Dieter David Scholz

Laufsteg der Intrigen
René Jacobs dirigiert Händels „Agrippina“ an der Staatsoper

René Jacobs, einer der gefragtesten Interpreten Alter Musik, brachte an der Berliner Staats-oper eine mit Spannung erwartete Premiere heraus: Händels italienische Jugendoper „Agrip-pina“, gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik Berlin und mit einem handverlesenen Sängerensemble. Die Inszenierung besorgte der Regisseur Vincent Boussard, die Kostüme hat Christian Lacroix entworfen. 

 

Es war im Winter 1709, in den ersten Monaten seines römischen Aufenthalts, als der 24-jäh-rige Georg Friedrich Händel ein Opernlibretto des Kardinals Grimani vertonte. Ein komi-sches  Intrigendrama um die Regentin Agrippina, die ihren Sohn Nero auf den römischen Thron ihres verstorben geglaubten Gatten Claudio befördern möchte.  Diese ironische Oper über die Doppelbödigkeit der Herrschenden wurde als glänzende Politsatire zur Eröffnung der Karnevalssaison in Venedig mit dem größten Erfolg uraufgeführt, wenn auch mit einigen Strichen (die sicherlich den venezianischen Gepflogenheiten und Ansprüchen der Opern-sänger geschuldet sind). René Jacobs hat sie für seine Berliner Fassung wieder geöffnet. Vor allem lässt er das zauberhafte  Schlussduett von Poppea und Ottone singen.

"Schon deswegen habe ich die Oper gemacht. Ich wollte dieses Duett einmal hören. Es ist eines der schönsten von Händel. Aber es gibt noch einige andere Musikstücke Händels, die ich eingefügt habe. Unsere Fassung (man könnte sie die römische, nie aufgeführte Urfassung nen-nen) kann man nirgendwo sonst hören, auch  nicht auf Platte, darum nehmen wir sie auch im Sommer auf.“ (Jacobs)

Man  hört tatsächlich in dieser Aufführung allerhand „Agrippina“ Musik, die man noch nie hörte. René Jacobs kostet alle Delikatessen der reichen Partitur aus, er lässt sich Zeit dabei und entfaltet mit der Akademie für Alte Musik ein barockes Hörtheater der Superlative. Im Grunde hat er in dieser Produktion Richard Wagners Forderung der "Geburt des Dramas aus dem Geist der Musik“ mit Händels jugendlicher Erfolgs-Oper „Agrippina“ eingelöst.

Die sängerische Besetzung mit Alexandrina Pendatchanska in der Titelpartie und Anna Pro-haska als Poppea  läßt keine Wünsche offen. So unbestreitbar hoch das sängerische Niveau dieser Aufführung, so anfechtbar ist die Inszenierung. Vincent Boussard setzt vor allem auf sängerfreundliche Umsetzung der Musik ins Bild, weniger auf Dramatik oder Psychologie. Der Abend wird lang. Doch wo die Politsatire als Intrigendrama zu kurz kommt, profitiert die Musik. Immerhin darf bei den komischen Auftritten der Claudio-Karikatur gelacht werden. Und Kulinariker kommen auf ihre optischen Kosten. Vincent Lemaire hat einen modischen Bühnenkasten gebaut, in den er sieben in allen Farben schillernde  Perlschnur-Gardinen hintereinander aufgehängt hat.

"Und die Perlen sind das Symbol, das barocke Emblem von Schönheit und Vergänglichkeit." (Jacobs)

Das Inszenierungsteam hat René Jacobs eine sinnige Klangbühne und den Kehlkopfakro-baten des barocken Ziergesangs einen attraktiven Designer-Laufsteg gebaut, auf dem die Kostüme von Christian Lacroix, die zwischen ironisierter Historie und Partyschick schwan-ken, hübsch anzuschauen sind.  Der Beifall der Jacobs-Gemeinde war groß.
Ein Premierenerfolg!

 

NDR-Kultur