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Dieter David Scholz
Bayreuth:
Bilanz der Bayreuther Festspiele 2009 Am 28.08.gehen die die 98. Richard Wagner Festspiele Bayreuth zu Ende. Zum ersten Mal standen sie unter der neuen Leitung der beiden Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner. Die offensichtlichen Veränderungen und sich andeutenden Zukunftsper-spektiven offenbaren, dass das bedeutendste deutsche Musikfestival schon in diesem ersten Jahr nach der Wolfgang Wagner-Ära im 21. Jahrhundert angekommen ist. Eröffnet wurden die 98. Richard-Wagner-Festspiele mit einer Wiederaufnahme von Christoph Marthalers "Tristan und Isolde", ein Spießer-Endspiel der 60e Jahre im tristen Bühnenbild von Anna Viebrock. Die Inszenierung drückte aufs Gemüt wie bei der Premiere vor 5 Jahren, als sie herauskam. Sie wurde in diesem Jahr zum letzten Mal gezeigt.
Gefeiert wurde, auch wenn die Meinungen über den szenischen und musikalischen Rang der Aufführung weit auseinander gehen, in diesem Jahr wieder Tancred Dorsts und Christian Thielemanns "Ring"-Produktion. Doch der Publikumsmagnet Nummer Eins war die „Parsifal-Inszenierung, die der junge norwegische Regisseur Stefan Herheim im vergangenen Jahr herausbachte.
Stefan Herheims Parsifal ist nicht nur großes kulinarisches Zaubertheater, sondern zugleich ein kritischer Schnelldurchgang durch 100 Jahre Parsifal-Rezeption in Bayreuth. Für Katharina Wagners vor 2 Jahren herausgekommene Inszenierung der „Meistersinger“ als surreale Mischung aus Künstlerorgie, Nazifest und Intellektuellen-Happening gab es in diesem Jahr kräftige Buhs, die der frischgebackenen Intendantin sichtbar zusetzten.
Wohl nicht ganz ohne Grund kursieren in Bayreuth Gerüchte, wonach Katharina Wagner deswegen Herheims Inszenierung im kommenden Jahr nicht wieder aufnehmen werde. Sie demonstrierte überhaupt in ihrem ersten Jahr immer wieder, wer jetzt in Bayreuth das Sagen hat. Und machte sich zur alleinigen Sprecherin der Festspielleitung. „Das ist einfach abgesprochen, und das ist auch ein völliger Konsens, weil: Einer sollte für die Festspiel sprechen ...“ ... Die andere im Hintergrund agieren. Das ist Eva. Katharinas Halbschwester, immerhin gleichberechtigte Intendantin. Sie zeigte sich allerdings von ihrer zurückhaltenden Seite. Bei der anberaumten Pressekonferenz am Tag der "Tristan"-Premiere wollte sie zunächst gar nicht vor die Mikrofone und Kameras der zahlreich angereisten Weltpresse, dann sagte sie lediglich: „Guten Morgen, meine Damen und Herren, ich wollte mich auch mal vorstellen, bis jetzt waren wir ja sehr selten zusammen aufgetreten, das wird sich jetzt ab heute sowieso ändern", Eva verschwand und keine Fragen durften sein. So düpierte man in diesem Jahr in Bayreuth die internationale, zum Teil von weit her angereiste Presse. Es widersprach allen Versicherungen von "neuer Transparenz" und "offener Kommunikation". Und war, wie manches Andere, Ausdruck eines neuen, autoritären Führungs-Stils, der Einzug gehalten hat in Bayreuth. Und dieser befremdliche Auftritt erweckt Zweifel an der öffentlich allzu demonstrativ betonten Harmonie zwischen der Frontfrau und der stillen Macherin, die ja l- Hand aufs herz - nur eine erzwungene Zweckgemeinschaft eingegangen sind.
Aber auch das Publikum wollte in diesem Jahr nicht so rechte Festspielstimmung aufbringen. Auf dem Grünen Hügel herrschte in diesem Jahr beklemmende Verunsicherung. Um so ausgelassener war die Volksfeststimmung beim „Public Viewing“, wo man Marthalers "Tris-tan" in einer Direktübertragung aus dem Festspielhaus auf einer 90-Quadratmeter-Lein-wand auf dem Bayreuther Volksfestlatz zeigte. Solche happeningartigen Massen-veranstaltungen mit Imbissständen und Bierbuden sollen künftig in Bayreuth selbst-ver-ständlich sein, ebenso Livestreams im Internet. Auch einen exklusiven Labelpartner hat man inzwischen gewonnen für die mediale Auswertung der Bayreuther Produktionen. Man will mit der Zeit gehen. Auch gab es erstmalig Werkeinführungen am Grünen Hügel und eine Kinderversion des „Fliegenden Holländers“.
Ob Bayreuth solche Lock-Veranstaltungen, die deutsche Stadttheater schon seit 20, 30 Jahren pflegen, nötig hat, sei dahingestellt. Dafür haben Eva und Katharina kosmetische Image- und Outfitaufpolierung vorgenommen: Das Einlass-Personal tritt jetzt mit den Farben Grau und Violett auf, es gibt ab diesem Jahr Silver- und Golden-Lounges für besonders Betuchte, Sponsoren und V.I.P. Bayreuth ist eine neue Marke!
Sogar Katharinas Presse-Sprecher trat offiziell in violettem Samtanzug mit Turnschuhen auf. Wohl um zu demonstrieren, in welcher Generation Bayreuth nun angekommen ist. Besonders stolz ist Katharina darauf, dass sie Arnold Brekers Richard- und Cosima Wagner-Büsten im Festspielpark mit Hinweisschildern versah, auf denen zu lesen ist, diese seien Ausdruck der nationalsozialistischen Gesinnung. Katharina Wagner: „Wir sind dabei, die Vergangenheit von Bayreuth aufzuarbeiten, also wir haben schon noch so Einiges vor, so ist es nicht!“ Als ob das noch nötig wäre! Wieder waren in Bayreuth alle 30 Aufführungen ausverkauft. Noch ist der Ansturm auf die Bayreuther Festspiele ungebrochen. Das könnte sich ändern, denn die Erhöhung der Kartenpreise steht an und es sind für die nächsten Jahre vor allem Vertreter des beim Publikum umstrittenen „Regietheaters“ und junge, zum Teil unerfahrene Dirigenten verpflichtet worden. Doch Katherina Wagner versprach, sie wolle... „ ... vor allem im Kerngeschäft gucken, dass man die Qualität wieder dahin bringt, dass die Leute sagen: Jawohl!“ In der Vergangenheit inszenierten, dirigierten und sangen die Besten der Besten in Bayreuth. Katharina und Eva Wagner setzen setzen indes verstärkt auf die Jugend. Wolfgang Wagners „Werkstatt“ wird einem Festspielbetrieb der Events und des Zeitgeists weichen. Bayreuth ist endgültig im 21. Jahrhundert angekommen. Die nächsten 7 Jahre, so lange sind die Inten-dantenverträge der beiden Halbschwestern fürs Erste ausgehandelt, werden über Bayreuths Schicksal entscheiden. Und man vergesse nicht: Im Gegensatz zu Wolfgang Wagner , der über viele Jahre ein unumschränkter Alleinherrscher auf dem Grünen Hügel war, sind seine beiden Töchter nur noch zeitlich befristete Angestellte von vier Arbeitgebern: dem Bund, dem Freistaat Bayern, der Stadt Bayreuth und der "Gesellschaft der Freunde Bayreuths". Katharina Wagner: „ Jeder, der sich in der Branche auskennt, weiss, was machbar ist und was nicht machbar ist, was man in 7 Jahren erreichen kann und was nicht, das ist einfach de Punkt. Wir sind entspannt, aber wir wissen schon auch wo wir hinlangen müssen.“
DW Deutsches Programm & DW International, SWR 2 Journal
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