Dieter David Scholz

Buch-Besprechung


 

Norbert Abels: "Benjamin Britten" ist im Rowohlt Verlag
Reinbek bei Hamburg  (rororo Monographien)
159 S., viele Farb- u. S/W-Abb.,  8,95 Euro

Geschütz von Ihrer Majestät

Benjamin Britten ist einer der meistgespielten Komponisten der Moderne.  Besonders in letzter Zeit erfreut er sich wieder zunehmender Beliebtheit auf den Theatern. Viel ist über Britten geschrieben worden, in England. Doch die erste deutschsprachige Biographie ist jetzt erst erschienen, im Rowohlt Verlag. Norbert Abels hat  den Band, der in der verdienstvollen reihe „rororo monographie“ erschienen ist, geschrieben.

 Benjamin Britten – Rowohlt Monographie von Norbert Abels

Man hat ihn - nach Henry Purcell  - immer wieder den zweiten Orpheus Britannicus genannt: Benjamin Britten.  Mit seiner ersten Oper "Peter Grimes" hat Britten der englischen Musik mit einem Schlag wieder zu jener interna­tionalen Geltung verholfen, die ihr mit Purcells Tod (trotz Händel) für zweieinhalb Jahrhunderte abhanden gekommen war. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass es im deutschsprachigen Raum bisher keine umfassende Monographie über den Komponisten gab. Norbert Abels - Professor an der Folkwang-Hochschule Essen und Chefdramaturg der Oper Frankfurt - hat nun eine erste Monographie über Britten ge-schrieben. Es ist eine äußerst klare, zweigeteilte Darstellung von Brittens Leben und Brittens Werk:

"Ich habe gesehen, dass ein bestimmtes Ordnungsprinzip, was die Werke betrifft, gut tut. Und wenn man diese großen Werke, das musikdramatische Werk, auch das kammermusikalische und das Orchesterwerk, ein wenig gesondert betrachtet,. Diese Werke haben eine innere Verbindung zueinander. Und diese innere Verbindung zueinander kommt vie stärker zum Ausdruck, wenn man sie sozusagen in einem systematischen Abschnitt behandelt, als wenn sie immer wieder vereinzelt innerhalb des Lebensprozesses auftauchen. " 

Abels stellt prägnant, aber dennoch einfühlsam Brittens Wunderkind-Zeit dar, seinen nach-haltigen Kompositionsunterricht bei Frank Bridge, seinen früh einsetzenden Kompositions-zwang, und  seine Karriere-Blütezeit als bedeutender Pianist, Dirigent und Gründer des bis heute existierenden Aldeburgh-Festivals. Er beschreibt Brittens  ausgedehnten Reisen in die Alte und Neue Welt , seine prägenden, mitunter lebenslangen Freundschaften, beispielsweise mit Mstislaw Rostropowitsch, und schließlich Leiden und Verfall der letzten zehn Lebens-jahre bis zu seinem frühen Tod 1976  in den  Armen seines Lebenspartners Peter Pears. Abels verschweigt nicht die Homosexualität Benjamin Brittens. Im Gegenteil. Er nennt diesen für das Verständnis von Leben und Werk so zentralen  Hintergrund "Die dunkle Seite":

"Ich habe sie die dunkle Seite genannt, um damit gleichsam die Perspektive hereinzubringen,  unter der man Homosexualität in der viktorianischen und der postviktorianischen Zeit gesehen hat. Ich habe sozusagen die äußere Kategorie einfach übernommen, weil es für einen Homo-sexuellen in der damaligen Zeit sehr schwer, wenn nicht fast unmöglich gewesen ist, sich zu bekennen." 

Benjamin Britten bekante sich allerdings zeitlebens zu seiner starken Mutter-Beziehung. Ver-ständlich, dass er nach ihrem Tod 1937 Ersatzgeborgenheit suchte. Er fand sie bei Freunden, vor allem bei Peter Pears, dem älteren Lebenspartner, dessen Stimme auffällig an die seiner Mutter erinnerte, und der ihm Geborgenheit schenkte. Abels:

"Ja, das hat mich sehr interessiert, dieser Einfluß der Mutter, die in Lowestoft/Suffolk, wo Britten geboren worden ist, in der Gemeinde in Sachen musikalischer Bildung auf der einen Seite, in Sachen karitative Tätigkeit für die Armen eine große Rolle gespielt hat, und die ihren Jüngsten, ihren Benjamin, eben Ben immer musikalisch unterstützt hat und eigentlich musika-lisch auch so recht erweckt hat. Sie hat immer zu ihm gesagt: Du musst das vierte B werden. Nach Bach, Beethoven  und Brahms bist du, Britten der Vierte. Dieser Druck lag schon beizeiten auf dem Kleinen."   

Immer wieder fängt Britten kompositorisch das Meer ein. Es zieht sich beinahe wie ein Can-tus firmus durch seine 17  Opern. Aber Meer meint bei ihm nicht nur Naturgewalt und Ge-genwelt zur menschlichen Gesellschaft. Abels:

"Das Reden vom Hafen , in dem man einläuft, das Hinausgetriebenwerden aufs offene Meer – also diese gesamte Seeterminologie, die war für ihn tatsächlich eine Metaphorik gewesen und hinter der hat sich sehr viel tiefes, inneres Seelisches verborgen." 

Abels erklärt den seelischen Gehalt nicht nur der Meeresdarstellungen in den Einzelanalysen der Werke im zweiten Teil seines Buches. Und verdeutlicht, dass nicht zufällig viele von Brit-tens Opernfiguren gesellschaftlich Verstoßene, am Leben Zerbrechende, Verführte, unschul-dig Beschuldigte, gesellschaftliche Außenseiter sind. Und er spricht ohne jeden Vorbehalt über eine im Werk deutlich zu beobachtende pädophile Neigung Brittens:

"Also ich will damit nicht sagen, dass sein kompositorisches Werk eine Art Kompensation oder Sublimierung gewesen ist für eine Neigung, der er praktisch nicht nachgegangen ist. Aber die Faszination durch die kindliche Welt, das war für ihn schon ein sehr ausschlagge-bendes Element gewesen."  

Trotz aller Berühmtheit ist Britten wegen seiner Homosexualität in England immer wieder be-lächelt, ja sogar angegriffen worden. Gottlob gab es das englische Königshaus:

"Ja, das finde ich beachtlich, obwohl alle Welt gewusst hat, dass Britten homosexuell gewe-sen ist, dass in dieser Zeit die Königin schützend ihre Hand über ihn gehalten hat ihn unter-stützt hat, sich mit ihm hat ablichten lassen, und eigentlich letztenendes fast freundschaftliche Beziehungen zu ihm unterhalten hat. Und das Resultat war dann auch seien Nobilitierung."

Abels gelingt es in dem schmalen, aber anschaulich konzentrierten Band, das Gesamtwerk und die Lebensleistung eines bedeutenden Komponisten darzustellen und zugleich einzubetten in eine anrührende biograpische Geschichte …

"… Die Geschichte eines kleinen, wohlbehüteten  Jungen, der auszog in die große weite Welt, nach Amerika, und dann irgendwann doch wieder zurückgekehrt ist, und ähnliche Strukturen und ein ähnliches Setting wieder in seinem unmittelbaren Kreis herstellen wollte, wie das Setting, das er einstmals verlassen hatte. " (Abels) 

 

MDR