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Dieter David Scholz
Opernkritik
Schotten-Karo ist Trumpf
G. F. Händels: „Ariodante“ bei den Händelfestspielen Halle 2007 Premiere am 1.6.2007, Opernhaus Halle, Ein Gespräch vor Mikrofon... Moderator: „Triumph von Zeit und Wahrheit - Mythos und Allegorie“ lautet das Motto der diesjährigen Händelfestspiele. Was hat denn die Oper Ariodante“, die sich ja auf eine Episo-de des „Rasenden Roland“ von Ariost bezieht, mit dem Thema zu tun?
Scholz: Es geht um nichts weniger als den Mythos von der verleumdeten und unschuldig angeklagten Frau, und es geht um den Mythos der beständigen Tugend, der Treue und der schönen Unschuld. Veranschaulicht wird das in einer ziemlich komplizierten Handlung: Sieben Personen lieben auf je unterschiedliche Weise. Und fast alle lieben falsch oder den Falschen. Eifersucht, Rache und Verleumdung bleiben nicht aus. Es gibt vor allem einen geradezu Jago-haften Bösewicht, das ist der Herzog von Albany, der verleumdet nämlich Ginevra, die Toch-ter des Königs von Schottland, die ihrerseits Ariodante liebt, der zum Thronfolger gekürt wird. Um das zu torpedieren, intrigiert der Herzog ziemlich abgefeimt gegen Ariodante und Ginevra, er tut nämlich so, als ob Ginevra ihn, also Polinesso heimlich in ihre Schlafstube gelassen habe, in dem er die Freundin Ginevras, Dalinda mit Namen, anstiftet, die Kleider der Königstochter anzuziehen, und sich mit ihm im Schloß in flagranti erwischen zu lassen. Die dumme Gans tut das auch aus hoffnungsloser Liebe. Die Infamie gelingt. Ginevra wird der Untreue bezichtigt und zum Tode verurteilt. Das Glück scheint dahin. Ein Gottesgericht muß her, Polinesso fällt im Zweikampf und gesteht sterbend seine Untat. Ende gut, alles gut, Die unschuldig verurteilte Ginevra wird begnadigt, dem Happy End steht nichts mehr im Wege.
Moderator: Das hört sich nach einer ziemlich verwickelten und verzwickten Handlung an. Wie hat denn Regisseur Stephen Lawless dem Zuschauer diese Vorgänge erklärt?
Scholz: Er hat sie im Grunde nicht wirklich erklärt, jedenfalls nicht die tieferen Dimensionen des Stücks, seiner Handlung und Psychologie. Von der Personenführung her ist er ziemlich an der Oberfläche geblieben und er hat sich in sehr konventionellen Bewegungsvorgaben bewegt. Wo ihm nichts einfällt, szenisch, da läßt er Golf spielen, oder inszeniert Jagdausflüge, da darf Madame sich entkleiden oder exhibitionistisch ihre Strümpfe anziehen. Auch Herr Köhler darf viel nackte Haut zeigen. Das ist alles ganz neckisch und ziemlich britisch. Und es ist vor allem ein Schauvergnügen. Stephen Lawless hat eine große Ausstattungsoper inszeniert. Dennoch wird der Abend lang dabei. Aber es darf immerhin reichlich geschmunzelt werden. Sue Willmington hat nämlich das ganze Personal des Stücks ziemlich in Schotten-Karo gewandet. Erstaunlich, welche Variationsbreite in Farbe und Formgebung sie dabei ent-wickelt, egal ob Strümpfe, Krinoline oder Rock, egal, ob Mann oder Frau: Schottenkaro ist Trumpf und Mittelpunkt der Aufführung. Nun ja, das Stück spielt nun mal in Schottland.
Moderator: Ist den auch die Bühne so richtig schottisch, wie man es sich vorstellt? Also Moor, Castle, Wasser, einsame Highlands etc?
Scholz: Das wird nur auf einem durch offene Fenster sichtbaren Prospekt angedeutet. Benoit Dugardyn hat Stephen Lawless eine imposante Guckastenbühne gebaut, mit einem schönen barocken Saal, mit großen Türen und Fenstern und großen Hirschgeweihen darüber. Jagd-trophäen. Dieser prachtvolle Saal ist sehr verwandelbar. Im zweiten Akt wird er sozusagen auf den Kopf gestellt, nach dem Sturz Ginevras und dem zerstörten Glück Ariodantes ist die Welt ist aus den Fugen, sie steht gewissermaßen Kopf, und im dritten Akt, da ist dieser Saal rußgeschwärzt, bis am Ende die Decke sich gen Himmel hebt und Licht ins Dunkel kommt. Das Happy End wird ja meißt in strahlender Helle gefeiert. Es ist eine konsequente Bilder-Metaphorik, mit der in dieser Inszenierung Seelisches veranschaulicht werden soll. Ob das im Einzelnen zum Verständnis der Vorgänge führt, sei dahingestellt, Auf jeden Fall ist das sinnliches, barockes Theater, und als szenisches Ereignis eine technisch ziemlich aufwendige, übrigens auch -Kompliment an die Bühnentechnik - reibungslos funktionierende Angele-genheit. Und diese opulente Opern-Kulinarik hat dem Publikum sehr gefallen.
Moderator: In der Oper Ariodante hat Händel sehr viel Wert auf Tänzerisches gelegt. Er hat viel Ballettmusik für das Stück komponiert. Er hat ja auch mit einer zu seiner zeit berühmten Choreografin zusammengearbeitet. Hat man dem in dieser Inszenierung in Halle Rechnung getragen?
Scholz. Oh ja, die Aufführung beginnt und endet mit Tanz. Der Chor muß tanzen, die Ge-sangs-Solisten müssen tanzen, es gibt aber auch richtiges Corps de Ballett. Der Alptraum der zu Unrecht zum Tode verurteilten und verstoßenen Ginevra wird beispielsweise als große Schwanensee-Parodie, en travestie von Männern in Tutus als groteskes Ballettintermezzo vorgeführt. Und auch da zeigt sich wieder das Grundprinzip dieser Inszenierung: die Veran-schaulichung von Innerem durch Äußeres, und nicht durch Psychologie der Personenführung. Man hat die renommierte englische Choreografin Nicola Bowie dafür engagiert. Und sie hat ihren Job ziemlich gut gemacht!
Moderator: Wie haben denn die Musiker und Sänger ihre Sache gemacht?
Scholz: Alles in allem sehr gut, im ersten Akt hakte es noch ein wenig, aber die Aufführung hat sich von Akt zu Akt gesteigert, sie wurde immer dichter und animierter. Die Sänger fanden im zweiten Akt endlich zu ihren stimmlichen Qualitäten: Raimund Nolte sang einen würdevollen, gebrochenen König, Gillian Keith eine in ihrer Verstörtheit anrührende Ginevra und auch Caitlin Hulcup als Ariodante fand schließlich zu ausdrucksvoller Stimme. Das ganze Ensemble ist handverlesen und war am Ende doch überzeugend, bis auf Axel Köhler. Er spielt den Händelschen Jago, als den man den Bösewicht Polinesso bezeichnen kann, zwar wunderbar fies, aber seine Counterstimme ist doch inzwischen grenzwertig. Die Verfallszeit dieser Stimmen ist nun mal kurz. Ein Extralob gebührt dem Chor und dem Händelfest-spielorchester. Der in Florenz beheimatete Alte-Musik-Spezialist Federico Maria Sardelli am Pult macht bella figura. Aber in seinem exzentrischen Händel-Dirigat siegt das akademisch Korrekte über das sinnliche Hörvergnügen. Der zündende Funke springt nicht oft über, und ich glaube, Händel hätte sicher nichts gegen etwas mehr Ranschmeiße, oder sagen wir etwas mehr Raffinement und musikantische Phantasie gehabt.
Frühkritik in MDR-Figaro am 2.6.2007: |