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Dieter David Scholz
DVD-Rezension MDR-Figaro "Leidend und groß wie sein Jahrhundert" ?
Tony
Palmer s Wagnerfilm mit Richard Burton auf 3 DVDs
Tony Palmers Film über Wagner, der 1982/83, zum hundertsten Todestag Wagners fürs englische Fernsehen entstand und als zehnteilige Monumentalserie ins deutsche Fernsehen kam, gilt längst als Legende unter den Musikerfilmen. In vielen zum Teil qualitativ schlechten und stark gekürzten Videokopien war er auf dem Markt gewesen. Jetzt endlich ist er – ungekürzt und offiziell auf 3 DVDs beim Label Gonzo Multimedia erschienen. Mit den Klängen von Siegfrieds Trauermarsch – dirigiert von Georg Solti - beginnt das wohl monumentalste Filmepos, das je über den monumentalen Musikdramatiker Richard Wagner gedreht wurde. Die Kamera verfolgt eine pompöse Trauergondel auf Venedigs Canale Gran-de. In ihr steht, schwarz verhüllt, Vanessa Redgrave als sphinxenhaft-aristokratische Cosima. Unterm Baldachin der Sarg mit der Leiche Richard Wagners. Man fährt zum Bahnhof, von wo aus Wagners sterbliche Überreste per Sonderzug über München nach Bayreuth gebracht werden, wo sie in der Gruft des Gartens der Villa Wahnfried beigesetzt werden. Der sonore Erzähler des Films: "Lassen Sie mich aus dem Dresdner Anzeiger vom 14. Februar 1883 vorlesen: Ein schwerer und ganz unerwarteter Verlust ereilte Musiker jeder Abstammung, jeden Landes und Standes. Aus Venedig wurde uns telegrafiert, dass der größte Komponist unserer Tage, Richard Wagner, der zweite Mann von Cosima Liszt, dort gestern Nachmittag, vier Uhr verstarb." Es ist der feierliche Auftakt eines opulenten, schwelgerischen Films, der in genauer Kenntnis der Biographie Wagners, in beispielloser Ausführlichkeit, mit hochkarätiger Schauspielerbe-setzung Wagners Vita nacherzählt: Von Leipzig über Dresden, Zürich, Paris, nach Bayreuth. - Zum ersten Mal sieht man diesen Film in ganzer Länge. 7 Stunden, 46 Minuten, in High De-finition Stereoqualität, im Originalschnitt und in brillianter Auflösungsqualität. Als Kame-ramann hatte sich Palmer den italienischen Zauberer von "Apocalypse Now", den Photo-graphen Vittorio Storaro geholt. Und er hat sich den Segen des damaligen Bayreuth-Chefs, des Richard-Enkels Wolfgang Wagner und den Rat des Wagnerbiographen Martin Gregor-Dellin eingeholt.
Ob eine Kantatenaufführung vor Friedrich August von Sachsen im Garten von Schloss Pillnitz, die Erstaufführung des Siegfriedidylls im Landhaus Tribschen bei Luzern, Zusammen-künfte mit König Ludwig dem Zweiten in seinen bayerischen Schlössern oder ein Spaziergang im Dom von Siena.: Tony Palmer scheute keine Kosten (man munkelt von rund 30 Millionen Mark Produktionskosten) an den authentischen Orten zu drehen. Nur Dresden wurde in Ungarn nachgestellt, der Film ist eine west-östliche Koproduktion. In ihm sieht man Wagner unentwegt, wie er Freunden, Anhängern, Geliebten und Geldgebern die Welt und seine Kunst erklärt. Dieser Wagner redet auch unentwegt auf den Zuschauer ein. Zuweilen verteidigt er sich, etwa beim Spaziergang mit dem "Parsifal"-Bühnenbildner Paul von Joukowski vor der Kulisse der Amalfiküste im Garten der Villa Rufolo in Ravello. "Ich habe allen so viel gezeigt, ich habe die Menschen so inspiriert. Wer mich der Unaufrichtigkeit anklagt, muss das vor Gott verantworten. Aber wer mich der Arroganz beschuldigt, Ist ein Narr." Immer wieder tauchen in dieser großen romanhaften Künstlersaga Bilder von der Dresdner Revolution auf, an der Wagner aktiv teilnahm, aber auch Bilder der geknechteten, Nibelungen in unterirdischen Gewölben. Tony Palmer macht deutlich, dass Wagner, aller romantisch-verklärenden wie posthitlerischen deutschen Missverständnisse zum Trotz bekennender so-zialistischer Utopist, ja Revolutionär gewesen ist.
Der weit ausholende Wagner-Film Tony Palmers ist auf drei DVDs verteilt, mit Untertiteln in acht Sprachen versehen, man kann ihn auch kapitelweise anschauen. Er macht den beispiel-losen Aktionsradius des Wagnerlebens deutlich, er verfolgt Wagner quer durch Europa, er zeigt aber auch geradezu voyeuristisch Wagners Erotomanie, seine Exaltiertheit, seinen häss-lichen Antisemitismus, seinen Hang zum Luxus, seine Schamlosigkeit im Schuldenmachen, Schnorren und Betteln, aber auch seine kompromisslos antibürgerliche Haltung. Wagner zu Nietzsche: "Wir beide sind da, um Mittel gegen die Vergeblichkeit des Lebens zu schaffen."
Richard Burton - knapp zehn Zentimeter größer als der wahre Wagner - verkörpert Wagner in verblüffender, tatsächlich schildkrötenhaft starrer Maske eines gezeichneten Antlitzes, grandios, wenn auch vielleicht mit etwas zu viel Zynismus und zu wenig Sinn fürs Komische und Rebellische, Absonderliche, Kauzig-Knorzige in Wagners Wesen. Burtons Wagner ist vor allem ein mafiös wirkender, eleganter Mann von Welt.
Es gibt Leitmotive und Running gags in Palmers Wagnerfilmepos, visionäre, rauschhaften und groteske Szenen, aber auch kammerspielhafte Tischgespräche und große opernhafte Tableaus . Eine Gratwanderung zwischen Ironie und Pathos. Die Liste der Mitwirkenden ist superlativisch. Marthe Keller spielt Mathilde Wesendonck, Gemma Cravender Minna, Daphne Wagner die Fürstin Metternich, der Uungar Laszlo Galffi gibt einen vom Wahnsinn umflorten, träumerischen Ludwig II. Geadelt wird die Schauspielerriege am Hofe des Bayerischen Königs von drei geadelten Herren des britischen Theaters, die drei prominente Hofschranzen spielen: Sir John Gielgud, Sir Laurence Olivier und Sir Ralph Richardsson.
Franz List wird von Ekkehart Schall als liebenswürdiger Trottel gegeben. Was sicher nicht ganz den Tatsachen entspricht. Dafür ist Tony Pickup ein überzeugender Friedrich Nietzsche. Der nennt denn auch die heiklen Abgründe und die wirkungsgeschichtlich explosive Gifte in Wagners Werk beim Namen und prophezeit mit Blick aufs Kommende: "Sie sind gefährlich, Sie sind ein gefährlicher Mann, Wagner!" Wagner, so suggeriert dieser Film, will nur eines: die Durchsetzung des gegen alle Konven-tionen seiner Zeit gerichteten "Kunstwerks der Zukunft", Anerkennung und Applaus. Tony Palmer und sein Drehbuchautor Charles Wood haben offenbar die Cosima-Tagebücher gründlich gelesen. Sie lassen Wagner sagen: "Cosima hatte Angst vor Vulgarität, dass solch ein Werk wie Parsifal durch Vulgarität beschmutz würde. Sie sagt jetzt allen, dass wir keinen Applaus wollten. Ich wollte Applaus!" Man wohnt nicht nur dem letzten "Parsifal"-Dirigat Wagners bei, sondern auch der "Ring"-Ur-aufführung im Bayreuther Festspielhaus mit den Schwimmapparaten der "Rheintöchter". Tony Palmer hat die Uraufführungskulissen nachbauen lassen. - Zum Schluß dieses so unterhaltsam luxuriösen wie lehrreichen Films sieht man sowohl den Tod Ludwig den Zweiten im Starn-berger See, vor allem aber das bezeichnende Ende Richard Wagners im Palazzo Vendramin. Cosima fängt einen Liebesbrief der Sängerin (eines Blumenmädchens) Carrie Pringle ab, die sich heimlich mit Wagner treffen wiill, und stellt den 69-Jährigen zur Rede: Heuchler, Lüstling, nennt sie ihn. Dann sinkt er in sich zusammen. Herzinfarkt. Tod in Venedig zu den Klängen aus "Parsifal".
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