Dieter David Scholz

Dienstag, 25.05.2010


Anneliese Rothenberger ist tot.

                           

Sie starb am Montagabend nach kurzer Krankheit im Kanntonsspital Münsterlingen in der Schweiz, wie ein Sprecher der mit Anneliese Rothenberger eng befreundeten Grafenfamilie Bernadotte am Dienstag in Konstanz mitteilte.

Anneliese Rothenberger hatte zwei Karrieren. Eine klassische Opernkarriere als Sopranistin und dann eine Fernsehkarriere. Sie hat sehr früh angefangen zu singen: 1943 debütierte sie am Stadttheater von Koblenz, noch während ihres Gesangsstudiums, das sie in Mannheim, ihrem Geburtsort, bei der Sopranistin Erika Müller, die am Mannheimer Nationaltheater engagiert war, absolvierte. Nach Verschickung und Kriegsunterbrechung war sie dank glücklicher, ge-radezu abenteuerlicher Zufälle 1948 nach Hamburg gekommen, wo sie vor allem viel Modernes und Zeitgenössisches zu singen hatte, was ihr nicht gerade in den Schoß fiel. 

"Ich hab das wirklich von Grund auf  erar­bei­tet und es war ein mühsamer Weg, aber ich hatte auch immer Glück und bin im­mer auch an die richtigen Leute geraten, die genug Interesse hatten, mir weiterzuhelfen und mir auch zu sagen: das geht nicht, das solltest Du nicht machen."

Anneliese Rothenberger sang in Hamburg Wolf_Ferrari und Benjamin Britten, Menotti und von Einem, Egk, Henze, Hindemith und Alban Berg. Sie war eine laszive und eine präzise Lulu! So sehr sie sich für Neue Musik engagierte: sie sehnte sich nach klassisch-roman-tischem Repertoire. Deshalb wechselte sie nach acht Jahren Hamburg an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf, wo sie allerdings nur ein Jahr blieb und dann von Salzburg weg an die Wiener Staatsoper verpflichtet wurde. Für die Salzburger Festspiele hatte sie der Regis-seur Oskar Fritz Schuh engagiert, für die Uraufführung von Rolf Liebermanns Oper "Pene-lope". In Salzburg – wo sie fortan eine feste Größe wurde - sang sie später auch in Rolf Liebermanns "Schule der Frauen" die Agnes.

An der Wiener Staatsoper, an der sie seit 1953 ständig gastierte, konnte sie ihr Mozart- und Richard Strauss-Repertoire erarbeiten und singen, wenn auch meist nur in dritter Besetzung, weil die angestammten Wiener „Größen“ Vorrang vor der jungen Konkurrentin hatten. Als sie aber 1959 in Glyndebourne mit größtem Erfolg die Sophie im "Rosenkavalier" sang, die zu einer ihrer Paraderollen wurde, verpflichtete sie kurz danach Herbert von Karajan in dieser Partie für die Eröffnung des neuen Großen Festspielhauses in Salzburg, denn die eingeplante Hilde Güden war erkrankt. Und das war der Startschuß für die internationale Karriere der Rothenberger.

Mit der Sophie gastierte Anneliese Rothenberger nicht nur in Salzburg und Glyndebourne, sondern auch seit 1960 an der New Yorker Metropolitan Opera, zuvor schon an der Mai-länder Scala. Es standen ihr damals alle Türen der größten Opernhäuser der Welt offen. Harte Arbeit und Verzicht auf ein "normales" Privatleben waren der Preis.

"Einmal Erfolg zu haben, ist überhaupt keine Kunst, wenn man eine gewisse Begabung mitbekommen hat, aber diesen Erfolg über viele Jahre zu halten, das ist natürlich wirklich nicht einfach." 

    

Die Leuchtkraft ihrer Stimme, die vorbildliche Wortverständlichkeit, die  klangliche Varia-bilität, ihre besonderes , warmes Timbre, die Verve und der virtuose Überschuß, mit dem sie sang, stets bestens vorbereitet, das war auch zu ihrer Zeit nichts Selbstverständliches. Und so sang sie zwei Jahrzehnte hindurch – ständig aus dem Koffer lebend – in Wien und New York, Berlin und Mailand, London und Moskau, Zürich und Salzburg ihr Repertoire. Das waren Verdis Oskar im Maskenball, Straussens Zdenka in der Arabella, die Sophie im Rosenkavalier, und immer wieder die Mozart-Partien. Zu schweigen von weltweiten Lieder-abend- Tourneen.

Glanz und Glamour, gesellschaftliche Verpflichtungen, werbewirksame Imagepflege, VIP-Parties, Umgang mit High-Society, Kollegen und Insidern des Musikbetriebs hat Anneliese Rothenberger übrigens in ihrem Privatleben immer gemieden. Dazu waren Sie und ihr Ehemann Gerd Dieberitz, der ihr Manager wurde, zu professionell und zu ernsthaft.

"Beweihräucherungen nach den Premieren, es wird nur von der Singerei geredet, das ödet mich derartig an, nein: die Freundschaften, die wir  haben, diese Menschen kommen aus ganz anderen Berufen."

Nach ihrer Opernkarriere startete Anneliese Rothenberger  ihre Fernsehkarriere. 1967 hatte sie ihre erste eigene Sendung in Deutschland "Heute Abend: Anneliese Rothenberger". Als sie 1969 das große Live-Konzert in der Berliner Philharmonie zum 90. Geburtstag von Robert Stolz moderierte - waren 200 Sender dabei. Kurz danach bekam sie ihre eigene Unterhal-tungsreihe im ZDF, "Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre". Dann kam „Traumland Operette“ und „Anneliese Rothenberger präsentiert junge Künstler“. Damit hat sie ein Mil-lionenpublikum zuhause in den Wohnzimmern erreicht. Mit ihren Fernsehshows hat sie einer-seits der Popularisierung, der Verbreitung von Oper im Nachkriegsdeutschland Vorschub geleistet. Und sie Sie hat die Grenzen von U- und E-Musik überschritten in gut amerikani-scher Manier. Berührungsängste hatte sie nie. Sie war eine geborene  Mediatorin, eine glän-zende Entertainerin. Aber sie hat natürlich auch, und das ist die Kehrseite ihrer Fernseh-karriere, der Verspießerung, der Verkitschung und der Verflachung der Opernkultur zuge-arbeitet. Aber nicht nur sie. Das haben andere auch getan.  Es ist auch dem Zeitgeist und dem Medium Fernsehen anzulasten. 

Anneliese Rothenberger war der Inbegriff der Wirtschaftswunder-Sängerin im Wirtschafts-wunder-Westdeutschland. Sie war der singende Beweis von Oper für Jedermann. Die Bürger arbeiteten hart, sie wollten sich etwas Kultur leisten - auch ein wenig Oper, zumindest in der  heimischen Fernsehecke. Anneliese Rothenberger war der Opernstar, der sich in die Wohn-zimmer und in die Herzen der Wirtschaftswunder-Bundesdeutschen sang.  Sie entsprach auch äußerlich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit  ihren Rüschen- oder Chiffonkleider in Pastellfarben, mit Perlenkette und blonder Perücke einem weit verbreiteten  Wirtschafts-Wunder-Ideal von  Fraulichkeit.  Ihre Verehrer bewunderten die zartgliedrige, blonde Sänge-rin als Lady von püppchen-damenhafter Schönheit.

     

Aber die Rothenberger war auch eine gewitzte, intelligente, selbstbewußte und  geschäfts-tüchtige Persönlichkeit. Es war kein Zufall, das sie Ende der Sechzigerjahre mit dem Fern-sehen anfing. Damals hatte ihre Stimme schon nicht mehr den bezaubernden Glanz und  die ungebrochene Kraft von einst.  In dem Moment, als ihre Zenit auf der Opernbühne über-schritten war, ergriff sie die Chance, - nicht zuletzt auf Betreiben ihres Ehemannes und Ma-nagers Gerd W. Dieberitz (mit dem sie 44 Jahre verheiratet war, bis er 1999 an Krebs starb) - zu  einer zweite Karriere, der Fernsehkarriere. Über viele Jahre war sie  in ihr konkurrenz-los. Das hat ihr niemand nachgemacht. Nicht zuletzt aufgrund des Fernsehens erwarb sich die Rothenberger den Ruf, die erfolgreichste deutsche Sängerin der Nachkriegszeit zu sein. Sie erhielt nicht zuletzt deshalb zahlreiche Würdigungen: Sie wurde österreichische Kammer-sängerin, sie istt unter anderem Trägerin des "Großen Bundesverdienstkreuzes", sowie der "Max-Reinhardt-Plakette" und im Oktober 2003 wurde ihr der "Echo Klassik 2003" für ihr Lebenswerk verliehen.

 

Freilich, in Mancher Augen  hat sie sich durchs Fernsehen wie durch ihren sehr individuellen Einsatz für die Operette – so wie sie sie verstand – ihren Ruf als Opernsängerin ruiniert. Da-raufhin angesprochen, entgegnete sie nur: „Ach, das waren ein paar Blaustrümpfe, die mir das übelnahmen, aber das war kleinkariert gedacht“.  

Anneliese Rothenberger nutzte ihre Popularität in den letzten 25 Jahren engagiert zur Nach-wuchsförderung. Sie war gefragte Jurorin bei Gesangswettbewerben und sie gab Mas-terclasses. Seit ihr Mann tot war, hat Anneliese Rothenberger sich mehr und mehr ins Privatleben und ihr Haus am Schweizer Bodenseeufer zurückgezogen. Sie hat vor Ort einen Wettbewerb für junge Opernsänger auf der Blumeninsel Mainau organisiert und eine Stiftung für den Nachwuchs ins Leben gerufen.

Schon 1983 hatte Anneliese Rothenberger ihre Opern-Karriere beendet, 1989 gab sie ihren letzten klassischen Liederabend. Nun ist sie im Alter von 83 Jahren gestorben, oder doch vielleicht mit 90, wie Insider wissen wollen?  Wie auch immer.  Man wünschte sich heute mehr Sängerinnen von ihrer Art. 

 

(MDR)