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Dieter David Scholz
Riccardo Chailly verläßt die Leipziger Oper
Am 2. September 2005 trat der Dirignet Riccardo Chailly in Leipzig das Amt des 19. Gewandhauskapellmeister an. Gleichzeitig hatte man ihm das seit 3 Jahr-zehnten nicht damit automatisch verbundene Amt des Generalmusikdirektors am Opernhaus Leipzig anvertraut. Von Anfang an war Chaillys Zusammenarbeit mit dem Opernhaus problematisch. Chailly machte sich dort rar. Nur zwei Premieren brachte er heraus. Dann wurde der Intendant des Hauses, Henri Maier gefeuert. Nun demissioniert Riccardo Chailly als Musikchef des Opernhauses, wie er auf seiner heutigen (30.05.2008) Pressekonferenz in Leipzig erklärte. _________________________________________________________________________ Ein Kommentar: Nun ist es beschlossene Sache, was vorherzusehen war: Riccardo Chailly, der italienische Stardirigent hat an der Leipziger Oper das Handtuch geworfen. Man könnte auch sagen: Man hat ihn aus dem Amt gemobbt. Es ist der Endpunkt eines seit Anbeginn verqueren und glücklosen Amts. Genau gegenüber des Opernhauses am Leipziger Augustusplatz amtiert Riccar-do Chailly als erfolgreicher und gefeierter Gewandhauskapellmeister. Chailly kümmert sich glänzend um das weltweit größte Orchester. Er mehrt auch in der dritten Spielzeit dessen internationalen Ruhm. In der Oper, wo er erst vor Kurzem seine zweite Premiere dirigierte, Puccinis „Manon“, hatte er von Anfang keine Fortüne. Er wurde offenbar mit den deutschen Repertoiretheatergepflogenheiten nicht warm. Während Chailly an der Mailänder Scala mit Luxusbedingungen hofiert wird, kocht man an der Pleiße nach wie vor mit Dosengemüse. Man hatte ihm finanzielle Zusagen gemacht, die man dann nicht einhielt. Intendant Maier konnte Chaillys Besetzungswünsche nicht erfüllen. Chailly sollte kleine Brötchen mitbacken. So war das nicht verabredet. Den Intendanten Henri Maier hat die Stadt auf Chaillys Wunsch bereits über die Klinge springen lassen - nachdem die Stadt eben dessen Vertrag verlängert hatte. Dumm gelaufen: Offiziell ist Maier immer noch beurlaubt, die anstehenden knapp 500 000 Euro Abfindungssumme hat der Rat der Stadt gerade verweigert. Der Verwaltungschef Alexander von Maravic wurde zum kommissarischen Inten-danten gekürt. Er soll der neue Chef des Hauses werden. Und hat – ohne Gene-ralmusikdirektor Chailly zu informieren - Peter Konwitschny mit einem Sechsjah-resvertrag als „Chefregisseur“ des Hauses installiert, mit weitreichenden Befug-nisse auch was Repertoire und sängerische Besetzungen angeht. Ganz davon abgesehen, dass heutzutage das Amt des „Chefregisseurs“ ein überflüssiger Anachronismus ist, und man sich davor fürchten muß, das Konwitschny seine alten Inszenierungen, die Keiner mehr sehen möchte, nun in Leipzig reaktivieren wird, sind die grundsätzlichen künstlerischen Auffassungen von Konwitschny und Chailly diemetral entgegengesetzt. Das wusste Maravic natürlich. Und er wusste auch, dass Konwitschny noch nie als großer Stimmenkenner aufgefallen ist. Vielleicht gerade deshalb hat er mit der völlig unerwarteten Konwitschny-Ver-pflichtung einen Nagel ins zwar frisch sanierte, aber programmatisch morsche Operngebälk gehämmert, der zum todsicheren Sargnagel des Generalmusik-direktors Chailly werden würde. Es dauerte denn auch nicht lange, bis sich Konwitschny und Chailly – ohne sich je je gesprochen zu haben - öffentlich attackierten, ganz ähnlich wie in Berlin Barenboim und Mussbach. Chailly hat mit heutigem Tage den offenbar an der Pleiße ungeliebten, oder sa-gen wir halbherzig betriebenen Opernkrempel hingeschmissen. Was soll´s? Er ist als Gewandhauskapellmeister so erfolgreich, dass er die wenigen Opernprojekte, die ihm am Herze liegen, an der Mailänder Scala oder anderswo unter optimalen Bedingungen realisieren kann. Schade dennoch, dass die Stadt Leipzig einen solchen Dirigenten aus dem Opernhaus vertreibt, anstatt ihm die Bedingungen zu ermöglichen, dort die gleichen Erfolge zu mehren wie im Gewandhaus. Aber of-fenbar hat sich die Stadt Leipzig übernommen, als sie Chailly auch zum Musik-chef der Oper kürte und hat mehr und mehr den Schwanz eingezogen. Der neue Intendant Moravec hat schließlich die unappetitliche Aufgabe des Erzintriganten übernommen, Chailly aus dem Haus zu ekeln. Dafür belohnte heute die Stadt den Dirigenten mit der Vertragsverlängerung als Gewandhauskapellmeister bis 2015. Und so bleibt es wohl endgültig dabei, dass auf der einen Seite des Leipziger Augustusplatzes ein Ferrari brummt, während auf der anderen Seite des Augus-tusplatzes mehr denn je ein Trabi tuckert.
SWR 2, Musik aktuell, 30.05.2008 |