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Dieter David Scholz
Buchbesprechung im HR, Juni 1989 Nietzsche & Die Homosexualität JOACHIM KÖHLER: ZARATHUSTRAS GEHEIMNIS
„Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf“, schrieb Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“. Daß dieser Satz auch einmal auf ihn selbst und sein Werk angewendet werden würde, mußte er voraussehen. Nun ist zwar seit Sigmund Freud die Erforschung des Unbewußten, die Einbeziehung der Sexualität sozusagen legitimiert worden, in der Biographik. Um Nietzsches Sexualität wurde bemerkenswerterweise immer ein großer Bogen gemacht. Gerüchte kursierten, Legenden bildeten sich schon zu Lebzeiten Friedrich Nietzsches. Aber die offizielle Biographik, zu schweigen von der akademischen Philosophen-Zunft, hat über Nietzsches Privat-, insbe-sondere über sein Geschlechtsleben einen Schleier des Schweigens ausgebreitet - bis heute. Und das, obwohl doch gerade Nietzsche verkündete: „Es steht uns Philosophen nicht frei, zwischen Seele und Leib zu trennen“, obwohl er betonte, jede „große Philosophie“ sei „das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter memoires“. Es mag mit Pietät gegenüber einem schon zu Lebzeiten zum Halbgott Erhobenen zu tun ha-ben, mit der spezifisch deutschen Rezeption seines Werks, der aus der rechten deutschnatio-nalen Ecke bis hin zu den Nationalsozialisten, daß Nietzsche als Mensch und als geschlecht-liches Wesen ausgeklammert wurde aus dem Kult, der mit ihm und um ihn betrieben wurde. Wahrscheinlich auch damit, daß die Enthüllung seines Geschlechtslebens ein Tabu verletzten, einen Heiligen von der Säule umstoßen, einen Mythos zerstören könnte. Der Erste, der es wagte, in einer eigenen Publikation den Gedanken auszusprechen, daß Nietzsche wahrscheinlich homosexuell war, ja daß seine ganze Philosophie sich bei genau-erem Hinsehen als eine „Philosophie der verdrängten Weiblichkeit des Mannes“ erweist, war der Kölner Philosoph Günter Schulte. „Ich impfe Euch mit dem Wahnsinn“, hieß die kleine, unscheinbare, und doch sehr tiefsinnige Broschüre, die 1982 erschien und leider nur allzu schnell als Kuriosität abgetan, ja von der akademischen Zunft regelrecht totgeschwiegen wurde. Schon vom Format her nicht totschweigen läßt sich die voluminöse Schwarte von Joachim Köhler zum gleichen Thema. Ein luxuriöses Buch im Oktav-Format: in Ganzleinen, fadenge-heftet, mit Lesebändchen, in Blei gesetzt und mit reichem Bildmaterial ausgestattet. Das über-sieht man nicht. Das läßt sich nicht totschweigen. Buchhändlerisch keine schlechte Strategie. „Zarathustras Geheimnis“, so lautet der Titel. „Friedrich Nietzsche und seine verschlüsselte Botschaft“. Das macht neugierig, klingt vielversprechend. Doch der Autor verrät das zu lüf-tende Geheimnis bereits im Vorwort und nach der Lektüre der 600 so edel präsentierten Seiten des Buches bleibt das Geheimnis eigentlich noch immer ein Geheimnis. „Wer das Dun-kel erhellen, Zarathustras Geheimnis lösen will“, so schreibt der Autor, „muß Nietzsches Le-ben erforschen, den Weg nachgehen, den er genommen hat, und auch dort nicht zurück-bleiben, wo 'überholte Diskretion' dies fordert“. Konkret heißt das für Köhler: „Ohne die in-nerste Erfahrung der Geschlechtlichkeit ist Nietzsches intuitive Philosophie nicht zu verste-hen, bleiben seine Begriffe bizarre Hülsen, der 'Zarathustra' ein Buch mit sieben Siegeln“. Und so macht sich der Autor mit aller Akribie daran, so etwas wie eine erotische Biogra-phie Nietzsches zu verfassen, an deren Anfang die unter Vatertraumen leidende Kindheit steht, deren erste homoerotischen Anfechtungen in die Schulzeit fallen, es ist die Rede von pubertären „Poussagen“ im Gymnasium zu Pforta, deren Wendepunkt die Sternenfreund-schaft mit Paul Ree darstellt und an deren Ende die erotische Selbstverwirklichung im italie-nischen Süden steht: das dionysische Glück in Sizilien. Die Liebe zu den auch von Krupp, Wilde, Gloeden und Gide so geschätzten bronzehäutigen Knaben Taorminas, Messinas und der liparischen, als der „Glückseligen Inseln“.
Dann folgt eine Analyse, über weite Strecken ist es nicht mehr als eine gemächlich sich aus-breitende Paraphrase des wohl populärsten wie rätselhaftesten Werks des Philosophen, des „Zarathustra“, aus dem Geiste unterstellter Homoerotik. Am Ende des Buches steht Nietz-sche als „Aussteiger“ aus der „einseitigen Denkweise des Abendlandes“ da, aus einer Denk-weise, die, geprägt sei von der „Verdrängung der Homosexualiät“, wie es der Arzt und See-lenforscher Georg Groddeck formulierte, auf den sich Köhler beruft. Im Süden Italiens, an den Stränden Siziliens, habe Nietzsche in Gestalt nackter Knaben den „Übermenschen vom Wege aufgelesen,“, habe „eine andere Welt entdeckt“ und schließlich „seinen Leib zu Wort kommen lassen“, ja „seine Begierden ...im 'Zarathustra' ausgesungen, seine Satyr-Natur bloß-gestellt“, so der Autor. Nietzsche also als Vorreiter einer Philosophie der „befreiten Sexua-lität“? Der „Zarathustra“ eine versteckte Autobiographie, eine verschlüsselte Bekenntnis-schrift?
Man kann, wenn man will, tatsächlich Nietzsches Leben und Schriften, durch die Brille des Autors betrachten und lesen. Vieles erscheint da schlüssig, ja erstaunlich logisch plötzlich, in solchem Zusammenhang. Man kann das aber auch alles ganz anders lesen, wenn man will. Die beweiskräftige Lüftung jener „Masken der Homosexualität“, die schon der Freud-Schüler Wilhelm Stekel 1917 als Lösung biographischer und philosophischer Probleme bei Nietzsche empfahl, ist alles andere als einfach. Vielleicht ist sie gar nicht mehr möglich, diese Lüftung der Masken, im Sinne eines Beweises. Auch Köhler gelingt es nämlich trotz profunder Kenntnis Nietzsches und der Nietzsche-Literatur, trotz großen Fleißes, nicht, seine These wirklich stichhaltig zu beweisen. Wie sollte es auch, wo doch die Krux dieser Fragestellung gerade darin liegt, daß es einfach keine untrüglichen Zeichen gibt, keine absolut eindeutigen Indizien, kein zwingendes Beweismaterial. Nietzsche selbst hat sich selbst gegenüber Vertrauten und Freunden in puncto Geschlechtsleben immer nur in Rätseln und Andeutungen geäußert (was natürlich verdächtig ist). Den Rest an Verschleierung und Legendenbildung hat seine scham-lose Schwester besorgt, die ruhmsüchtige Elisabeth Förster-Nietzsche, das „Lama“, wie er sie genannt hat. Sie hat die Nietzsche-Forschung bewußt irregeführt, so lange sie lebte. Es ist eine vertrackte Situation heute: wer der Überzeugung ist, daß Nietzsche homosexuell war, und es spricht in der Tat mehr dafür, als dagegen, der findet eine Überfülle an Indizien vor, für den wird Köhlers Buch eine wahre Fundgrube, vielleicht die größtmögliche Indizien-anhäufung sein, denn Köhler hat fast alles an Material zusammengetragen. Wer hingegen glaubt, Nietzsche und seine Philosophie unabhängig von seiner sexuellen Biographie verehren zu müssen, wer das Stichwort „Homosexualität“ geflissentlich meiden zu müssen glaubt, für den kann Köhler mit keinem einzigen schlagenden, hieb- und stichfesten Argument aufwar-ten. Schon deshalb wird Köhlers Buch, halb gelehrte Biographie, halb aufgeblasenes Klatsch-Konvolut, in all seiner Informationsfülle keine Korrektur des bisherigen Nietzsche-Bildes, kein verbindliches Umdenken in Sachen Nietzsche zur Folge haben. Das liegt im Wesen der Problematik. Was indes dem Autor anzulasten ist, sind grobe Pauschalisierungen und Vereinfachungen. Zum Beispiel in seinem Freud-Kapitel, in dem er sich zu der Behauptung versteigt, ich zitiere, „Fast alles, was sich heute an Freuds Namen knüpft, läßt sich mit geschultem Auge in Nietz-sches Schriften finden“. Natürlich hat Nietzsche eine Fülle psychologischer Erkenntnisse oder besser 'Ahnungen' Sigmund Freuds antizipiert. Wie auch bereits Schopenhauer. Aber das sind doch nur Bruchstücke, Facetten, Splitter. Freud dagegen hat ein in sich ziemlich ge-schlossenes Modell der menschlichen Seele entwickelt, eine umfassende Theorie, ein syste-matisches Lehrgebäude.
Auch der, zuweilen ganz gewitzte, zuweilen aber auch unerträgliche Stil des Autors, jene locker-flockige Schreibe von oben herab, arrogant und immer ein bisschen sensationslüstern, sie mag in einem Magazin wie der „Stern“, dessen Kulturredakteur der Autor ist, am rechten Ort sein: Der ernsthaften Fragestellung dieser Biographie ist solcher Stil sicher nicht ange-messen, auch der Respektabilität des Autors nicht förderlich. – Fazit: Zwingende Beweise gibt es nicht. Keine eindeutige Bekenntnisschrift, kein zweifels-freier Brief, keine enthüllende Tagebuchnotiz, keine verräterische Photographie. Das Beweis-verfahren, das Köhler anstrengt, ist notgedrungen das eines Indizienbeweises. Seine Indizien bezieht er aus Nietzsches Briefen, aus den Kommentaren und Nachlaßschriften der Nietz-sche-Gesamtausgabe Colli-Montinaris, aus vertraulichen Mitteilungen und Verlautbarungen Dritter, aus pikanten Berichten von Zeitgenossen Nietzsches, man könnte es auch Klatsch nennen. Die Kronzeugen sind Wilhelm von Gloeden, Ludwig von Scheffler, Paul Federn, Sigmund Freud, der Freud-Schüler Wilhelm Stekel, der Arzt und Seelenforscher Georg Grodeck, und last, not least, Thomas Mann. Die Methode: biographische Recherchen, Zu-rechtrückungen, geschickte Bezugsetzungen, Analalogieschlüsse und Anspielungen. Unter-stellungen auch. Vieldeutige Bilder werden als Chiffren eindeutiger Wirklichkeit gedeutet. Zugegeben: Fragwürdig das alles, nicht ganz seriös im wissenschaftlichen Sinne. Enttäu-schend also, oder etwa nicht? Und doch, was will man mehr? Ist es überhaupt so wichtig, Nietzsches Homosexualität unter Beweis zu stellen?
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