Dieter David Scholz

Goethe-Legoland als Biedermeier-Alptraum

Massenets "Werther im Theater Magdeburg, Premiere: 29.01.2011

Moderator:  Herr Scholz Fast 119 Jahre nach der Wiener Uraufführung hat Massenets Oper "Werther" nun auch den Weg auf die Bühne der Stadt Magdeburg gefunden. Ein bisschen spät, könnte man denken. Hat denn das Stück, das den Selbstmord aus verschmähter Liebe verklärt, uns Heutigen noch etwas zu sagen? 

Dieter David Scholz: Auch wenn sich heute nur noch wenige Menschen aus Liebeskummer umbringen, wie Werther, und noch weniger aus Pflichtgefühl ihre Liebe verleugnen, wie Char-lotte in dieser Oper,  ist, glaube ich, das Thema immer aktuell. „Was Werther singt, verstehen wir. Die Oper ist für alle, die schon mal geliebt haben und deren Liebe sich nicht erfüllte, also für jeden.“ So hat es der junge, britische Regisseur Walter Sutcliffe in Worte gefasst. Und er betrachtet das Stück als romantisches Märchen, als deutschen Biedermeier-Traum bzw. Alp-traum vom Liebestod. Ein Thema, das ja bis zu Wagner reicht. Und die Musik der Massenet-Oper ist ja auch stark wagnerisch angehaucht, wenn man so will ein französischer Gegen-Tristan, nur etwas anders gestrickt, von vornherein ohne jede Hoffnung. Und es stirbt nur Einer in dieser Oper.

Moderator:Wie hat der junge britische Regisseur Walter Sutcliffe denn seine "Botschaft" auf der Bühne umgesetzt?

Dieter David Scholz: Er zeigt – und dazu hat er als Engländer natürlich die nötige Distanz – ein Miniatur-, ein Puppenstuben-Deutschland in immer neu sich öffnenden Fenstern der schwarzen, todesahnungsvollen Bühnenwand. Es ist eine Art Legoland der Goethezeit. Liebevoll plastisch gebaute Ausblicke auf die Handlungsorte von Goethes „Werther“ in Frankfurt und Wetzlar. Das sind puzzelige Architektur- und Gartenbilder. Wie gesagt: Bie-dermeier. Liebevoll ironisch zugespitzt. Auch die schönen Kostüme von Kaspar Glarner be-lassen das Stück, wo es spielt. Regisseur Walter Sutcliffe hat den Mut, jede Aktualisierung zu vermeiden. Seine Inszenierung widersetzt sich geradezu allem Regie­theater. Aber es ist eine sehr stringente- aufs tragische Ende sich zuspitzende Inszenierung, die glaube ich jeder ver-steht. Gegen Ende hin werden die Bildausschnitte in der schwarzen Wand immer größer und phantastischer, ja surrealer. Und die letzte Szene spielt dann nur noch in einer Art Spiegel-labyrinth. Eine schlichte, ernste, geschmackvolle und einleuchtende Inszenierung.

Moderator: Rudolf Piehlmayer, den wir ja am Pult des Gewandhausorchesters an der Oper Leipzig in den letzten Jahren öfter hören konnten,  hat dieses sehr französische "drame lyrique"  dirigiert. Wie klang das in Magdeburg?

Dieter David Scholz: Also Rudolf Piehlmayer hat nun keine ausgesprochen französische Klangsinnlichkeit  realisiert, oder was man so nennen könnten. Piehlmayer hat das Stück in seiner dramatisch-psychologischen Konstruktion eher aus deutscher Sicht frontal angesteu-ert. Es ist ja eine starke, farben- und facettenreiche Theatermusik. Die kommt zu ihrem Recht in Magdeburg. Mit wunderbaren Farben und brillianten solistischen Leistungen im Orchester. Das Lyrische dieses „drame lyrique“ bleibt in dieser Lesart zweitrangig, um so stärker gelingt es Piehlmayer mit dem Orchester, im Schiller-Goetheschen Sinne zu „erschüttern“.

Moderator: Im Zentrum dieses psychologisch zugeschärften "Musik-Dramas" stehen zwei Figuren: Charlotte - die Angebetete - und Werther, der verschmähte Titelheld. Es sind Para-departien großer Sängerpersönlichkeiten und Stars. Konnte man die Partien  in Magdeburg angemessen besetzten?

 

Dieter David Scholz: Ja, man hat das Glück, derzeit zwei wunderbare Solisten im Ensemble zu haben. Einmal ist das der junge, brasilianische Tenor Iago Ramos. Er singt den Werther mit draufgängerischem Belcanto, der zwar eher italienisch-veristisch als französisch daher-kommt,  aber er hat eine große, ausdrucksfähige Stimme, die einen einfach mitreißt, und die nicht nur technisch begeistert, sondern auch hochemotional ist. Auch die Magdeburger Char-lotte von Lucia Cervoni hat eine sehr kultivierte, schöne Stimme. Aber was der kanadischen Mezzosopranistin im Gegensatz zu Iago Ramos fehlt: Ihre Stimme ist nicht wirklich offen und entspannt. Und damit ist sie zu einer so fulminanten sängerischen Leidenschaft wie Ramos nicht fähig.  Das gewisse Etwas fehlt ihr. Eine reservierte Stimme. Aber es muß ja auch Un-terschiede geben. Insgesamt aber eine sehr gute Besetzung für so ein Haus, auch in den übri-gen Partien. Eine Aufführung, die zu sehen und zu hören sich unbedingt lohnt!

Das Urteil von Dieter David Scholz über Massenets „Werther“ in Magdeburg.

Frühkritik in Figaro am Morgen, 31.01.2011, 8.40 Uhr