mit, ihre Geschichte. Nach Giorgio Strehlers Tod arbeitete ich am Piccolo Teatro. Als ich nach Neapel kam, und wir über Cosi fan tutte spra-chen, wußte ich, es gibt nur eine Inszenierung, die hier hergehört und ich bat das Piccolo Teatro: Bitte gebt mir dieses Produktion."
Die reanimierte „Cosi“-Produktion Giorgio Strehlers ist ein Glücksfall, nicht nur wegen der szenischen Bezugnahme auf das Haus der Aufführung, auch die sängerische Besetzung mit sechs jungen Solisten, die allesamt vorzüglich genannt werden dürfen, überrascht. Alle haben sie bereits mit den Großen der Historischen Aufführungspraxis gearbeitet: Sofia Soloviy als Fiordiligi, Marina Comparato als Dorabella, Nicola Ulivieri als Guglielmo, Edgardo Rocha als Ferrando, Marilena Laurenza als Despina und Giulio Mastrototaro als Don Alfonso. Auch das Dirigat von Jonathan Webb, der die Einstudierung vom ursprünglich verpflichteten Alan Curtis übernahm, überrascht durch historisch informiertes, lebendiges, markantes und intelligentes Musizieren. Eine Sternstunde im neapolitanischen Teatro San Carlo, diese „Cosi“. Und ein Abend, der deutlich macht, dass dieses Theater, eines der größten und schönsten Barocktheater Italiens, an dem Uraufführungen von Rossini, Bellini und Donizetti stattfanden, aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist und zu neuer Blüte aufstrebt. Dank Rosanna Puchia und dem Generalmanager Salvatore Nastasi. Das San Carlo in Neapel ist nicht nur hervorragend restauriert worden, es punktet auch mit immerhin zehn Produktionen pro Saison, plus Konzerte und vielfältige Angebote für den Publikumsnachwuchs, trotz aller finanziellen Schwierigkeiten. Auch wenn der neue Kulturminister vor kurzem die jüngsten Sparauflagen des Operntotsparers Berlusconi zurücknahm: "Das ist nicht genug. Jedes Jahr fragen wir uns, wie geht es mit dem Geld weiter? Es ist für uns sehr schwer, zu planen und Engagements für die Zukunft zu tätigen." Das Teatro San Carlo, direkt am Golf von Neapel mit Blick auf Capri gelegen, in der tradi-tionsreichsten Opernstadt neben Venedig, ist im Aufwind und dabei, der Mailänder Scala, die gegenwärtig vor allem durch Koproduktionen und Halbherzigkeiten glänzt, das Wasser abzugraben, künstlerisch und von seiner Attraktivität her. Und das Publikum, das durchweg sehr viel jünger ist als unseres hierzulande, weiß das zu schätzen. Der Jubel war groß, ein-hellig und langanhaltend.
Beitrag für MDR Figaro am Samstag, 9.04.2011, 20.15 Uhr
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