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Dieter David Scholz
Buch-Besprechung
Schlampiges Gefälligkeitswerk
Misha Aster: Das
Reichsorchester
Die Berliner Philharmoniker und
der Nationalsozialismus

Gebundenes Buch, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
mit Abb.
ISBN: 978-3-88680-876-2
€ 21,95 [D]
| € 22,60 [A] | SFr 38,90
(UVP)

Zur Eröffnung der kommenden Saison
2007/2008 haben die Berliner Philharmoniker in ihrem 125. Jubiläumsjahr
einen bemerkenswerten Schwerpunkt gesetzt: Die in der Geschichtsschreibung
wie Selbstdarstellung bisher vernachlässigte Rolle des Orchesters während
der Jahre zwischen 1933 und 1945. Am Wochenende wurde in der Berliner
Philharmonie eine Ausstellung zum Thema eröffnet und ein Buch des
kanadischen Autors Misha Aster vorgestellt.
Der bis heute umstrittene
Dirigent Wilhelm Furtwängler war der Repräsentant des Berliner
Philharmonischen Orchesters im Dritten Reich. Hitler nannte das Orchester
nach seiner Verstaatlichung am 1. November 1933 sein „Reichsorchester“. Es
hat lange gedauert, bis es Gegenstand einer eigenen Abhandlung wurde. Dabei
zeigt die Stiftung Berliner Philhar-moniker heute keinerlei Berührungsangst
mit dem Nazi-Tabu, wie deren Intendantin Pamela Rosenberg bei der
Buch-Präsentation erklärte:
"Also, ich glaube, in keiner Familie
ist es gut, wenn es eine geschlossene Kammer gibt, wo ein Geheimnis
aufbewahrt bleibt. " Sie hat auch keinen Grund, nicht aufgeschlossen
zu sein für die Geschichte ihres Orchesters im Dritten Reich, denn wirkliche
Geheimnisse werden nicht gelüftet in dem Buch des 29- jährigen, kanadischen,
deutschstämmigen Autors Misha Aster. Der Opernregisseur, Historiker,
Pädagoge und Autor Misha Aster hat die heikle Aufarbeitung der
Nazigeschichte des Orchesters, so scheint´s, auf die leichte Schulter
genommen: "Natürlich ist die Begegnung zwischen die Kunst und die Politik
was Aufregendes. Das Thema, die Berliner Philharmoniker zwar nicht so
besonders, aber diese Beziehung zwischen Kunst und Politik, zwischen
Künstler und ihrer gesellschaftliche Umgebung, die war immer für mich eine
spannende Frage. " (Aster)
Nur leider gibt Misha Aster
keine spannenden Antworten. Man erfährt: Es gab Kompromisse auf beiden
Seiten, die Nazis wollen das renommierteste deutsche Orchester zu ihrem
propagandistischen Aushängeschild machen. Das Orchester, bisher selbständig,
erhält dafür als Reichsorchester finanzielle Sicherheit. Die wenigen Juden
unter den Orchestermitgliedern seien schon 1935 verschwunden gewesen. Und
der deutsche Vorzeigedirigent Wilhelm Furtwängler, der wegen des Verbots der
Hindemith-Oper „Mathis der Maler“ 1934 all seine offiziellen Ämter inklusive
des Ersten Dirigenten niederlegte, habe schon ein halbes Jahr später wieder
am Pult des Orchesters gestanden, so Aster. Hitler und Göbbels im Publikum.
Man habe sich arrangiert, auf beiden Seiten. Daran änderte sich bis 1945
nichts.
"Es kam wohl zu
Kompromissen, also moralischen Kompromisse auf jeden Fall. War das
opportunistisch? Es gab vielleicht bessere Gründe, mitzumachen, als
Widerstand zu leisten." (Aster)
Daß die Philharmoniker im
Alltag (abgeschottet von Diktatur und Terror) nur eben Musiker gewesen
seien, aber auf Reisen in okkupierten Gebieten als „Vorkämpfer der
Fallschirm-jäger“ bezeichnet worden und mit Protesten konfrontiert worden
seien, gehöre nun mal zu ihrer ambivalenten Rolle. Im übrigen hätten sie
sich tapfer gegen musikalische und ideolo-gische Bevormundung – auch in
Sachen des Repertoirs - gewehrt. „Kämpferischer Gemein-schaftsgeist“ und
„politisches Geschick“ im Umgang mit Tradition und Erbe seien die Stärken
des Orchesters auch nach dem Zusammenbruch 1945 gewesen, als sie sich in
Windeseile wieder neu formierten und an die Öffentlichkeit gingen, so Aster.
Und man liest allen Ernstes auf Seite 344, dass das Berliner Philharmonische
Nachkriegs-Orchester 1954 „auf den Trümmern von Goebbels `Sendboten der
Kunst` eine Reife erworben habe, die es ihm erlaube, sogar ein doppeltes
NSDAP-Mitglied zum Chefdirigenten zu wählen“. Da ist man sprachlos! Gemeint
ist Herbert von Karajan. Es ist eine von vielen peinlichen wie taktlosen
Formulierungen des Autors. Misha Aster hat offenbar die Standardwerke von
Joseph Wulf und Fred Prieberg zur Musik im Dritten Reich nicht gelesen. Sie
werden im Literatur-verzeichnis nicht einmal erwähnt. Das ist blamabel!
Misha Aster stützt sich stattdessen auf weitgehend altbekannte
Darstellungen und Abhandlungen. Und nur wenige essenziell neue
Archivforschungen kann Aster vorweisen, wo doch im Berliner Bundesarchiv
kistenweise NaziAkten und Dokumente gerade auch in Sachen Philharmoniker für
Jeden einsehbar lagern. Von den vielen faktischen und Datenfehlern des
Buches ganz zu schweigen. Es scheint, Misha Aster wollte das renommierte
Orchester nicht mit unbequemen Wahrheiten düpieren. Dafür haben die
Philharmoniker auch eine opulente Präsentation seines Buches übernommen.
Diese erste Auseinandersetzung mit dem spannenden Thema ist – man muß es
leider sagen - ein schlampig recherchiertes Gefälligkeitswerk, mehr nicht!
Die notwendige, sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Thema, sie steht
nach wie vor aus!
SWR, Kultur aktuell 27.08.2007

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