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Dieter David Scholz
Premierenbericht Hindemiths „Cardillac“ in Dresden Premiere in der Semperoper am 15.03.2009 Es war am 9. November 1926, als Fritz Busch in der Regie von Issai Dobrowen an der Sächsischen Staatsoper, der heutigen Semperoper, Paul Hindemiths Oper „Cardillac“ uraufführte. Bis heute ist das Werk am Ort seiner Uraufführung nie wieder im Spielplan auf-getaucht. Nach 83 Jahren hat man sich nun entschlossen, das Stück auszugraben. Am vergangenen Wochenende war Premiere. Fabio Luisi stand am Pult. Philipp Himmelmann hat im Bühnenbild von Johannes Leiacker inszeniert. "Mörder, Mörder", schreit das Volk. Eine Serie seltsamer Morde hat Paris in Aufruhr ver-setzt. Wieder ist ein Käufer eines Schmuckstücks aus der Werkstatt Cardillacs umgebracht worden. Was das Volk erst am Schluß der Oper weiß: Der geniale Goldschmied steht unter dem Zwang, die Käufer seiner Schmuckstücke zu ermorden, um wieder in den Besitz seiner Kreationen zu kommen. Der gomane, von sich und seiner Kunst besessene Cardillac hat jede Fähigkeit zu menschlichem Empfinden verloren. Er ist ein Künstler als Verbrecher, Wahn-sinniger, Genie und Monstrum zugleich. Der große Bass-Bariton Paul Schöffler hat ihn, 1926 bei der Dresdner Uraufführung gesungen. Bei der ersten Neuinszenierung der Oper in Dres-den leiht ihm jetzt Markus Marquardt seien Stimme
Das Sujet des Künstlerschicksals hat Paul Hindemith ein Leben lang begleitet. Cardillac re-präsentiert den Künstler als Genie, als narzisstisches Einzelwesen, das in gesellschaftlicher Isolierung sein Ich als einzige Autorität anerkennt und Mord als existenzielle Notwendigkeit legitimiert. Dazu der Regisseur Philipp Himmelmann: "Für mich ist es tatsächlich ein Konflikt zwischen den handelnden Gestalten, den vorwärts drängenden Einzelpersonen: Das ist das Individuum, das etwas in die Hand nimmt, um dann vielleicht auch die moralischen Grenzen zu überschreiten, und der Gesellschaft, in der es das tut. Und dieses Spannungsverhältnis, das ist das, was für mich interessant ist." Philipp Himmelmann hat sich von seinem Ausstatter Johannes Leiacker einen spitzwinkligen, aufklappbaren Raum bauen lassen, mit goldenem Sims und goldenem Fries, dazwischen schwarze, spiegelnde Lamellen, die immer neue Durchblicke ermöglichen, Transparenz und Geschlossenheit. Davor und dahinter Schleier mit perspektivischen Aufrisszeichnungen des 17. Jahrhunderts. Auch die Kostüme von Bettina Walter prunken, was die Chormassen angeht, mit historisierenden Anspielungen. Nur die Hauptpersonen des Mörder- und Künst-lerdramas sind modern gekleidete Menschen. Am Ende feiert die manipulierte, wankelmütige Masse den gelynchten Mörder als Genie und Held. Der sitzt inzwischen hohnlachend als „Phanom der Oper“ in der Proszeniumsloge des Zuschauerraums. Was wohl die Aktualität des Stücks andeuten soll. Ansonsten erzählt Philipp Himmelmann das Stück brav am Hand-lungsfaden entlang, Eins zu eins, ohne alle Regietheatermätzchen, immerhin! Eine ästhetische, geschmackvoll kühle, handwerklich solide Inszenierung, aber ohne szenisch aufregende und gedanklich anregende Momente, die die Brisanz des Stücks zum Ausdruck brächten. Nicht ohne Grund ist Hindemiths „Cardillac“, nachdem ihn Fritz Busch, der schon Hindemiths „Mörder, Hoffnung der Frauen“ uraufgeführt hatte, aus der Taufe hob, bald von den Spiel-plänen verschwunden. Den Nazis war die sezierende Auseinandersetzung mit dem frag-würdigen Geniekult und seiner Amoralität so suspekt wie die unbequem moderne, kristalline Musik Hindemiths, dessen Werk als „kulturbolschewistisch“ verboten und als entartet erklärt wurde, weshalb Hindemith zur Emigration gezwungen und sein Werk in Deutschland lange vergessen wurde. Für Intendant Gerd Uecker der Hauptbeweggrund, das Werk wieder auf den Spielplan zu setzen: "Es ist ein Spielplankonzept, dass wir Opern, die mit der Dresdner Musikgeschichte ganz eng zusammenhängen, nach langer Zeit dem Publikum wieder einmal vorstellen. Und hier bei Cardillac ist es natürlich ein besonderer Fall, weil er seit der Uraufführung nicht mehr hier in Dresden an der Semperoper gelaufen ist." Die Vorlage von Hindemiths „Cardillac“ ist E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“. Der Elsässer Schriftsteller, Journalist und Thomas-Mann-Freund Ferdinand Lion hat die Novelle für Paul Hindemith dramatisiert zu einem expressionistischen, neusachlichen Libretto, das vor allem das Künstlerdrama ins Zentrum rückt. Eine wirklich Liebesgeschichte gibt es – was selten ist in einer Oper - im Libretto eigentlich nicht. Entsprechend sachlich, betont unemotional, ja antinaturalistisch ist die Musik Hindemiths, die als autonome Schicht über, man könnte auch sagen neben dem Text agiert. Fabio Luisi und die Dresdner Staats-kapelle haben sich mit viel Klangsinn, Dynamik und offensichtlichem Spaß am Schroffen, Zerklüfteten und Distanzierten auf die Partitur eingelassen und Hindemiths Musik transparent, klar strukturiert und wirkungsvoll wiedergegeben. Der von Ulrich Paetzold einstudierte Chor sang leider – wie so oft - durchweg zu laut. Doch die Gesangssolisten mit Anna Gabler als Tochter, Rainer Trost als Kavalier und der beeindruckenden Evelyn Herlitzius als Dame bildeten mit den Komprimarii ein erfreulich rollendeckendes Ensemble. Alles in allem eine überzeugende Wiedergutmachung an dem so lange vergessenen Paul Hindemith in Dresden. SWR 2 Musik aktuell |