Dieter David Scholz

Buchbesprechung in MDR Figaro, DLF Musikjournal


Axel Schröter:
Der historische Notenbestand des Deutschen Nationaltheaters in Weimar       
                      

 

Studio Verlag, Sinzig. 725 Seiten. Euro 80,00.

  

 

 

 

Es war Goethe, der 1794 Mozarts „Zauberflöte“ zum ersten Mal in Weimar aufführte. Das Material dieser von Goethe eingerichteten Fassung ist im Notenbestand des deutschen Nationaltheaters Weimar bis heute erhalten. 

 

Es ist einer der wichtigsten Theaterbestände Deutschlands. Immerhin zählt die Weimarer Bühne seit der Gründung des Hoftheaters zu den bedeutendsten deutschen Spielstätten. Schon unter Goethes Leitung war sie nicht nur eine bemerkenswerte Sprechtheater-, sondern auch Musiktheaterbühne. Der von Axel Schröter verfasste, jetzt erhältliche Gesamtkatalog macht deutlich, wie  eingeschränkt unser bisheriges Bild vom Repertoire des Weimarer Thea-ters ist. Das Repertoire schon zu Goethes Zeiten war breiter, als man bisher annahm. Das war kein exklusiver Musenhof  aristokratisch-elitärer Kreise.

 

Ob Carl Maria von Webers romantische Oper „Silvana“,  Herzog Ernst von Sachsen Gothas Oper „Santa Chiara“, Antonio Salieris Dramma giocoso „Das Kästchen mit der Ziffer“ oder Paul Wranitzkys Singspiel „Oberon“: Der Notenbestand des DNT Weimar ist eine Schatz-truhe, in der mehr lagert, als man je ahnte. Nun haben insbesondere so herausragende Mu-siker wie Hummel, Liszt, Richard Strauss oder Walter Abendroth, die das Weimarer Theater prägten, viel bewirkt, oft viel gewagt und in der Musikgeschichte Weimars ihre Spuren hin-terlassen. Im nun publizierten Notenbestandskatalog sind diese Fußspuren gewissermaßen als Versteinerungen erhalten. In der Ära Liszt beispielsweise entwickelte sich Weimar zu einem "Mekka der musikalischen Avantgarde". Liszt hat mit seiner Uraufführung von Wagners „Lohengrin“ nicht nur eine Wagnertradition angeschoben, er hat auch viele französische Wer-ke uraufgeführt, von Berlioz´ Opera semi-seria “Benvenuto Cellini“ bis zu Camille Saint- Saëns´ Orientoper „Samson et Dalila“. Wie mutig und aufgeschlossen Neuem gegenüber Liszt war, begreift man erst jetzt in seiner ganzen Tragweite durch den nun veröffentlichten Notenbestandskatalog.

   

Dass das historische Aufführungsmaterial des Weimarer Theaters sowohl den großen Thea-terbrand von 1825 als auch zwei Weltkriege unbeschadet überstanden hat und in seiner Ge-schlossenheit erhalten blieb, kommt einem Wunder gleich. Und nur dem beherzten Handeln der langjährigen Bibliothekarin Karin Schneider ist es zu verdanken, dass er im zwanzigsten Jahrhundert nicht einem verheerenden Wasserschaden zum Opfer fiel, wie der  Musikwissen-schaftler und Autor des Respekt abnötigenden Katalogs, Axel Schröter im Vorwort dankbar betont. Dieser historische Notenbestand, der heute im Weimarer Archiv der Hochschule für Musik Franz Liszt aufbewahrt wird, ist ein Glücksfall für die Musik, wie für die Theater-wissenschaft. Die sich auf über 310 laufende Meter erstreckenden Materialien umfassen neben den Partituren, Klavierauszügen, Gesangs- und Orchesterstimmen auch die Text-, Soufflier-, Regie- und Szenarienbücher sowie die Rollenhefte. Er ist eine wahre Fundgrube für die Forschung und die historische Aufführungspraxis, denn nicht selten werden neben Weimarer Aufführungsbesonderheiten auch Informationen aus erster Hand überliefert, wie beispielsweise bei der Weimarer Erstaufführung von Hans Pfitzners „Palestrina“  1922. Sie fand in Anwesenheit des Komponisten statt und der Dirigent Carl Leonhardt hat mit Bleistift-einzeichnungen  alle „Willensauffassungen“ Pfitzners akribisch in der Partitur festgehalten.