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Dieter David Scholz
Buchbesprechung Edward W. Said: Vor zwei Jahren erschien in New York ein Buch mit dem Titel „Music at the Limits“ des in Jerusalem geborenen, in New York 2003 gestorbenen Literaturprofessors und Musikkriti-kers Edward Said: Gesammelte Aufsätze, Kritiken und Essays. Sie sind jetzt, mit einem wohlwollenden Vorwort von Daniel Barenboim – und einer in Betrachtungen über die End-lichkeit alles Seienden sich ergehenden - Einleitung der Witwe des Autors - in der Edition Elke Heidenreich des Bertelsmann Verlags erschienen unter dem Titel „Musik ohne Grenzen“.
Die große Oper sei „im Wesentlichen eine Gattung des 19. Jahrhunderts“ liest man bei Edward Said. Da stutzt man schon. Waren Monteverdi, Händel und Mozart nicht groß? Und dann liest man, dass das „italienische Repertoire ... überwiegend zweitklassig“ sei. Man mag zur New Yorker Metropolitan Opera stehen, wie man will, aber ihr in Sachen Repertoire des 19. Jahrhunderts zu unterstellen, „alle Helden und Heldinnen sind pummelig, laut und dumm – wie die Musik, die sie singen“, geht doch wohl etwas zu weit. Und von einem Sänger wie Luciano Pavarotti zu behaupten, er sei eine „groteske Figur“, die „die Opernaufführung auf ein Minimum an Intelligenz und ein Maximum an überbewertetem Lärm reduziert“, ist – ob man Pavarotti nun mag oder nicht - von einer hemdsärmeligen Undifferenziertheit des Urteils, die den Autor solcher Zeilen eigentlich disqualifiziert, sich über Gesang und Oper zu äußern. Aber Edward Saids gnadenlose Pauschalurteile kennen keine Grenzen. Weder seine Gering-schätzung Händels, noch seine Äußerungen über Musik und Feminismus oder über Pierre Boulez lohnen, gelesen zu werden. Auch mit Verdi geht er hart ins Gericht: Der Oper „Aida“ konstatiert er „eine überentwickelte Partitur“ und eine „unterentwickelte Geschichte“. Gna-denlos verurteilt er Bellinis Oper „I Puritani“ mit einem Wort. Sie sei „geistlos“! Und er schreibt über Richard Strauss (Bezug nehmend auf das Opernfestival in Santa Fe) in einem Artikel aus dem Jahre 1986: „Ein Jahrhundert nach seinem Tod ist Richard Straussens Rolle in der Musik des 20. Jahrhunderts nach wie vor eine offene Frage“. Der Autor irrt nicht nur in der Sache, denn diese Frage ist nicht offen, er irrt sich auch im Todesdatum des Kompo-nisten. Richard Strauss starb 1949, also nicht einmal vierzig Jahre vor Abfassung dieses Satzes. Nun könnte man sagen: Ob vierzig Jahre oder hundert, so genau muss man´s ja nicht nehmen. Eben! Genau das ist das Problem dieses Buches. Edward Said nimmt nichts so genau. Am unbedarftesten und ärgerlichsten sind Edward Saids Äußerungen über Richard Wagner. Ausgerechnet ihm widmet er aber, neben dem Dirigenten Daniel Barenboim, die meisten Artikel. Dass Said Bayreuth überschätzt, indem er es „die wichtigste kulturelle Institution Deutschlands“ nennt, mag man ihm verzeihen. Nicht verzeihen kann man ihm, was er vom „Wesenskern“ des „Rings“ schreibt. Er behauptet, der laute: „Produziere Träume und Macht, klammere dich an sie, so sehr du kannst, versuche, andere zu beherrschen“. – Das ganze Gegenteil ist der Fall! Daß der „Ring“ eine antikapitalistische Parabel ist, in der die Mächtigen untergehen und jedes Streben nach Macht und Herrschaft beispielhaft angeklagt und gerichtet wird, dürfte sich spätestens seit Chéreaus Bayreuther Jahrhundertinszenierung, die Said im übrigen über den Klee lobt, herumgesprochen haben. Aber Saids Ignoranz in Sachen Wagner scheint grenzenlos. Er unterstellt ihm, er würde sich, „so gigantomanisch und so intensiv mit der germanischen Vergangenheit befassen“ und sei ein „Propagandist seiner überwiegend zweifelhaften Ideen von minderwertigen Rassen und erhabenen (germanischen) Helden“. Hat Said jemals Wagner gelesen, muss man sich fragen? Alle sogenannten Helden Wagners scheitern doch. Und Wagner hat wesentlich mehr nichtgermanische Stoffe auf die Opern-bühne gebracht als germanische. In keinem seiner Bühnenwerke geht es im übrigen um Rassenfragen. Nichts als alte, unhinterfragte Vorurteile, die Said zum Besten gibt. Nach der Lektüre des dicken Buches erscheint Edward Said geradezu als Prototyp jener Autoren einer heute weit verbreiteten "Leichtigkeit" und Unbekümmertheit, ja nicht selten Ahnungslosigkeit, die glauben, sie könnten bei Musik mitreden, und das im Biertisch- oder im Jargon einer Whisky-Bar. Einfach so drauflos. Aus dem Bauch. Ohne tiefere Kenntnisse. Gewiss, manche der Irrtümer und Entgleisungen dieses Buches mögen aufs Konto eines mu-sikalisch unzureichend informierten Übersetzers gehen. Aber, so fragt man sich, warum erscheint dieses Buch überhaupt in Deutschland? Wo doch fast alle Essays, Rezensionen und Artikel, die es bündelt, in Anlass und Zielsetzung aufs amerikanische Musikleben der ver-gangenen Jahrzehnte zugeschnitten sind. Ausgenommen Daniel Barenboim, ein langjähriger Weggefährte Edward Saids, mit dem er gemeinsam das West-Eastern-Diva-Orchestra gegründet hat. Barenboim wird denn auch gleich in gleich mehreren Kapiteln als einer der besten, der originellsten, der wichtigsten, der mutigsten und der grenzüberschreitenden Dirigenten gefeiert. In letzterem Punkte hat Edward Said sicher recht. Dafür bedankt sich Barenboim mit einem geradezu hymnischen Vorwort, in dem er den Autor als „bedeutenden Denke“, als „unvergleichlichen Intellektuellen“ und „Musiker im höchsten Sinne“ bezeichnet. Eine Hand wäscht eben die andere. In solch ge-genseitiger Beweihräucherung werden dann wirklich Grenzen überschritten, die des guten Geschmacks! Informations- und Erkenntniswert dieses Buches bleiben leider eng begrenzt.
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