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Dieter David Scholz
DVD-Tip Toscanini: In His Own Words
Arturo Toscanini war nach Meinung Vieler der bedeutendste Dirigent des 20. Jahrhunderts. Aber er war extrem pressescheu, gab keine Interviews und hat auch keine Memoiren oder sonstigen schriftlichen biographischen Zeugnisse hinterlassen. Der Film des kanadischen Dokumentarfilmemachers Larry Weinstein, der jetzt beim Label midici arts auf DVD herauskam, basiert auf heimlichen Tonbandaufzeichnungen, die Toscaninis Sohn Walter von Gesprächen mit seinem Vater machte. Arturos Reaktion nach Anhören seiner Aufnahme von Verdis "Aida": Na ja, ich höre mir die Musik an und erkenne sofort, dass ich es war, der diese Oper dirigiert hat, aber ich höre ständig nur die Fehler heraus. Arturo Toscanini war ein Perfektionist. Vielleicht war er der unerbittlichste Partiturenanalyti-ker und Orchesterdompteur überhaupt. In dem Film von Larry Weinstein, der historisches Filmmaterial und nachgespielte Gesprächssituationen vereint, wird es nicht nur im Bild - man kannte ja schon Verfilmungen Toscaninischer Konzerte - sondern vor allem im authentischen Wort Toscaninis deutlich. Seht Euch die anderen Dirigeten an, Bruno Walter, Furtwängler, sie genieße ihre Arbeit. Man sieht sie lächeln. Sie werden fast ohnmächtig vor Freude, wenn sie dirigieren. Wenn ich arbeite, habe ich keine Zeit, Freude zu empfinden. Ich habe eher das Gefühl, dass ich die Schmerzen und Leiden einer gebärenden Frau durchlebe. Der kanadische Filmemacher Larry Weinstein hatte das einmalige Glück, dass die Familie Toscanini ihm 150 Stunden Bandmaterial zur Verfügung stellte. Toscaninis ältester Sohn Walter hatte bei Gesprächen mit seinem Vater heimlich das Tonband mitlaufen lassen. Zu Anfang und am Ende des Films sieht man das unter einem Lampenschirm in Toscaninis Haus in Riverdale (New York) versteckte Mikrofon. In dieses New Yorker Haus zog sich der Maestro gern zurück zurück. So auch am Sylvesterabend des Jahres 1954 in Anwesenheit seiner beiden Kinder Walter und Wally sowie einiger Freunde, Wilfried Pelletier, Anita Colombo und Iris Cantelli. Und an diesem Abend zieht der 88-Jährige gewissermaßen Bilanz seines Lebens und seiner Karriere. Und äußerst in nie gehörter Unerschrockenheit seine Ansichten über Kunst und Politik. Wenn es auch nur ei einziges intelligentes Wesen unter den Zuhörern im Saal gibt, war meine ganze Arbeit dafür. Nicht für die Masse. Ich hasse die Masse. Sie ist dumm. Als ich die Scala verließ, wurde gesagt, ich hätte das Publikum kultiviert. Ganz und gar nicht! Ich habe niemals irgendwelchen Zuhörern irgend etwas beigebracht. Das Publikum war danach genauso ignorant wie zuvor. Ursprünglich wollte Toscanini Komponist werden. Aber dann ist etwas passiert, was meine Welt für immer verändert hat. Ich hörte die Musik von Richard Wagner. Die Musik war so göttlich und vollkommen, ich wußte, dass nichts, was ich komponierte, da mithalten konnte. Es gibt keine Notwendigkeit und keinen Platz für Mittelmäßigkeit. Toscanini bekennt sein anfängliches Sympathisieren mit dem zunächst linksorientierten, vor-faschistischen Mussolini. Als dieser Opportunist von links nach rechts schwenkte, habe ich mich offen gegen ihn gestellt. Was war er doch für ein Monster! Hitler gegenüber war er von Anfang an radikal ablehnend begegnet. 1930/31 feierte er beispiellose Triumphe in Bayreuth. Aber nach Hitlers Machtergreifung hatte er demonstrativ Bayreuth verlassen. Das sei der schmerzlichste Tiefpunkt seiner Karriere gewesen, denn dass Wagner war der von ihm am meisten verehrte Komponist. Ich habe mich geweigert, dorthin zurückzukehren. Ich hatte meine Prinzipien, im Gegensatz zu Furtwängler, diesem großen Clown und Opportunisten. Er war bereit, unterm Nazibanner zu dirigieren. Ich hätte um nichts in der Welt die faschistische Hymne gespielt. Selbst wenn mein Leben davon abgehangen hätte. Nein, ich habe mir gesagt: wenn man seine Seele verbiegt, verbiegt sich auch das Rückgrat. Die Worte Arturo Toscaninis über Kollegen und Politiker, Komponisten und Publikum lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Filmemacher Weinstein beteuert deren Authentizität, die von der Familie abgesegnet sei. Insofern ist dieser Film, in dem Barry Jackson einen sehr überzeugenden Toscanini spielt, die Dokumentation einer beein-druckenden Persönlichkeit, die nicht nur künstlerisch wie politisch kompromisslos war. Toscanini hatte sich offen gegen Mussolini wie Hitler gestellt, solidarisierte sich mit den verfolgten Juden bei Konzerten in Palästina und verließ das faschistische Italien Richtung Amerika, wo er wo er noch im Alter von 70 Jahren das für ihn gegründete NBC Symphony Orchestra übernahm und beinahe 20 Jahre leitete. Ich hatte immer versucht, Kunst und Karriere strikt voneinander zu trennen, aber so sehr es mich auch geschmerzt hat, ich habe mich stets geweigert, in Ländern zu dirigieren, in denen es keine Freiheit gab. Ich habe mich dafür geschämt, dass ich frei atmen konnte. Ich wollte Gift ins Gesicht der gesamten Menschheit spucken. Und ich habe an die armen jungen Männer ge-dacht, die in den Kampf ziehen, die überredet und gezwungen wurden, sich töten zu lassen. Und für wen? Nicht für ihr Land, nein, für Verbrecher wie Mussolini und Hitler! Der Film Larry Weinsteins, der in der Sylvesternacht 1954 spielt, endet mit dem Anstoßen auf das Neue Jahr 1955. Zwei Jahre später stirbt Arturo Toscanini. Historisches Filmmaterial über seine Mailänder Begräbnisfeierlichkeiten werden eingeblendet, und noch einmal die Ton-bandmaschine des Toscanini-Sohnes Walter. Kein sensationeller, kein aufregender, aber ein intimer, subtiler, ergreifender Film über einen charakterfesten Menschen und politisch nicht verführbaren Künstler.
SWR
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