Dieter David Scholz

Buchrezension


 

 

Pünktlich zum siebzigsten Geburtstag erschien nun endlich die Biographie der argentinischen Star-Pianistin Martha Argerich. „Die Löwin am Klavier“ über-schreibt der französische Journalist Olivier Bellamy das Buch, das die medien-scheue Pianistin sogar abgesegnet hat als autorisierte Biographie. 

Die „argentinische Bombe“ wurde sie von Kritikern genannt. Sie gilt als  pianisti-sches „Rassepferd“. Als „übernatürlich“ pries man immer wieder ihr tempera-mentvolles Spiel. Die rumänische Pianistin Clara Haskil nannte sie einen „Satan am Flügel“: Martha Argerich ist eine der außergewöhnlichsten Pianistinnen des letzten halben Jahrhunderts. Außergewöhnlich als künstlerische wie als menschl-iche Erscheinung.

Martha Argerich war stets medienscheu, hat sich der PR-Maschinerie des Musikbusiness weitgehend entzogen  und läßt sich bis heute in keine Schublade pressen. Sie ist so etwas wie ein großes Wunder. Jetzt endlich wurden der argentinischen Klaviersphinx einige ihre Geheimnisse entrissen. Von dem franzö-sischen Journalisten Olivier Bellamy

Er hat sich nicht mehr und nicht weniger zum Ziel gesetzt, als die Voraussetzung-en und Bedingungen darzustellen, „dank deren ein solches Wunder entstehen konnte“, wie er schreibt. Und so widmet er den ersten Lebensjahren und der Kind-heit der Pianistin besonders viel Aufmerksamkeit. Er erläutert die kroatisch-kata-lanisch-jüdischen Wurzeln Martha Argerichs und beschreibt das soziale Umfeld, in dem sie aufwuchs. Er schildert mit  viel Einfühlungsvermögen und Detailkennt-nissen ihre Sozialisation in Buenos Aires, wo sie am 5. Juni 1941 im Zeichen des Zwillings geboren wurde. Eigentlich hieß sie María Martha. Ihr Vater Juan Manuel war ein Müßig- und Draufgänger, ein Lebemann, der seiner Tochter die Liebe zum Diesseits mitgab, ihre Mutter Juanita war das ganze Gegenteil, ein Arbeits-tier und vom Ehrgeiz zerfressen, aus ihrer Tochter ein Wunderkind, ja einen Star zu machen. Was ihr gelang. Dabei wollte, so liest man erstaunt, Martha Argerich eigentlich eher Ärztin werden. Geprägt von vielen Familienkrächen, die ihr Ver-hältnis zum anderen Geschlecht und ihren Glauben an Ehe, Liebe und Treue früh erschüttert haben, verriet sich schon im Alter von 5 Jahren ein ungewöhnliches pianistisches Talent. Sie bekommt Klavierunterricht bei einer katalanischen Kla-vierlehrerin, Ernesta Kussroff, dann bei einem der strengsten, aber auch erfolg-reichsten Klavierlehrer Argentiniens, bei der  nepolitanischen Klavierlegende Vincenzo Scaramuzza. Er war der Begründer einer eigenen Musikakademie, in der er vier Generationen von Pianisten ausbildete. Er sei ein „Menschenfresser-pianist“ gewesen, so Ollivier Bellamy, dessen pädagogische Maxime gelautet habe: „Schüler sind wie Degen. Manche brechen, sobald man sie biegen will, andere passen sich an, bis sie ihre eigentliche Form gefunden haben.“ Martha Argerich gehörte zur letzteren Kategorie. Was er ihr beizubringen versucht habe, sei Kantabilität des Spiels, Legatokultur also gewesen, bei einem Maximum an Expressivität. Doch Marthas Herz schlug damals wohl schon mehr für den Rhyth-mus, für die Polyphonie. Sie war nie ein Muster an Übungsfleiß und Karrierebe-sessenheit. Doch dank ihrer ungeheuren natürlichen Begabung gab sie bereits mit Sieben ihr erstes Konzert im Teatro San Martin, das Klavier­konzert Nr. 20 g–moll von Mozart, das erste Klavierkonzert von Beethoven und als Zugabe die Englische Suite Nr. 3 von Bach. Mit Elf debütierte sie dann bereits im berühmten Teatro Colon mit Schumanns Klavierkonzert, einem ihrer Lieblingsstücke bis heute.

Im Jahre 1953 änderte sich das Leben der kleinen Martha Argerich, als der Pianist Friedrich Gulda für mehrere Wochen nach Argentinien kam. Sein Spiel hat sie derart fasziniert, dass sie alles Bisherige an Maßstäben hinter sich warf. Dabei hatte das Wunderkind bereist Arthur Rubinstein, Walter Gieseking, Clau-dio Arrau, Wilhelm Backhaus und Alfred Cortot gehört. Allen hatte sie vorgespielt. Und alle waren zutiefst beeindruckt von ihr. Doch Guldas Ästhetik der harten Kon-traste und scharfen Konturen wurden fortan für Martha Argerich zum Vorbild. Friedrich Gulda spürte diese innere Affinität: „Mensch Argerich“, soll er eines Tages ausgerufen haben, „ich glaube, wir sind vom gleichen Schlag!“ Und er lockte sie nach Wien, wo er sich ihrer annehmen wollte. Tatsächlich gelang es dem Vater Marthas, eine Stelle an der argentinischen Botschaft von Wien zu erhalten. Friedrich Gulda machte sein Versprechen wahr und wurde der Vertraute und Lehrer Martha Argerichs. Er prägte sie wie kein anderer Pianist, obgleich sie zahllose Berühmtheiten  konsultierte. Bellamy listet das akribisch auf. Doch was wie Namedropping wirken könnte, ist nur das Bemühen um biographische Vollständigkeit und Genauigkeit, das den Autor dieser ersten Biographie Martha Argerichs auszeichnet. Er beschreibt ja auch alle  Amouren, Ehen, Kindsge-burten, Kräche, Skandale und sonstigen Ereignisse der scheuen, wilden, unange-passten, freiheitsliebenden  Pianistin, die  meist ein ausgesprochenes Lotter-leben führte, sich immer wieder vom Klavier verabschiedete, auch allzu enge Partner­schaften nicht lange ertrug, die die Nächte zum Tag machte und als Kettenraucherin und maßlose Kaffeetrinkerin berühmt-berüchtigt wurde. Was Friedrich Gulda zu dem zornigen Vorwurf animierte, die "neurotische, willens-schwache, verwöhnte Virtuosin  verschleudre ihr Potenzial mit ihrer chaotischen Existenz“. Er hatte vielleicht nicht ganz unrecht, dennoch machte Martha Argerich ihren Weg. Und den kann man  in diesem Buch von Bellamy genauestens nach-verfolgen, von Bozen und Genf über Hamburg, Hannover, Bern, Moncalieri, nach New York, von Brüssel, Warschau, London, Montevideo, Rio, Moskau und Santa Monica bis an die Ufer des Tessiner Sees, wo Martha Argerich heute ihr eigenes Festival pflegt wie einen Bienenstock. Sie ist darin die Königin, versteht sich.

Bellamy beschreibt das alles ausführlich, ihre frühen Wettbewerbssiege, ihr brei-tes Repertoire und die Erfolgsstationen ihrer pianistischen Laufbahn, ihre Auf-nahmesitzungen und ihr Lampenfieber, das sie bis heute nicht losgeworden ist. Ebenso präzise beschreibt er ihre Ess- und Alltags­gewohnheiten, ihre Krebs-erkrankungen, ihre wechselnden Domizile, ihre Vorlieben und Abneigungen. Das alles liest sich in der Übersetzung von Susanne Van Volxem leicht und flüssig. Angesichts der Fülle an Erlebnissen und Begegnungen ihres bisherigen Lebens mutet  diese Biographie fast wie ein Roman an. Ein Roman über einen Star, der keiner sein will, über eine sympathische natürlich gebliebene Berühmtheit, die trotz aller Verklärung nie die Bodenhaftung verloren hat. Und aus der Lebens- und Erinnerungsperspektive Martha Argerichs wirft das Buch auch manches erhellen-de Licht auf viele ihrer Kollegen und andere Persönlichkeiten des Musiklebens. Ein faszinierendes Leben, ein faszinierendes Buch!

Olivier Bellamy: Martha Argerich. Die Löwin am Klavier

Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann. München. 287 S., 19,95 Euro

 

Rezension für DLF – Musikjournal: 06.06.2011