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Dieter David Scholz
Rezension/Premierenbericht Musikalischer Offenbarungseid Hans Neuenfels
inszeniert Giuseppe
Verdis "La
Traviata" an der Komischen Oper
Berlin. Am Pult Carl St. Clair Während der Ouvertüre kommt eine junge Frau von Heute im Unterrock auf die Bühne, ein stummer, noch jüngerer halbnackter Mann ist ihr Begleiter, im Programmheft liest man, es ist ihr Zuhälter, er könnte einer Stierkampfarena entlaufen sein, er ohrfeigt sie und streift ihr ein Ballkostüm über, das eher an einen Flamenco-Tanz-Wettbewerb denken läßtt als an das Paris von Alexandre Dumas, in dem Verdis Oper spielt. Dann schieben sich, wie den ganzen Abend lang, monochrome Wände von links nach rechts, auch mal von rechst nach links über die leere, schwarze Bühne. Männer in schwarzen Hüten, Anzügen und langen Mänteln huschen über die Spielfläche. Und Frauen, natürlich: Schwangere, Hochzeitsbräute, alte Jung-fern und Witwen, Trauernde mit Grabgebinden. Ein skurriler Totentanz ist es, der schon zu Beginn von Neuenfels´ Inszenierung klarstellt: Hier geht’s ums Sterben. Und schon das Trinklied des ersten Akts, in dem allerhand groteske Figuren wie aus anderen Stücken die Kurtisane Violetta umgeben, ein Harlekin, ein Tod, eine exotische Dame wird zum grotesken Abgesang auf die wohlanständige, doppelbödige, großbürgerliche Lebensform.
Spätestens beim Trinklied des ersten Aktes wird in dieser Neuinsenierung klar: dies ist ein musikalischer Offenbarungseid, mit dem sich die Komische Oper Berlin endgültig ins musikalisch nicht mehr Ernstzunehmende manövriert. Nicht die grellen Mittel, mit denen Hans Neuenfels das elegante, luxuriöse Pariser Kurtisanenstück des 19. Jahrhunderts banalisiert zu einem an handwerklichen Platitüden, abgenutzten Regietheater-Versatzstücken und verle-genen Gags reichen Hier-und Heute-Stück in Woolworth- und Aldi-Ästhetik, irritieren und verstören. Nein, dazu ist der alte Regie-Adler Neuenfels inzwischen zu lahm geworden. Was an dieser neuen La Traviata, es ist gegenwärtig die dritte, die in Berlins Operntrias gezeigt wird, so verärgert, und viele Premierengäste zum vorzeitigen Verlassen des Theaters bewog, ist bei aller Befremdlichkeit und Langeweile, Überdeutlichkeit des Regie-Holzhammers und Hässlichkeit der Optik, für die Christoph Hetzer und Elina Schnizler sorgen, was so verärgert ist die mangelnde musikalische und sängerische Qualität der Aufführung. Über einen Hack-stock und einen Putzeimer als Symbole des Landlebens (Akt2) kann man noch hinwegsehen. Man hat ja schon manche schlechte La Traviata-Aufführung erlebt. Aber die gestrige Pre-miere an der Komischen Oper Berlin hat alles unterboten, was man je hörte. Man genierte sich an diesem Hause nicht, dem zahlenden Publikum eine Besetzung zuzumuten, die bei keinem Gesangswettbewerb auch nur die erste Runde bestehen würde. Man hört einen Partylöwen Alfred, der eher spricht und markiert als síngt, ein absolut indiskutabler Tenor ohne stimmlichen Focus, ohne Glanz und Kraft, und man hört eine verwackelte Violetta, die weder über die Geschmeidigkeit und Flexibilität der Koloraturen, noch über eine schöne Stimme verfügt. Von ihrer Wortverständlichkeit ganz zu schweigen. Die deutsche Übersetzung des Librettos (Felsenstein) hätte man sich gleich sparen können! Warum eigentlich singt man an der Komischen Oper noch die deutschen Fassungen? Ein Anachronismus.
Sinéad Mullern als Violetta und Timothy Richards als Alfredo sind eklatante Fehlbesetzung-en, wie fast die ganze Besetzung dieser La Traviata-Neuinszenierung an der Komischen Oper, in der eigentlich nur Aris Argiris als Vater Germont sängerisch akzeptabel ist. Warum ausgerechnet er, eine von Verdi und seinem Librettisten sehr differenziert, lernfähig und reu-mütig gezeichneten Figur, von Neuenfels zur bigotten, permanent mit dem Kruzifix hantie-renden Karikatur mit Pferdefuß und fieser Perücke denunziert wird, die Violetta ihm schon mal vom Kopfe reißt, bleibt ebenso unverständlich wie die – man möchte fast sagen -ganze Parodie, zu der der Abend zerrinnt. Es ist eine freiwillig-unfreiwillige Parodie, die neben einem ausgelaugten, offenbar nicht mehr inspirierbaren Regisseur, er hat ja schon zwei andere Stücke am Haus in den Sand gesetzt, vor allem auch der neue GMD Carl St. Clair zu verantworten hat mit einem Dirigat, das den rasanten Fluß und die Dramaturgie dieser starken, mitreißenden Musik so gründlich demontiert wie die Regie das Stück. St. Clair setzt Generalpausen, die jede Spannung zerstören, dann wieder lässt er die Pauken mit derart phonstarker Brachialgewalt knallen, dass die Trommelfelle des nicht schwerhörigen Teils des Publikums ernsthaft gefährdet sind. Von den Mikroport-Manipulierungen und Gesangs-Einspielungen per Tonkonserve nicht zu reden. (Da hätte man dann doch lieber gleich eine der vielen, guten CD-Gesamteinspielungen der Oper verwenden können und auf der Bühne nur noch stumme Schauspieler agieren lassen sollen, das wäre vielleicht glaubwürdiger gewesen!)
Man muß nicht den Ausdruck Regietheater überstrapazieren. Nur: mit Musiktheater im Sinne von Oper, in der die Musik ernst genommen wird, hat diese jüngste, groteske Veranstaltung der Komischen Oper Berlin nichts zu tun. Sie ist eine Farce, aber eine ärgerliche und eine tragische, denn der Ast, auf dem die Zukunft der Berliner Oper sitzt, wird an der Komischen Oper Berlin mit solch drittklassigen Aufführungen, und sie ist ja an diesem Hause kein Einzelfall, peu à peu von ihr selbst abgesägt. Die Buhs aus dem Zuschauerraum und der Publikumsschwund an diesem Hause sind eindeutig! Nur im Hause selbst scheint das nie-manden zu beunruhigen. SWR Journal, 23.11.2008
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