|
|
Dieter David Scholz
Buch-Besprechung Biographie
eines Aussenseiters
Für viele Musikenthusiasten ist Carlos Kleiber einer der bedeutendsten Dirigenten des ausgehenden 20. Jahr-hunderts. Zwei Bücher haben den Dirigenten bereits gewürdigt. Der Mensch Carlos Kleiber blieb bisher weitgehend im Dunkeln. Nun ist eine erste, umfangreiche, wirkliche Biographie aus der Feder des Journalisten Alexander Werner erschienen. Das Buch ist im Schott Verlag erschienen, hat 590 Seiten und kostet 29,95 Euro.
Ob Freischütz, Tristan, Rosenkavalier oder La Traviata. Viele seiner CDs und DVDs ge-nießen geradezu Kultstatus. So wie Carlos Kleiber schon zu Lebzeiten zur Legende wurde. Ganz sicher ein Jahrhundertdirigent. Aufgewachsen ist mit der Bürde des Übervaters Erich Kleiber, der seinerseits einer der perfektesten und mitreissendsten Dirigenten des zurück-liegenden Jahrhunderts war. Was Wunder, dass dessen Sohn Carlos sein Leben lang mit seinem Anspruch auf Perfektion rang und von Selbstzweifeln geplagt wurde. Zurückgekehrt aus dem argentinischen Exil, in das sein Vater vor den Nazis floh, begann Carlos Kleiber nach einem abgebrochenen Chemiestudium seine dirigentische Karriere 1952 mit kürzeren Engagements in Potsdam, am Gärtnerplatz-Theater in München und an den Opernhäusern der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, in Duisburg, Zürich und Stuttgart. Seine glücklichste Zeit war wohl die im Rheinland, so resümiert Alexander Werner. Nicht nur, weil Alberto Erede, Chef der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, ihn unter seine Fit-tiche nahm, er erste große Dirigate bekam und viel Repertoire lernte: Carlos Kleiber lernte in Düsseldorf auch seine Frau kennen, die Solotänzerin Stanka, die er 1961 heiratete. Seither wurde die Bergregion in der Nähe von Ljubljana, woher seine Frau stammte, zu seiner zweiten Heimat. Dort fühlte sich der getriebene, zunächst sehr unsichere Dirigent geborgen. Mehrfach im Jahr verbrachte er dort mit seiner Frau einige Wochen. Dort ist er schließlich nach seinem Tod 2004 auch begraben worden. Er war noch einmal in sein slowenisches Domizil Konjšica gefahren. Mit dem Auto. Autofahren war sein große Passion. Im CD-Player fand man sein Aufnahme der vierten Sinfonie von Brahms mit den Wiener Phil-harmonikern.
Es gab Jahre, in denen Carlos Kleiber kein einziges Dirigat annahm. Er war der große, scheue Aussenseiter unter den Pultheroen. München hatte noch am meißten von ihm. Von 1973 bis 1988 war er ständiger Gastdirigent der Bayerischen Staatsoper München. In immerhin 260 Opernaufführungen und Konzerten stand er in München am Pult. Daneben hatte er wenige Gastauftritte in Bayreuth, an der Metropolitan Opera, der Mailänder Scala und an Covent Garden, bei den Berliner Philharmonikern und bei den Wiener Philhar-monikern. Als einer der gefragtesten Dirigenten überhaupt akzeptierte Carlos Kleiber jahrelang keine feste Position. Die Zahl seiner Auftritte war gering, seine offizielle Diskografie minimal. Sein Charisma aber war enorm, sein Präzisionswille nicht minder, seine Fangemeinde gewaltig groß. Und doch blieb der Garant musikalischer Sternstunden dem klassischen Musikbetrieb immer ein Rätsel. Er hat sich weitgehend den Marktgesetzen des vorherrschenden Musikbusiness verweigert, wo nicht widersetzt. Sein Biograf, der Journalist – Chefredakteur des Magazins Standpunkte - Alexander Werner, ist der Erste, der sich Carlos Kleiber biographisch anzunähern versucht. Er entwirft ein detailliertes Panorama von seiner Geburt bis zu seinem Tod. Er hat sich viel Mühe gemacht, sich dem „großen unbekannten unter den Fixsternen am Dirigentenhimmel“, über den mehr Gerüchte als Gewissheiten kursierten, anzunähern. Er hat die Lebens und Karrierestationen Carlos Kleibers aufgelistet und mit viel Sympathie für den Dirigenten mit biographischen Details ausgeschmückt. Er hat viele seiner Weggefährten, Sänger vor allem, nach dem »Geheimnis Kleiber« befragt. Da gibt es manche Indiskretion. Etwa wenn Kleibers Ausein-andersetzungen mit Sängern wie Dietrich Fischer-Dieskau oder René Kollo vor dem Leser ausgebreitet werden. Auch wird viel schmutzige Wäsche gewaschen. Man erfährt, wie cho-lerisch und unbeherrscht er sein konnte, wie geizig Kleiber gewesen sein soll, dass er alles Alte aufbrauchte und sammelte etc. Kurios und interessant ist das allemal. Ob´s stimmt, wer weiß? Alexander Werner hat viele Interviews ausgewertet, aber auch manche unveröffentlichten Dokumente ans Licht gezogen. Und doch – so scheint´s - verlässt er sich vielleicht etwas zu leichtfertig aufs Hörensagen, hat vielleicht etwas zu wenig eigene, kritische Recherchen und Archivstudien getrieben. Die Biographie enthält einige faktische Fehler, ist manchmal auch etwas ungenau. Dennoch, wer sich den verwinkelten Lebensweg des 1930 in Berlin geborenen, 2004 in Slowenien gestorbenen, absonderlich-genialischen Dirigenten vergegenwärtigen möchte, kann dies jetzt leichter als bisher tun, mit diesem anderthalb Kilo schweren Wälzer von Alexander Werner. Das Genie Carlos Kleiber zu erfassen, bleibt dem Hören seiner Aufnahmen vorbehalten.
SWR 2, Musik aktuell
|