Dieter David Scholz

 

ZUKUNFTSMUSIK ALS STRAPAZE UND UNERWARTETE FASZINATION

 

Festival  d´Aix-en-Provence 2009

 6.07.2009

Am Wochenende begann auch in Südfrankreich die Festspielzeit. Das traditionsreiche  Festival  d´Aix-en-Provence startete seine zweiundsechzigste Saison. Vom 2. bis zum 22 Juli dauert sie. Reprisen schon gezeigter Produktionen von Offenbachs "Orpheus in der Unter-welt" und von Mozarts "Zauberflöte" in der Lesart von René Jacobs setzen Akzente. Dazwi-schen gibt es Konzerte mit Les Talens Lyrique und Christophe Rousset, mit der Camerata Salzburg, mit dem Cellisten Heinrich Schiff, mit dem Scharoun Ensemble, mit dem Dirigenten Pierre Boulez, dem Pianisten Lang Lang und mit der Mezzosopranistin Magdalena Kozena. Den Auftakt bildeten zwei mit Spannung erwartete Neuproduktionen: Wagners „Götter-dämmerung“ mit Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker und Mozarts „Idomeneo“ mit Marc Minkowsi und seinen Musiciens du Louvre.

Das sonnendurchglühte, ganz barocke Aix-en-Provence, die Stadt des Malers Cézanne am Fuße des malerischen Mont St- Victoire, unweit der Hafenstadt Marseille, ist auch in diesem Jahr wieder ein lohnendes Reiseziel für alle Musikfreunde:

Aix en Provence ist ein Festival, bei dem sich Tradition und Moderne miteinander vereinen. Man kann hier renommierte Künstler aus aller Welt hören und sehen, aber auch viele junge Nachwuchstalente.

Intendant Bernard Foucroulle hat gut reden, das renommierteste Festival Frankreichs muß sich – der Finanzkrise zum Trotz - über Publikumszuspruch und Finanzen kaum Sorgen ma-chen. Man hat zwar eine geplante Neuproduktion gestrichen, aber  alles in allem steht man gut da. Und die hochkarätigen Produktionen wie die "Götterdämmerung" mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle und Marc Minkowskis „Idomeneo“ mit den Musi-ciens du Louvre und dem Rundfunkchor Berlin sind seit Monaten ausverkauft. Gelassen ele-gant ertrug das aus nah und fern angereiste Publikum die extreme Hitze, die den Beginn des diesjährigen Festivals in der Hauptstadt-Perle der Provence besonders strapazierte.

Aber auch die vom Publikum heftig bestürmte wie bejubelte "Götterdämmerung" war strapa-ziös. Die Berliner Philharmoniker haben nun zwar den Schlußstein des "Ring"-Gebäudes in Aix gesetzt, das sie vor 4 Jahren in Angriff nahmen (aber nie zyklisch zeigen werden) und erneut demonstriert, über welche außerordentliche Spielkultur und Klangpracht sie verfügen, doch Sir Simon am Pult hat dem Publikum gutes Sitzfleisch abverlangt. Wagnersche Dramatik liegt ihm fern, er setzt  eher auf „himmlische“ Langsamkeit, „schöne Stellen“ und Durchhör-barkeit. Blinde Flecken über weite Strecken, Beziehungs- und Spannunslosigkeit der Musik waren sind die Folge.  Ben Heppner als stimmlich überfordertem und unansehnlichem Siegfried tut Rattles Wagner-„Understatement“ gut, Wagner aber nicht! Katarina Dalay-man als mit leuchtenden Spitzentönen aufwartende Brünnhilde ist der vokale Lichtblick an der Spitze eines eher durchwachsenen Solisten-Ensembles, in dem immerhin der Gunther von Gerd Grochowski elegantes Format beweist, Dale Duesings Alberich glaubwürdige Knorzigkeit und Anne Sofie von Otter noble Gesangskultur, wenngleich man ihr die Waltraute nicht abnimmt. Auch der Hagen von Mikhail Petrenko ist bei aller vorbildlichen Artikulation zu leicht und zu hell timbriert besetzt.

Wie schon in den drei ersten Teilen des "Rings" hangelt sich Regisseur Stephane Braun-schweig in seiner Inszenierung der finalen "Götterdämmerung" weitgehend an der Oberfläche der Handlung entlang: Kostümiertes Konzert auf Treppenstufen mit Wasser- und Feuerpro-jektionen. Drei Stühle, ein Sessel, ein Baumskelett, mehr sieht man nicht.  Von Personen-regie kann nicht ernsthaft die Rede sein. Magie und Suggestion des Theater sind abwesend. Ein weithin überschätzter Regisseur, dieser Stephan Braunschweig Wer es nicht besser wüsste, fände den Ring - nach seiner Inszenierung zu beurteilen - langweilig und ohne alle Brisanz und Aktualität. Eine enttäuschende, ja ärgerliche Produktion. Dieser „Ring“ wird ganz sicher keine Interpretationsgeschichte schreiben. Im Gegensatz zum nun wirklich aufregenden Idomeneo von Marc Minkowski.  Der spielt in Aix-en-Provence überraschenderweise nicht die Münchner Uraufführungsversion des Idomeneo aus dem Jahre 1781, sondern die fünf Jahre später revidierte  Wiener Tenor Fassung.

Na ja, es ist weitgehend die Wiener Version  mit - sagen wir mal – etwas gemischtem Salat von mir selbst. Der Regisseur Olivier Py hat mich überzeugt, den Idamante von einem Tenor singen zu lassen. Ich mache Idomeneo schon nun zum 4. Mal. Immer  habe ich Idamante mit einem Mezzosopran besetzt. Jetzt wollte ich ihn einmal mit einem Tenor ausprobieren. Warum nicht? Mozart hat das ja auch getan.

Wohl vor allem aus szenischen Plausibilitäts-Gründen setzt Minkowski auf die Tenorversion Idamantes, des Liebhabers Ilias, der versklavten Trojaner-Prinzessin und des Mannes der Zukunft in diesem aufklärerischen Drama der Menschlichkeit und des Widerstands gegen die grausame göttliche Autorität. Yann Beuron singt ihn hinreißend.

Regisseur Olivier Py – einer der gefragtesten französischen  Nachwuchsregisseure, der sich hier allerdings nicht gerade als neues Genie zu erkennen gibt – zeigt den Konflikt zwischen kretischen Herrschern und trojanischen Sklaven, zwischen Neptun und Idomeneo auf stahlglänzender, sich ständig verändernder Stadt-Architekturkulisse, die auf rollbaren Stelzen steht, ständig auseinandergeklappt und hin und her gefahren wird. Die Inszenierung meint Staats-Utopie und Anklage gegen restriktive Immigrationspolitik zugleich. Hut ab vor der Bühnentechnik! Und vor einem in nahezu allen Partien glaubwürdigen Sängerensemble. Richard Croft singt den scheiternden Titelhelden Idomeneo, dem allerdings in dieser Min-kowski-Version seine Schlußarie gestrichen wird. Dafür darf Yann Beurron das sonst nie zu hörende Rondo mit obligater Solo-Violine singen

 

An der Spitze eines in nahezu allen Partien überwältigenden Sängerensembles glänzt Mireille Delunsch als  muttermörderische Elettra im Kostüm einer Königin der Nacht, das ihr Pierre André Weitz – Bühnenbildner und Ausstatter in einem - auf den Leib geschneidert hat. Aber stimmlich ist die Delunsch schon ganz eine Glucksche Armida.

Für Marc Minkowsi ist Mozarts "Idomeneo"  nicht mehr Opera seria, sondern …

 … definitiv französische Tragedie lyrique. Ich finde, dass das Stück aufs 19. Jahrhundert vorausweist. Es ist durch und durch romantisch. Und nicht barock.

Der Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey - auch für die "Götterdämmerung" Simon Rattles eingeflogen -  trägt in diesem "Idomeneo" nicht unwesentlich zur Geschlossenheit der Aufführung bei, auf höchstem Niveau. Man darf diesen "Idomeneo" sicher als eine der interessantesten Mozartproduktionen seit langem nennen. Er ist das Highlight der diesjährigen Musikfestspiele in Aix. Schon wegen des rasanten, eher klassisch-romantischen als barocken musikalischen Zugriffs auf dieses in der Publikumsgunst zu Unrecht weit unter den Da Ponte-Opern rangierenden Stücks. Immerhin hat Mozart nie soviel gewagt wie im "Idomeneo". Er war zum Zeitpunkt der Uraufführung mal eben 25 Jahre alt. Und doch ist erstaunlich viel „Zukunftsmusik“, in diesem "Idomeneo",  um es mit Wagners Worten zu sagen:

Ich empfinde das Stück als geradezu vorwagnerisch. Es ist doch interessant, dass die Stimme Neptuns mit einer Art wagnerischer Begleitung auftritt, mit Posaunen und Hörnern. Vor einigen Monaten dirigierte ich Wagners erste Oper „Die Feen“. Und da gibt es auch so einen  Deus ex machina, einen Bass wie Neptun, der begleitet wird von diesen Posaunen. Dieser spezielle Klang verbindet Idomeneo mit Wagner und Gluck. (Marc Minkowski)

Mozarts Idomeneo ist wie Marc Minkowsky bestätigt, ein Work in progress:

Ja, absolut. Ich finde Idomeneo ist wie Hoffmanns Erzählungen

Dass Minkowski sich für die zweite, die für Wien von Mozart zusammengestrichene und um einige Arien ergänzte Version stark macht, spricht allen Puristen zum Trotz, die nur die Münchner Uraufführungsfassung gelten lassen, nicht gegen ihn. Im Gegenteil. Nie hat man das Progressive, das Romantische dieser Oper so gehört wie in dieser Aufführung.

Ganz barock allerdings endet die Aufführung Marc Minkowskis und Olivier Pys, mit dem großen Final-Ballett  nämlich samt allegorischem Figurenaufmarsch und Herrscherpreis. Das war Mozarts Zugeständnis an die alte Form der Opera seria und an den Auftraggeber der Karnevalsoper, den Bayerischen Kurfürsten. Dass man in diesem Ballett allerdings die ganze Handlung noch einmal pantomimisch im Zeitraffer vorgeführt bekommt, ist so überflüssig wie der ständig mit seinem Dreizack herumfuchtelnde, hölzern durch die Szene staksende, versilberte  Neptun. Und warum im Ballett Elettra en travestie tanzen muß, also einem in Elektras Kostüm tanzenden Mann, der, um alle Missverständnisse auszuschließen, auch schon mal sein entblößtes Gemächt zeigt, wissen die Götter. Aber in der Oper müssen Geheimnisse erlaubt sein, zumal in dieser Oper, wo es ja um das Eingreifen der Götter zugunsten eines Lieto fine, eines Happy Ends also geht, in dem sich das Liebespaar und das aufgeklärte Herrscherpaar der Zukunft in die Arme sinken.

Dieser "Idomeneo" ist eine der aufregendsten Mozartproduktionen seit langem und ohne Frage das Highlight der diesjährigen Musikfestspiele. Eva Wagner-Pasquier als Casting-Chefin und Drahtzieherin der Academie Européenne de Musique hat sich von Aix verab-schiedet. Sie hat in Bayreuth künftig genug zu tun. Aber auch Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker sind zum letzen Mal in Aix.  Intendant Bernard Foucroulle:

Wir haben für 4 Jahre die Berliner Philharmoniker in Residence gehabt,  das waren  nicht nur sehr schöne Momente  in den Aufführungen und Konzerten, es hat uns auch inspiriert für die Zukunft.

Und die verheißt vor allem ab 2010 für die nächsten vier Jahre das London Symphony Orchestra als Gast in Aix.  

 

Verschiedene eiträge in: BR, NDR, SWR, DLF, Orpheus, Das Orchester