Dieter David Scholz

Paul Abraham-Ausstellung in Berlin                 

Vor 50 Jahren, am sechsten Mai 1960 starb in Hamburg der ungarische Operettenkom-po-nist Paul Abraham. Er war in den 30er-Jahren einer der beliebtesten und erfolgreichsten Operetten- und Schlagerkomponisten Europas. 1933 floh er vor den Nazis und kehrte erst 1956 aus Amerika zurück.  Die einzige Institution, die aus Anlass seines 50sten Todestages an Paul Abraham erinnert, ist die ungarischen Botschaft in Berlin. Am Montag wurde dort eine Paul-Abraham-Gedenkausstellung eröffnet, die noch bis zum 8. Juni zu besichtigen ist.

      

Paul Abraham war einer der verrücktesten, will sagen originellsten Operettenkomponisten im Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich. Seine Musik spiegelt die Euphorie, die Hoffnungen, aber auch die Brüche dieser Zeit. Vergnügliches, Schmissiges, Pikantes, Fri-voles mischt sich mit Nostalgie, mit ungarisch-österreichisch-berlinerischem Lokalkolorit, aber auch mit amerikanischem Jazz. Der Operetten-Spezialist Kevin Clarke:

"Das Besondere an Paul Abrahams Operetten ist der Klang, sind diese Klangfarben, diese Klanggewalt, dieser Rausch, den er entwickelt. Das ist natürlich der typische Klangrausch der späten Zwanziger-, frühen Dreißigerjahre in der deutschsprachigen Operette, aber mir ist niemand bekannt, von den anderen Operettenkomponisten, der solche Wucht und solchen Drive in der Musik hat." 

Die Liedtexte und Dialoge der Abraham-Operetten sind sarkastisch, ironisch, gewagt und ta-gesaktuell, oftmals durchzieht sie aber auch ein melancholischer Witz. Abraham hatte die bes-ten Librettisten seiner Zeit, Fritz Löhna-Beda (der später in Auschwitz ermordet wurde) und Alfred Grünwald (er konnte im Dritten Reich in die USA emigrieren) , sie verstanden sich auf feinen Humor der Ausgegrenzten, und sie waren Meister ihres Handwerks. In ihren Stücken geht es immer darum, wie finden sich Mann und Frau, und wie wird man einander wieder los.

Abrahams Operetten bevölkern Männer von Welt, Parvenüs und Nichtsnutze, Salonlö-wen, Damen, Flittchen, Femmes fatales und Mäuschen. Es sind hintersinnige Stücke von Lie-besfreud und Liebesleid, von Irrungen und Wirrungen zwischen den Geschlechtern, wie sie kein anderer außer Abraham so auf die Bühne brachte.

Die Karriere Paul Abrahams war kometengleich. Vom Nobody aus Budapest, der 1930 nach Berlin kam, stieg er innerhalb von nur drei Jahren zum europaweit gefeiertsten Operet-tenkomponisten seiner Zeit auf. Er wurde reich, veranstaltete legendäre Gulaschpartys mit Champagner und Kaviar, besaß Limousinen, Butler und Chauffeur, und kaufte sich in der noblen Berliner Fasanenstrasse eine schlossartige Villa. Doch so steil wie seine Kometenbahn 1930 aufstieg, so steil stürzte sie 1933 ins Nichts.  Abraham floh über Budapest, Wien, Paris und Havanna nach New York. In den USA konnte er an seine Erfolge in Europa allerdings nicht anknüpfen, erkrankte im Endstadium an Syphilis, war geistig verwirrt und verbrachte schließlich 10 Jahre – von der Welt vergessen -  in einer psychiatrischen  Klinik. - Der ungarische Botschafter, Sándor Peitsch bekennt denn auch:

"Wir sind ein bisschen von Gewissensbissen getrieben. deshalb wollen aus Anlass seines 5o. Todestages hier seiner gedenken. Er ist einer der großen ungarischen Operettenkünstler und wir sind sehr stolz darauf, dass Pal Abraham hier im Metropoltheater und anderen Theatern von Berlin einmal große, glänzende Erfolge geerntet hat"" 

1956 kehrte Paul Abraham auf Betreiben von Freunden  nach Europa zurück und verbrachte in Hamburg mit seiner Frau – nach 17 Jahren Trennung - die letzten 4 Jahre seines Lebens.  János Darvas, der für den WDR und ARTE einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „Bin nur ein Jonny“  über das abenteuerliche Leben Paul Abrahams gedreht hat, er wurde bei der Ausstellungseröffnung gezeigt, hat mir etwas verraten, was in dem Film nicht explizit gesagt werden durfte:

"Darin gab es eine ganz dunkle Geschichte:. Derjenige, der Paul Abraham in Hamburg aufgenommen hat 1956, war ein Altnazi, Professor Bürger-Prinz. Ich habe jahrelang über ihn recherchiert. In allen Publikationen, die ich las, wurde er glorifiziert als  die größte Koryphäe seines Fachs in Hamburg. Doch wie ich herausfand, ist  dieser Professor Bürger-Prinz nur mit dem Parteibuch in der Hand in den 30er-Jahren überhaupt zu seinem Posten gekommen. Er war nicht erste Wahl, wurde aber Leiter der Psychatrie. Das ist inzwischen sogar von der Hamburger Universitätsklinik erforscht und dokumentiert worden. Seine psychiatrische Abteilung war sehr groß und überfüllt. Als die Euthanasie von den Nazis erlaubt wurde, hat Bürger-Prinz bei erster Gelegenheit die Leute reihenweise ins KZ geschickt oder vernichten lassen oder tot spritzen lassen. Dieser Mensch hat eine ganz schlimme Vergangenheit! Und er hat nach dem Krieg eine große Karriere gemacht. Natürlich steht in seiner Autobiographie kein Wort über seine Nazi-Vergangenheit. Auch nichts davon, dass er der Fachmann für die sogenannten Kriegszitterer war, das  waren jene Soldaten, die Angst-Psychosen hatten. Er hat sie kurzerhand zu Deserteuren erklärt und in den Tod geschickt. - Dass er Abraham 1956 aufnahm, hat nichts damit zu tun, dass er die Musik Abrahams mochte. Er war nur ein Mann, der die Presse- und die Öffentlichkeitsarbeit perfekt beherrschte. Und in den 50er-Jahren wusste er, was Schlagzeilen bringt. In allen großen Zeitungen, nicht nur Hamburger, waren Headlines: 'Professor Bürger-Prinz nimmt Paul Abraham, den armen jüdischen  Komponisten auf, der aus Amerika zurückkehrt.' "

Der Gedenkakt der Ungarischen Botschaft ist  an sich schon  verdienstvoll. Was die eigent-liche Ausstellung in der Empfangshalle angeht, sie wurde von dem ungarischen Schauspieler und Filmhistoriker Miklós Königer arrangiert.

 

"Ich bin ein Sammler, ich sammele die ungarischen Schauspieler, Komponisten und alles Mögliche. 20 Jahre habe ich alles über Paul Abraham gesammelt. In Berlin, in Budapest, in Wien, Leipzig und Dresden. Ich verehre Paul-Abraham. Seine Operetten sind großartig. Sein Lebenslauf ist abenteuerlich. Aber es ist für mich vor allem eine innere  Angelegenheit, etwas für ihn, wie auch für andere vergessenen Menschen zu tun."

   

Miklós Königer hat Notenausgaben, Schellackplatten, Programmhefte, Plakate und seltene, anrührende Photos zusammengetragen. Die drei große Werke, "Viktoria und ihr Husar", "Die Blume von Hawai" und "Ball im Savoy" stehen im Mittelpunkt der Ausstellung.  Gita Alpar, Willy Fritsch, Rita Georg, Marika Rökk, Camilla Horn, die Film- und Operettengrößen der Zeit, sind präsent. Unter den 300 Exponaten gibt es einige Raritäten und Preziosen, auf die  Miklós Königer besonders stolz ist, beispielsweise ein Regie- und Souffleurbuch der Operette "Viktoria und ihr Husar" aus dem Jahre 1930. Er hat es in Dresden gefunden. Ein anderes Photo zeigt zwei der besten Operettendarsteller der Dreißigerjahre, Rosy Barsoni, die Lieblingssoubrette Abrahams, und Oscar Dénes, seinen Lieblingsbuffo. 

Eines der bewegendsten Photos Paul Abrahams aus seinen letzten Lebensjahren in Hamburg zeigt ihn als alten, kaum wiederzuerkennenden Mann und Pianisten eines  Hauskonzert in der Hamburger Klinik.  

Kurz vor Ende seines Lebens haben einige seiner Werke wieder auf die Theater zurück-gefunden, doch sein Œuvre, das innerhalb von nur wenigen Jahren entstand,  ist schwin-delerregend umfangreich. Abraham stand unter manischem Produktionszwang. Was er in drei jahren komponierte, haben andere in einem langen Leben nicht vermocht. Kein Wunder, dass er täglich drei Schachteln Zigaretten rauchte und 30 Tassen Kaffee trank. Dass ausgerechnet er, der begabteste Erotomane unter den Operettenkomponisten, so jäh um seine Karriere gebracht wurde und so schwer an Syphilis erkrankte, ist tragisch. Kevin Clarke: 

"Ttragisch finde ich auch die Tatsache, dass das Stück „Roxy und ihr Wunderteam“, seine letzte europäische Operette, die so wunderbar die ganze Leni-Riefenstahl-Olympia-Ästhetik durch den Kakao zieht, dass ausgerechnet dieses Stück nie groß rausgekommen ist, weil die Erben von Hans Weigel, einem der Librettisten,  sich da nach dem Krieg quergestellt haben. "

So ist die Geschichte nun mal. Trauriig ist auch die Tatsache, dass der Komponist Paul Abraham, im Gegensatz etwa zu Franz Lehar, nach wie vor im allgemeinen Bewußtsein nicht mehr vorhanden ist, fünfzig Jahre nach seinem Tod. Wenigstens diese eine Ausstellung in Berlin wirkt dem engagiert entgegen.



SWR 2, Musik aktuell am 14.5. 2010: