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Dieter David Scholz
Kommentar für SWR 2, Musik aktuell, 18.4.2008: Neuste Bayreuther Querrelen Es ist längst ein Spiel gegenseitiger Erpressung, was Wolfgang Wagner und seine Geldgeber sich liefern, es ist einfach schlechtes Theater! Da muß man Nike Wagner durchaus Recht geben. Die scharfzüngige Tochter Wieland Wagners legte vor einigen Tagen in der über-regionalen Presse den Finger an die maroden Stellen des Bayreuther Nachfolgegerangels, das derzeit die Gazetten beherrscht. Die Sache ist so undelikat, dass sich inzwischen sogar der Deutsche Kulturrat vom in Sachen Bayreuth federführenden Bayerischen Staatsminister Tho-mas Goppel ein „transparentes Auswahlverfahren“ fordert. Zur Erinnerung: Schon im März 2001 entschied sich der für die Bayreuther Nachfolge zu-ständige Stiftungsrat nicht für Wolfgangs damalige Wunschkandidaten Gudrun und Katharina, sondern für Eva Wagner-Pasquier, Wolfgangs Tochter aus erster Ehe. Diese konnte das Amt aber nicht antreten, weil ihr Vater Wolfgang nicht zurücktreten wollte. Seit 1987 hat er einen Vertrag auf Lebenszeit. Kaum war Wolfgangs Ehefrau Gudrun im vergangenen im ver-gangenen November verstorben, hatte die Eiszeit ein Ende, bewegte sich der 88-jährige Wolfgang Wagner, seit 1966 Chef der Bayreuther Festspiele. Er könne sich eine Nachfolge-regelung vorstellen und würde diese ausdrücklich unterstützen, allerdings nur unter der Voraussetzung, wenn ihr seine Töchter Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier ange-hören. Man reibt sich verblüfft die Augen: Noch vor wenigen Wochen zeigte sich Wolfgang Wagner in der Frage seiner Nahfolgeregelung unerbittlich. Aber auch die beiden Halb-schwestern Katharina, die 29-jährige Tochter von Wolfgangs zweiter Frau Gudrun, und Eva, die 63-jährige Tochter Wolfgangs aus erster Ehe, hatten sich bisher gegenseitiger Abneigung versichert. Ist seit dem überraschenden Tod Gudruns plötzlich alle Familien-Zwietracht been-det? Wohl kaum! Wohl eher die Tatsache, dass der Haushalt der Bayreuther Festspiele ein massives Defizit zu entwickeln droht, hat Wolfgang Wagner einen Ruck gegeben, sich zu bewegen. Bund, Land Bayern, Stadt Bayreuth und die privaten Sponsoren haben durchblicken lassen, dass sie zur Aufstockung ihrer Zuschüsse nur dann bereit seien, wenn Wolfgang Wagner seine seit 2001 ausgeübte Totalblockade aufgebe. Kulturstaatsminister Neumann äußerte gegenüber dem Deutschlandfunk sogar, der Bund werde Bayreuth nur dann weiterhin fördern, „wenn sich was auf dem Hügel verändert“. Aber was verändert sich, bitte schön, bei der Lösung, die der Stiftungsrat und der Bayerische Staatsminister Thomas Goppel ganz offen favorisieren? Wolfgang Wagner hat den Stiftungs-rat jahrelang hingehalten und erpresst. Die künstlerische Situation in Bayreuth stagniert seit Jahren. Überall sonst auf der Welt sieht und hört man besseren, auch interessanteren Wagner als in Bayreuth. Und nun auch noch die Finanzmisere am Grünen Hügel. Dennoch gehen die Geldgeber wieder einmal auf Wolfgangs Wünsche ein. Man will den Geldgebern Bayreuths, man will dem Stiftungsrat, der allein über die Nachfolge-frage in Bayreuth zu entscheiden hat, ja durchaus unterstellen, sie wollten nur das Beste für Bayreuth. Gewiss! Man versteht, sie sehen endlich einen Weg, den greisen, starrsinnigen Wolfgang Wagner loszuwerden. Deshalb gehen sie auf dessen Vorschlag der Nachfolgerege-lung so bereitwillig ein. Und wollen nach Möglichkeit schon in der nächsten Stiftungsrats-sitz-ung am 29. April eine Entscheidung treffen. Und sie machen keinen Hehl daraus, dass sie die Doppelspitze Eva-Katharina favorisieren. Es scheint politischer Wille. Weniger Ergebnis künstlerischer, fachlicher Abwägungen, denn da ließen sich gegen beide Wunschmaiden Wolfgangs gewichtige Argumente vorbringen. Warum eigentlich muß an der Wolfgang-Fami-lien-Tradition, die das Stagnieren der Festspiele ja schließlich verantwortet, so um jeden Preis festgehalten werden? Die Stiftungsratsurkunde sieht durchaus Alternativen vor. Vor allem aber, und das empört inzwischen immer mehr die Öffentlichkeit und sogar Juristen wie Wolfgang Raue: Sowohl Minister Goppel, als auch der Stiftungsrat halten sich nicht an die vertraglich vereinbarten, an die demokratischen Spielregeln der Nachfolgeregelung, so wie sie in der Stiftungsurkunde formuliert sind. Die Stiftungsurkunde sieht gar keine Selbst-auswahl des Festspielleiters für seinen Nachfolger vor. Aber sie fordert, dass nach dem Aus-scheiden des Festspielleiters binnen einer Frist von vier Monaten Bewerbungen eingereicht werden und begutachtet werden müssen. Dann erst dürfe entschieden werden. Beide Voraussetzungen treffen nicht zu. Wolfgang ist noch nicht zurückgetreten oder gar gestorben. Von der Einhaltung der Bewerbungsfrist ganz zu schweigen. Und ein Konzept von Eva und Katharina liegt noch nicht einmal vor! Der Stiftungsrat stellt die Bestimmungen also gewis-sermaßen auf den Kopf, indem er Wolfgang Wagner vorgeben läßt, wer sein Nachfolger wird, um dann zu einem vom ihm gewählten Zeitpunkt abzutreten. Das kann man – bitte schön - bei allem Wohlwollen nicht anders als Handeln nach Gutsherrenart nennen. In über-regionalen Zeitungen war von „vordemokratischen“ Methoden die Rede. Die Frankfurter Allgemeine nannte das ganze gar ein „Staatsgeschenk an Wolfgang Wagner“. Was beson-ders peinlich ist, dass sich die verschwiegene Eva Wagner-Pasquier schon einmal für eine Doppelspitze bewarb, allerdings gemeinsam mit Nike Wagner. Plötzlich wechselt sie die Seite und will mit Katharina Wagner zusammengehen. Sie muß sich zumindest den Vorwurf des Opportunismus gefallen lassen. Und es ist nur zu verständlich, dass Nike Wagner, die kluge Wielandtochter, deren Bewerbung bei derlei Machenschaften gewissermaßen durch den Rost der Nachfolgefindung fällt, entsetzt ist und in den Medien wieder einmal loswettert. Ob man ihr eine Leitung zutraut, ist eine ganz andere Frage. Man muß ihr allerdings zustimmen: Der Steuerzahler hat ein Recht auf Transparenz und demokratische Verhaltensweisen. Aber was sich zwischen Bayreuth und der Münchner Staatskanzlei derzeit abspielt, ist eine Farce. Bayreuther Machterhaltungs-Familien-Instinkt, aber auch das Verhalten der Politiker und Geldgeber nehmen sich nichts. Einer erpresst den Anderen. Den Einen geht es ums Erbe, den Anderen um eine bequeme Lösung. Und den Geldgebern mangelt es an Mut zu innovativer Entschlossenheit, den Mitgliedern der Familie Wagner an Charakter und an überzeugender Qualifikation. Muß man es immer wieder betonen: Die Bayreuther Festspiele sind seit 1973 kein Familienunternehmen mehr, sondern eine gemeinnützige Stiftung? Auch ein Stiftungsrat muß sich an rechtsstaatliche Verträge halten. Sonst macht er sich unglaubwürdig: „Was Du bist, bist Du nur durch Verträge“, ist eine der zentralen Botschaften im „Ring des Nibelungen“. Richard Wagner würde sich wohl im Grabe herumdrehen, wenn er mit ansehen könnte, was sich in „seinem“ Bayreuth tut derzeit. Aber um Richard Wagner scheint es ja am Grünen Hügel schon lange nicht mehr zu gehen, sondern nur noch um Wolfgang Wagner - und seine Tochter aus zweiter Ehe.
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