Dieter David Scholz

Eine kleine Hommage an Thomas Bernhard zum 09.02.2011

Thomas Bernhard und die Musik                    

       

Er würde heute  80 Jahre alt. Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard. Seine Werke handeln von Melancholie, dumpfer Verzweiflung und existentiellem Schmerz.  In den meisten Stücken Bernhards geht es um Machtmenschen, Künstler und das Versagen der phi-losophischen Weltgebäude. Bernhard schreibt Krankheitsgeschichten über Psychopathen, Verbrecher, Selbstmörder und Sterbende. Weil er zeigen will, daß die menschliche Existenz an das Leiden gebunden ist. Im Mittelpunkt seiner Stücke,  Romane und Erzählungen stehen auch oft verbitterte Künstler, die aufgrund ihres Leidens an der Welt die Fähigkeit verloren haben, Kunstwerke zu schaffen. Auch Musiker sind darunter, viele.  Thomas Bernhard hatte immer ein enges Verhältnis zur Musik. Ein wenig beachteter Aspekt.

    

Mitte der Fünfzigerjahre studierte Thomas Bernhard am Salzburger Mozarteum Schauspiel, aber auch Gesang und Musik. Er dachte durchaus an eine Sängerlaufbahn. Als Reflex dessen kann man die fiktive Autobiographie eines Sängers in der  Erzählung „Der Keller“ auf­fas­sen. Mit seiner Baßstimme nahm Thomas Bernhard als Chorsänger sogar an Festspiel­auf­führungen teil. Einmal sang er dem berühmten Dirigenten Josef Krips vor. Doch der riet ihm, besser Fleischhauer als Sänger zu werden. Thomas Bernhard wurde schließlich Schriftsteller. Doch die Musik hat ihre tiefen Spuren im gesamten Werk Bernhards hinter-lassen.

      

In der Komödie „Die Macht der Gewohnheit“ hat sich ein Zirkusdirektor in die Idee verbis-sen, mit seinem Zirkusvolk das Forellenquintett von Franz Schubert aufzuführen. Doch die Zirkusleute wissen es immer wieder auf groteske, ja absurde Weise zu verhindern.

In dem Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ steht eine Primadonna mit ihrem blinden Vater, der Garderobiere und ihrem Arzt im Mittelpunkt eines Opernabends, der als Symbol  einer Welt der Auflösung, der Sinnlosigkeit und der Anarchie gezeigt wird. Auch in dem Kurzdrama „Frühling“ erlebt man eine Sängerin auf dem Sterbebett im Gespräch mit dem Arzt. Im Roman „Der Untergeher“ geht es hingegen um drei Pianisten, Glenn Gould, Wertheimer und den Erzähler.

Einer der Pianisten bringt sich nach jahrelanger Erfolglosigkeit um. - Schon in der frü­hen autobiographischen Erzählung „Die Kälte“ bekennt der Ich-Erzähler angesichts der Erfahrung von Krankheit und Tod, er sei nicht nur „ein musikalischer Mensch“, sondern geradezu ein „Musiknarr“ geworden. Aber auch noch in der späten Erzählung „Alte Meister“ spricht ein alter Musikgelehrte, Reger, unent­wegt über Musik; über Brahms und Bach, Schubert, Wagner und Mozart, über Musikkenner und Musikverhunzer, vor allem aber über Musik als tröstenden „Überlebenzweck“.

Musiker, Sänger, Komponisten, ja die Musik an sich durchzieht das ganze Werk Thomas Bernhards, so wie seine Sprache selbst musikalisch geprägt ist, sie ist gewissermaßen seriell. Was nicht von ungefähr kommt: Ende der Fünfzigerjahre war Thomas Bernhard mit dem Komponisten Gerhard Lampersberg befreundet,  der seriell, also atonal komponierte. Bern­hard schrieb für ihn die Libretti für dessen Ballett „Die Rosen der Einöde“ und die Kam­meroper„Die Köpfe“. Das erzählerische Echo der Musikerfreundschaft findet sich in  der Erzählung „Holzfällen“.

So sehr Thomas Bernhard in seinen Stücken und Erzählungen immer wieder die Musik als Trost im  „allgemeinen Weltstumpfsinn“ empfindet, um eines seiner Lieblingswörter zu be­nutzen: Musik ist für ihn einerseits „Lebenstrainung“, wie er in „Die Kälte“ schreibt, aber auch die Musik bietet keine Rettung vor dem Abgrund des Todes.  In den „Alten Meistern“ – sagt Thoma Bernhards Alter Ego Reger, dessen Frau gestorben ist: „Immer habe ich geglaubt, die Musik ist es, die mir alles bedeutet, …aber alles das ist nichts gegen einen einzigen geliebten Menschen“. Diese trostlose Zwiespältigkeit bringt Thomas Bern-hards Verhältnis zur Musik auf den Punkt.

 

 Beitrag für MDR Figaro am 9.02.2011