Dieter David Scholz

Rezension


Rossini-Missverständnis

Der amerikanische Opernregisseur David Alden, der regelmäßig sowohl in Europa wie in den USA mit großem Erfolg arbeitet und in Deutschland nicht zuletzt durch die zahlreichen Pro-duktionen an der Bayerischen Staatsoper auf sich aufmerksam machte, hat mit Rossinis IL TURCO IN ITALIA (am 22.06.2008) seine erste Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden herausgebracht.

 

Rossinis 1814 in Mailand uraufgeführtes Dramma buffo per musica über den reichen Türken Selim, der in Italien erotische Zerstreuung sucht, ist eine erotische Überkreuz- und Verklei-dungskomödie, ähnlich wie Mozarts COSÌ FAN TUTTE. Und dann gibt es da noch einen nach Inspiration suchenden, alles ironisierenden Dichter Prosdocimo, der wie Don Alfonso bei Mozart, die Strippen zieht, die Handlung kommentiert und eigentlich überhaupt erst er-findet. Rossinis TURCO ist ein subtiles Stück über Gefühle, Gefühlsvortäuschungen, Schein und Sein, Verkleidung und Authentizität, auch kulturelle. Aber auch eine Satire auf das Theater, eine Komödie über Komödien.

David Alden läßt dieses intelligente Stück nicht, der Partitur folgend,  im Neapel des 19. Jahrhunderts spielen, sondern in einem ortslosen 50er-Jahre-Tapetenwinkel mit Breitwand-fenster und Lamellen-Rollo, der sich zum Kino, zur Bar, zum Theater auf dem Theater, öffnet und ausklappen läßt. Er macht aus der hintergründigen Komödie Rossinis eine mit knalligen Slapstick-, Comedy-, Film- und Broadwayanleihen aufwartende, vordergründige Comedia dell arte im Stil der Fünfzigerjahre.  Es treten aber auch  Tänzerinnen vom  Carneval in Rio auf, Cocktails servierende Osterhasen-Girlies, langbeinige Glitzer- und Feder-Balletteusen wie aus dem Friedrichstadtpalast, mexikanische Folkloregruppen, Gauchos mit Gitarren und was nicht alles…  Sogar Cleopatra – als sei sie einem Hollywood-Film entsprungen, darf mal über die Bühne huschen. Fürst Selim tritt übrigens wie ein neureicher Kreuzberger Türken-Macho im Anzug auf, mit Vorliebe für Goldkettchen und Klunkern. Bei seiner Abreise am Ende des Stücks erscheint der berühmte Überseedampfer aus Fellinis „Amarcord“.

Überhaupt ist die ganze Inszenierung eine Hommage an Fellini-Fiilme wie an das Show-business. Was das mit dem Stück zu tun hat? Gar nichts! Aber darum schert sich Regisseur David Alden nicht. Und so darf der geprellte Ehemann Geronio bei seiner großen Arie über die Unergründlichkeit der Frauen denn auch einen Fummel überstreifen und eine klischeehafte Transen­Nummer hinlegen. Warum nicht? Vielleicht eine Anspielung auf die Berliner Chris-topher Steet-Day-Aktivitäten dieser Tage.

Auch wenn Renato Girolami als Fummeltrine in Rossinis Pendantsück  zu Mozarts „Cosi fan tutte“ wenig Sinn macht, so ist er doch, neben dem fulminanten Lawrence Brownlee als Narciso der Einzige, der stimmlich überzeugt. Ansonsten fiel man  Unter den Linden gestern abend keinen Moment in melomanisches Delirium. Die eklatantste Fehlbesetzung war Christine Schäfer in der Hauptpartie der Fiorilla. Die Schäfer war stimmlich hoffnungslos überfordert, zudem sehr intonationsunsicher. Mit Belcanto hat das, bei allem Liebreiz ihrer Femme fatale-Erscheinung in den hinreißenden Kostümen von Buki Shiff nichts zu tun.

Christine Schäfers Rossinigesang ist ein ebenso großer Irrtum wie David Aldens Rossini- Bagatellisierung, so perfekt sie auch – rein theatralisch-technisch - abschnurrt. Rossinis schillernd beunruhigendes dramma buffo über echte und vorgetäuschte Gefühle verkommt zu einer klischeehaften und über weite Strecken langweilige Knallchargen-Show in der Ästhetik der Adenauerära. Um so bedauerlicher, dass Constantinos Carydis am Pult diesem Rossini-Missverständnis mit seinem rabiat plakativen, ja geistlosen  Dirigat nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen hatte. Das wenig verwöhnte Berliner Premierenpublikum hat sich dennoch wie Bolle amüsiert! 

Beitrag für SWR2 Journal am Mittag 23.06.2008: