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Dieter David Scholz
Austern. Perlen des Meeres
Von Birgit Damer
Mit Photos von Pierre Boom'
Hädecke Verlag, 261 Seiten, 14,95 €

Begeistert gerühmt oder
strikt abgelehnt: kaum eine Meeresfrucht blickt auf eine so wechsel-hafte
und lange Geschichte zurück wie die Auster. Austern sind geheimnisvolle
Meeres-bewohner. Sie haben zwei Herzen, können ihr Geschlecht wechseln und
kommen lange ohne das Meer aus. Noch in Charles Dickens „Abenteuer des Mr.
Pickwick“ werden Austern als Arme-Leute-Essen bezeichnet. Heute gelten sie
eher als versnobter Genuß, jedenfalls bei uns. Am Meer ist das anders. Teuer
sind Austern heute nirgendwo mehr. Aber an ihrem Ge-schmack, an ihrer Optik
und an ihrer Konsistenz scheiden sich die Geister. - Die Gold-schmiedin
Birgit Damer hat jetzt im Hädecke Verlag ein umfassendes Sachbuch mit
reichem Bildmaterial, vielen Informationen, Tips und Rezepten herausgebracht
für alle, die die Austern lieben oder lieben lernen wollen.

„Man darf bei den Mädels
nicht schüchtern sein“. Das sagte sich nicht nur Theo Lingen in dem Ufa-Film
„Die Austernlilli“, schon Casanova war dieser Ansicht und schwor auf ein
sicheres Erfolgsezept seiner Verführungskünste: Austern. Aber nicht nur er
schätzte die Wirkung der Auster als Aphrodisiakum, auch der Dresdner Hof.
Detlef Schlegel vom Leipziger Ein Sterne-Restaurant „Stadtpfeiffer“:
"Am Hofe hat sie eine sehr große Rolle gespielt. Ja,
man sagt ihr ja vieles nach. Der August wird schon viele geschlürft haben.
Hier in Leipzig hat sie auch eine wichtige Rolle gespielt. Leipzig war
Handelsplatz, ort der Messe, hier sind viele Kulturen aufeinander getroffen"
Über die Biologie der Auster, die Kultur der
Austernzucht und den Austerngenusses hat die Birgit Damer, die nicht zuletzt
der Auster wegen auf Sylt lebt, wo man wilde Austern ja noch im Wattenmeer
sammeln kann, ein anregendes Buch geschrieben.
"Irgendwie führt das Eine zum Andern. Ich glaube,
wer Wert auf Ästhetik legt, der ist bestimmt auch ein Geniesser, der gerne
gut isst."

Die Rezepte, die Birgit Damer – selbst eine
passionierte Köchin - in ihrem Buch aufführt, stammen allerdings
größtenteils aus der Feder von besternten Berufsköchen aus aller Welt. Die
edlen Schalentiere gibt es ja auf allen Kontinenten. Die Autorin beschreibt
das auch sehr anschaulich. Seit der Antike isst der Mensch Austern, in der
Steinzeit wurden sie gesammelt, schon die Römer haben sie in großem Stile
gezüchtet, im Mittelalter waren sie vergessen, aber in der Renaissance
wurden sie wieder entdeckt.
Der weltweit größte Austernmarkt ist inzwischen China.
Wo man die Muschel allerdings kaum je roh isst, sondern gegart, gesotten,
frittiert, zu Soße verarbeitet und in vielen anderen Zubereitungen. Heute,
so liest man in einem spannenden Kapitel über die „Austern der Welt“, werden
in den USA und Kanada mehr Austern gegessen als in ganz Europa. Neben
Holland, Belgien Irland, England, Norwegen, Spanien und Frankreich gibt es
sogar in Chile eine eigene Austernart. Sie wächst an Mangrovenwurzeln.
"Meine Lieblingsauster kommt aus Dänemarkt, aus dem
Lim-Fjord-Gebiet, und da ist ne Insel, die heißt Venø, ich liebe diese Insel
und ich liebe diese Austern von dort, die so köstlich sind."
Austern auf Meerrettichpüree oder auf Erdbeergazpacho,
Austern mit Rindermark und Püree aus karamellisierten Zwiebeln sind nur
einige der vielen ungewöhnlichen Austernrezepte, die die Autorin gesammelt
hat. Doch Sterneköche wie Detlev Schlegel aus Leipzig schwören auf den
puren, unverfälschten Austerngenuß:

Petra &
Detlef Schlegel
"Am Besten eine frische Auster öffnen und pur
schlürfen, weder Zitrone, noch Vinaigrette, noch sonst Etwas. Das ist dann
wirklich die Wahrheit de Produkts."
Was aber ist die
Wahrheit der Auster?
"Die Unverfälschtheit, die Ehrlichkeit und der
Geschmack. Er macht die Wahrheit aus: Das Meer. Es gibt keinen direkteren
Botschafter des Meeres als die Auster."
Voraussetzung allen
Austerngenusses ist natürlich die Frische. Doch die Auster hält sich
gekühlt, außerhalb des Meeres an die zwei Wochen. Aber Birgit Damer
beruhigt:
"Ich habe noch im Leben eine Auster
runtergeschluckt, die schlecht war, weil die richt man ja sofort. Also wer
das nicht riecht, tut mir leid. Eine schlechte Auster erkennt man sofort am
Geruch!"

Andreas Schiechel, gebürtig
aus Senftenberg, aufgewachsne in Niedersachsen, Austernpio-nier in Berlin,
der für seinen sehr individuellen Weinladen Vinum lange, bevor sie im
KaDeWe salonfähig wurde, Austern importierte, definiert den Geschmack der
Auster folgendermaßen:
"Wenn man die Auster wirklich ganz bewusst isst, sie
kaut, dann hat man die drei Hauptgeschmäcker sehr deutlich in der
Wahrnehmung, das Salzige, das Jodige und dann eben auch, wenn man den Fuß
der Auster mitisst, das Süße, was zum Schluß kommt, und was eigentlich dann
insgesamt einen sehr schönen Dreiklang ergibt."
Küstenbewohner wie die
Franzosen wußten diesen Dreiklang immer schon zu schätzen. Aber auch
hierzulande, ob in Berlin oder in Leipzig, ist die Auster inzwischen
kulinarisch etabliert. Wer sie noch nicht zu genießen weiß, kann sich von
dem Buch von Birgit Damer zum ersten Austern-Erlebnis bestens animieren und
anregen lassen. Sie zieht in ihrem
Buch eine Linie von den grünen Aromen und potenzbelebenden
Inhaltsstoffen der Auster bis zu ihrer edelsten, wie skurrilsten Ausgeburt,
der Perle. Ihr ist ein Schlusskapitel gewidmet. Es ist ein Buch zum
Schmökern, Blättern und Lernen, ein Buch das gute Laune macht und animiert,
sich dem Erlebnis Auster hinzugeben, wo auch immer.
"Wenn man das Meer sehr liebt, dann ist das jedes
Mal eine Erinnerung wie die Madelaines von Proust. Man hat, sobald man das
in der Nase hat, das Gefühl, man ist am Wasser und man entspannt sich und
ich krieg sofort gute Laune."
Im Leipziger Restaurant "Stadtpfeiffer", bei Detlef und
Petra Schlegel, bekommt man übrigens neben der heute vorherrschenden
Pazifischen Felsenauster auch die inzwischen seltene europäische Auster
serviert, wenn man möchte.
"Wir sind hier im guten alten Europa. Es gibt zwar
nur noch ganz wenige europäische Austern. Aber man sie anbieten. Das sind
wir dem Standort irgendwie schuldig."
MDR Figaro

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