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Dieter David Scholz
Buch-Besprechung Wie mit vollen Chören
Bis heute wird die Musikgeschichte der alten und neuen Hauptstadt, Berlins, stiefmütterlich behandelt. Hundert Jahre sind seit der letzten größeren Veröffentlichung zur Geschichte der Musik in den drei Bürgerkirchen St. Marien, St. Nikolai und St. Petri der alten Doppelstadt Berlin-Cölln vergangen. Jetzt endlich ist durch neue Archivrecherchen eine Fülle von bislang unveröffentlichtem Material zu vergessenen oder noch nie erforschten Personen, Einrich-tungen, Kompositionen sowie zum kirchenmusikalischen und gottesdienstlichen Leben zusam-mengetragen worden. Die Musikwissenschaftlerin Ingeborg Allihn und das Vorstandsmitglied des Vereins „Musik aus Berlins historischer Mitte“, Wilhelm Poeschel haben es als Buch herausgegeben. Der Titel: „Wie mit vollen Chören“.
"Der Anlass war das Paul Gerhardt Jahr im Jahre 2007. Damals stellte die Marienkantorei fest, dass viele Noten in ihrem Archiv sind, das nie zerstört worden ist, also wirklich spektakulär und einmalig in der Stadt Berlin, die ja bekanntlich sehr zerstört worden ist. Und das war der Anstoß, dass sie gesagt haben. Es ist so viel an Material da, wir könnten ein Büchlein machen.“ (Ingeborg Allihn) Gesagt getan. Es wurde ein Verein gegründet: „Musik aus Berlins historischer Mitte“, und die Musikwissenschaftlerin Ingeborg Allihn hat – gemeinsam mit 13 Autoren, Theologen, Musikwissenschaftlern, Historikern und Kirchenmusikern ein dickes Buch herausgegeben, das weit über den Anlass seines Entstehens, den vierhundertsten Geburtstag des großen Theologen und Kirchenmusikers Paul Gerhardt hinausgeht. Es ist eine breit angelegte Geschichte der Berliner Kirchenmusik geworden, die zugleich ein Kapitel Berliner Stadtgeschichte ist. Warum, so fragt man sich, interessierte sich für dieses Kapitel hauptstädtischer Kulturgeschichte bisher niemand? "Das ist mir völlig rätselhaft. Der Letzte, der sich dafür dediziert interessierte, ist Kurt Sachs. Kurt Sachs hat vor gut hundert Jahren die beiden bekannten Bücher herausgegeben, hat zum Glück Material aufgearbeitet, das heute durch den Krieg verloren ist, also gerade Besol-dungslisten und so was, und seitdem hat es zwar ein oder zwei mutige Einzelkämpfer gege-ben, die das einfach aus Interesse gemacht haben, aber im Grunde genommen hat keine der Universitäten, der musikwisenschaftlichen Institute dieses zum Thematik gemacht." Ob Eduard Grell Organist und Direktor der Berliner Singakademie ab 1851, Martin Krauss, der erste bekannte Berliner Kantor, Johann Crüger, Kirchenlied-Komponist des 17. Jahr-hunderts, Leonhard Carmerer oder Otto Dienel, ein Zeitgenosse Richard Wagners: Berlin ist seit 500 Jahren eine Stadt mit großer, ununterbrochener Kirchenmusiktradition. Sie erzählt auch ein Stück Geschichte der Emanzipation des Bürgertums und der Religion. In ihrer Bedeutung und Größe ist die Berliner Kirchenmusikgeschichte durchaus vergleichbar mit der norddeutschen in Hamburg oder Lübeck. "Das ist bisher überhaupt nicht zur Kenntnis genommen worden. Es hat in Berlin wirklich immer Kirchenmusiker gegeben, vielleicht nicht vergleichbar mit Johann Sebastian Bach oder Heinrich Schütz, aber doch so bedeutende Kirchenmusiker, dass man die Musik bis heute mit Freuden anhören kann, und die ein erstaunliches Maß an Qualität zeigen, und zwar ununterbrochen hat es diese Kirchenmusik gegeben. Das Buch versucht, diese weisse Landschaft in der Berliner Musikgeschichte mit Farben aufzufüllen und zwar bezogen auf die Bürgerkirchen, die Stadtpfarrkirchen, also St. Petri, St. Nikolai und St. Marien und natürlich auf das Berlinische Gymnasium Zum Grauen Kloster, das ja heute nur noch als Ruine zu besichtigen ist. Das aber eine ganz bedeutende Rolle gespielt hat. Es war das erste Gym-nasium, was überhaupt 1574 in Brandenburg gegründet worden ist und wo die Schüler verpflichtet waren, die liturgischen Gesänge in den Kirchen auszuführen." Das Buch „Wie mit vollen Chören“, dessen Titel anspielt auf die zweite Strophe des Kirchen-liedes „Fröhlich soll mein Herze singen" von Johann Krüger, dokumentiert 500 Jahre Kirchenmusik in Berlins historischer Mitte. Es trägt zwar dem Umstand Rechnung, dass Berlin mehrheitlich protestantisch war und ist, aber auch Juden und Katholiken werden in ihm berücksichtigt. Und es macht nicht halt vor dem heiklen historischen Kapitel des National-sozialismus, in dem sich keineswegs alle Kirchenleute mit Ruhm bekleckert haben, was am Fall des Kirchenmusikers Hans-Georg Görner beispielhaft demonstriert wird. "Dieser Görner war ein überaus ehrgeiziger Mensch, der in der Nazi-Zeit natürlich Partei-genosse war, versucht hat, dann in St. Marien alle anderen an die Seite zu drängen, der dann nach 1945 in der DDR eine wunderbare Karriere gemacht hat und Vorsitzender eines Komponisten-Landesverbandes in Mecklenburg Vorpommern geworden ist. Er hat sogar eine Professur gekriegt." Besonders interessant ist auch das angesprochene Kapitel der Kirchenmusik in der DDR. Man vergesse nicht, dass wesentliche Impulse zum Sturz des DDR-Regimes aus Kirchenkreisen kamen. "In der DDR war die Kirche ein Hort des Widerstandes. Und die Kirchenmusik hat floriert in einem Masse, dass man sich das heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Und es war nach der Wende entschieden schwieriger, für die Kantoren und auch für die Chöre, sich im öffentlichen Leben bemerkbar zu machen. Das war eine Nische, und es war eine, die einem wohl getan hat und wo man auch etwas das Gefühl hatte, dass man seinen Widerstand artikulieren konnte. " Man erfährt viel Neues in dem Buch von Ingeborg Allihn und Wilhelm Poeschel, seine Auto-ren haben hervorragend recherchiert, man hat viele aussagkräftige Photos, Stiche und Doku-mente zusammengetragen. Eine Kirchenmusik-Kulturgeschichte Berlins, die anschaulich, hochinteressant und leicht lesbar ist für Jeden, der sich für die deutsche Hauptstadt und ihre vernachlässigte bürgerliche Musikkultur interessiert. Die in diesem Buch angesprochenen Schätze größtenteils unpublizierten Noten-Materials, warten auf ihre Hebung. Die gemeinsam von der Marienkatorei und dem RIAS Kammerchor neu gegründeten internationalen Chormusiktage „ChorInt“ haben einen Anfang gemacht. Die Fortsetzung dürfte spannend werden. Wer darüber hinaus auf den Spuren der hauptstädtischen Kirchenmusik wandeln möchte, der kann mittels eines beigefügten Plans einen Stadtspaziergang durch Berlins historische Mitte machen. Er lohnt sich!
Beitrag im DLF 4.10.2010, "Musikjournal"
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