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Dieter David Scholz
Buch-Besprechung „Regie: Ruth Berghaus.
Ruth Berghaus war eine der avanciertesten Regisseurinnen nach 1945. Heftig gefeiert und heftig kritisiert, war sie eine der DDR-Regisseurinnen, die im eigenen wie in fremden Ländern Kontroversen auslöste. Irene Batzinger hat jetzt im Rotbuch-Verlag ein facettenreiches Por-trät der Regisseurin vorgelegt, aus der Perspektive von Produktions-Kollegen: Regisseuren, Bühnenbildnern, Dirigenten, Dramaturgen, Sänger und Intendanten. Rossinis Barbier von Sevilla ist eine der beiden Inszenierungen von Ruth Berghaus, die an der Berliner Staatsoper noch immer im Repertoire gespielt werden. Es ist eine der komödian-tischsten, der am wenigsten Widerspruch auslösenden Inszenierungen der Berghaus. "Ich finde, daß wir manchmal beinahe zu viel theoretisieren Man darf nicht vergessen, daß das Theater auch noch was vom Wanderzirkus haben sollte. Denn der war ja gar nicht so schlecht." (Berghaus) Ein Bekenntnis, das verblüfft angesichts der vielen humorlosen antiillusionistischen, verrät-selten, metaphorischen, zeichenhaften, schwer zu entschlüsselnden Inszenierungen, mit denen Ruth Berghaus ihr Publikum polarisierte. Joachim Herz nennt in dem Buch von Irene Bazinger diese Barbier-Inszenierung der Berghaus „perfekten Anti-Felsenstein“. – Was viel heißt angesichts der sankrosankten Ikone Walther Felsenstein. Irene Bazinger erinnert 20 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands, an die Berghaus, die, wie sie schreibt, nach dem Ende der DDR „kaum mehr Feinde hatte“, „weil die Kunst und die Künstler ihre politi-sche Relevanz weitgehend verloren hatten.“ Eine fragwürdige, gleichwohl aus Sicht der DDR zutreffende Behauptung. - Ruth Berghaus gehörte ja als Paul-Dessau Gattin, Brecht-Schüle-rin, Intendantin des Berliner Ensembles und Staatsopern-Regisseurin zum privilegierten künstlerischen Reisekader West. Sie ließ auch nie einen Zweifel an ihrer staatstreuen Haltung aufkommen. "Diese Haltung gehört zu unseren Traditionen, die Teil der Tradition der kommunistischen Weltbewegungen sind, die sich überall und grundsätzlich dem großen Friedenskampf anschließen." (Berghaus) Trotz vieler Uraufführungen von Opern staatstreuer Komponisten der DDR, ob Paul Dessau oder Siegfried Matthus, sowie eindeutiger Bekenntnisse zur DDR war die künstlerisch que-rulante, immer wieder verstörende, faszinierende und nicht eindeutig einzuordnende Regis-seurin Ruth Berghaus der permanenten Willkür ihrer Regierung ausgeliefert. Man erfährt viel darüber in dem Buch von Irene Bazinger, hintenherum, ganz nebenbei. Im Vordergrund steht das Foszinosum Berghaus, was an ihrem Œuvre so faszinierend wie irritierend war. Irene Bazinger reflektierte es anhand der Produktionen, also der Theaterarbeiten von Ruth Berg-haus. Achim Freyer, der Brecht-Schüler und Bühnenbildner, hat mit ihr 1968 den schon erwähnten Rossinischen Barbier von Sevilla produziert. Und bezeichnet sie im Rückblick als eine wegen ihrer künstlerischen Unangepasstheit „kritisch-neugierige und mutige“, eine „unkonventionelle, kühne Frau mit einer Kunstvorstellung für eine bessere Welt“. Die boden-ständige Anja Silja, die Janaceks Emilia Marti unter ihr sang, holt sie auf den Boden der Tatsachen zurück und nennt sie bei aller Liebe „gnadenlos in ihrer Kompromisslosigkeit“, der Regisseur und Intendant Jürgen Flimm pflichtet ihr bei. Er spricht nur von der „Generalin Ruth“. Aber er bekennt: „Sie hat dem ostdeutschen Theater die dogmatische Langeweile ausgetrieben, konsequent und prinzipiensicher“. Caterina Ligendza, die unter der Berghaus die Brünnhilde im „Ring“ sang, hebt vor allem hervor, dass die Sänger bei ihr „eine neuartige Körpersprache“ lernten. Regisseur Sebastian Baumgarten nennt ihre Inszenierungsmethode „Handeln in Widersprüchen“, das dialektische Verbalisieren nicht des Wissens über ein Stück, sondern die Darstellung des nicht verbal zu Formulierenden. Der Bühnenbildner Hans Dieter Schaal beschreibt das sehr konkret anhand der Erarbeitung von Wagners Tristan.
Mit dem Dirigenten Michael Gielen hat Ruth Berghaus während seiner Zeit als Direktor der Frankfurter Oper einige ihrer spektakulärsten Inszenierungen erarbeitet, etwa Wagners „Parsifal“ und „Ring“. Was Gielen an ihr so schätzte: „Dass sich in ihren Inszenierungen alles aus der Musik ergab“. Und er erweist ihr das vielleicht größte Kompliment in diesem Buch, wenn er in einem abgedruckten Gespräch mit Irene Bazinger sagt: „Restlos glücklich mit einem Regisseur bin ich nach der Frankfurter Zeit nie wieder geworden.“ Nachzulesen bei Irene Bazinger. Ein interessantes, aufschlussreiches Buch, aus dem man viel über die Berg-haus erfährt.
Beitrag für MDR Figaro, 18.10.2010:
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