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Dieter David Scholz
Cadenza Barocktage der Staatsoper Berlin.
Marienvesper &
Combattimento di Tancredi e
Clorinda (C. Monteverdi)
Musikalische Leitung:
René Jacobs, Inszenierung: Luk
Perceval

Wie in jedem Januar finden
an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin die Cadenza-Barocktage statt,
ein kleines Festival der Alten Musik, für das René Jacobs verantwortlich
ist. In diesem Jahr dauert es vom 19.Januar bis zum Februar. Im Mittelpunkt
der zwei Wochen währenden Veranstaltungen, in denen seine ältere
Staatsopern-Produktion des Orfeo wieder aufgenommen wird, steht eine
szenische Neuproduktion von Claudio Monteverdis Marien-vesper,
kombiniert mit dem "theatralischen Madrigal" Il Combattimento di Tancredi
e Clorinda. René Jacobs leitet die Akademie für Alte Musik, das Concerto
Vocale und das Vocalconsort Berlin. Die Inszenierung liegt in Händen des
belgischen Regisseurs Luk Per-eval.
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Die Marienvesper,
Monteverdis wohl berühmtestes, allerdings auch am schwierigsten zu
ver-stehendes wie zu realisierendes sakrales Werk, ist ebenso ungewöhnlich
wie das berühmteste der Madrigale von Krieg und Liebe, das Combattimento
die Tancredi e Clorinda. Zwei Ausnahmewerke, ersteres für Mantua
komponiert, mit Blick auf eine Bewerbung in Rom, letzteres für einen
kunstsinnigen Senator in Venedig, und wie René Jacobs zurecht meint, ein
gesungener Kampf auf Leben und Tod, um Liebe und Religion…
" … Und wo durch einen Erzähler eine Geschichte aus
Torquato Tasso vorgelesen wird, die sich während der Kreuzzüge abspielt. Ich
finde das einfach aktuell, das passiert heute in der Welt, es ist etwas,
worüber ich dauernd nachdenke. Wie viele tausende Menschen werden in
unserer Zeit ermordet, im Namen der Religion, monotheistischer Religionen."
René Jacobs hat mit Blick
auf das Hier und Heute der Marienvesper das Combattimento zur
Seite gestellt. Und der Regisseur Luk Perceval, der erst zwei Werke des
Musiktheaters inszenierte und erstmals mit Jacobs zusammen einen Abend
gestaltet, sieht denn auch in dem blutigen Combattimento di Tancredi e
Clorinda, das mit der Taufe der Sarazenin und ih-rem Tod durch das
Schwert des christlichen Ritters endet, gewissermaßen ein notwendiges
Korrektiv zur frommen Messe zu Ehren der Gottesmutter…
"…die Antithese zur Marienvesper. Einerseits hört
man die Marievesper, dieses Glaubens-bekenntnis zu Gottes Liebe,
andererseits sieht man in diesem alltäglichen Umgang miteinander,
zwischen Mann und Frau, Tancredi e Clorinda, dass diese Liebe, diese
Befreiung der Liebe, sich eigentlich nicht realisieren läßt. Und so drückt
für mich die Marienvesper sozusagen die Sehnsuchtaus, die in
der alltäglichen Notwendigkeit der Suche nach Gemeinsamkeit entsteht."
René Jacobs und Luk Perceval führen die
Marienvesper und das Combattimento nicht nacheinander auf,
sondern zugleich, das heißt, sie flechten zwischen die Teile der
Marien-vesper die einzelnen Teile des Combattimento ein. Eine
Art Pasticcio, das mit der Toccata und dem ersten Psalm der Marienvesper
beginnt und mit den letzten Worten des Combatti-mento endet. Für René
Jacobs legitimiert sich ein solches musikalisches Flechtwerk durch die …
"… Besinnung darauf, was Religion ist. Und der
Regisseur hat das Ganze zusammenge-bracht und zeigt es als ein Ritual."
Szenisch wird in der Inszenierung von
Luk Perceval so gut wie nichts konkret gezeigt, weder Glaubensgewissheiten
und himmlischen Hoffnungen in der Marienvesper, noch das Duell auf
Leben und Tod im Combattimento. Man sieht einfach nur achtzig
Menschen, Sänger, In-strumentalisten und Statisten herumstehen, herumsitzen
und gelegentlich auch gehen, gekleidet in bunten Sommerkleidern der
Sechziger- bis Achtzigerjahre, auf einer fünffach gestuften, steil zum
Bühnenhimmel aufsteigenden Holzkonstruktion auf der Vorderbühne, über dem
abge-deckten Orchestergraben. Wer mag, kann dabei an einen stilisierten,
absteigenden Höllen-krater im Sinne Dantes denken, an einen ansteigenden
anatomischen Lehrsaal oder einen Kalvarienberg.
"Das Bühnenbild gehört zu meinen
Lieblingsbühnenbildern. Und was suggeriert wird, was ich darin sehe,
ist ein Berg, der Aufgang zum himmlischen Jerusalem." (René Jacobs)
Luk Perceval: "Es ist eine Metapher, man könnte
sagen, es ist der Lebensweg. Das ist der Berg, den jeder Mensch hochgeht,
der Leidensweg, den jeder Mensch gehen muß, und es versinnbildlicht diese
Bewegung nach oben, dieses Streben nach Höherem."
Am Ende jedenfalls geht die
Frau, die von Anfang an in dieser Inszenierung die Anima des Stücks ist,
die mehr und mehr die weibliche Energie in die Vorstellung bringt, die
Männer verwirrt und fasziniert, anzieht und abstößt und sich immer
deutlicher als Seele oder Schattenseite von Clorinda entpuppt, den Berg nach
oben, in dreißigminütigem Zeitlupen-tempo. Sie befreit sich von jeglichem
Kleidungsstück und steigt gewissermaßen als nackte Seele in den Himmel auf.
Es ist die einzige deutliche Aktion des Abends. Aber auch konkret ist in
dieser Inszenierung kaum etwas. Es ist ein statisches Ritual, wie so häufig
bei Luk Perceval, und ein starker Kontrast zur vitalen Musik Monteverdis.
"Ich bin auf der Suche nach einer Theatersprache,
die nicht alles expliziert. Es ist jedenfalls meine Theatersprache, Dinge
offen zu lassen und die Zuschauer zu verfüh-ren, selber die Assoziationen,
die sie haben, und die sie auch in ihrer Alltäglichkeit haben, durch das
Geheimnis, durch das Nichtbuchstabieren, zu entschlüsseln. Was man sieht
oder nicht sieht, das ist eigentlich, glaube ich, abhängig von der Phantasie
und Bereitschaft der Zuschauer."
Luk Percevals Bekenntnis in Ehren. Ob
die Zuschauer dazu breit sind, oder sich nicht doch nur eine Stunde und
vierzig Minuten, die der pausenlose Abend dauert, langweilen, sei
dahin-gestellt. René Jacobs jedenfalls kann sich als Musiker nicht
beklagen. Er kann die Musik Monteverdis mit seinen handverlesenen Sänger-
und Musikergruppen, die nicht nur horizon-tal, sondern auch vertikal im Raum
verteilt sind, optimal verwirklichen.
"Das ist ein bisschen die Idee, die ich auch in
Orfeo hatte hier. Es gibt eine Kontinuo-gruppe, auf dem niedrigsten Niveau,
dann gibt es etwas höher eine Streichergruppe, noch etwas höher die
Bläsergruppe mit Zinken und Posaunen, und dann ganz oben das, was ich
das Himmelorchester nenne. Es spielt nicht so viel. Aber immer an
aus-erlesenen Momenten antwortet der Himmel mit seinem Ritornell und
inspiriert die Anderen. " (R. Jacobs)
Hoffentlich inspiriert das
Himmelorchester auch die Zuschauer dieses ungewöhnlichen Abends einer
szenischen Suche nach Sinngebung mit Leuten von Heute und Musik vom
Monteverdi, Luk Perceval und René Jacobs folgen zu können und zu wollen. Auf
jeden Fall sollten sie gutes Sitzfleisch und viel Phantasie mitbringen
Vorbericht für SWR2, Musik aktuell am 19.1.2007:
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