Dieter David Scholz

Vorbericht für SWR 2 Musik aktuell am 26.08.2011


   

Johann Adolf Hasse "Romolo ed Ersilia"

Die diesjährigen Festwochen Alter Musik in Innsbruck gehen in die letzte Runde. Ihr Herz-stück sind die Musiktheaterproduktionen. Nachdem zu Beginn des Festivals der Künstleri-sche Leiter Alessandro De Marchi Telemanns Opera seria „Flavius Bertaridus, König der Langobarden“ wiederentdeckte, die 1729 in Hamburg uraufgeführt wurde, erlebt heute abend im Tiroler Landestheater Hasses Oper „Romolo ed Ersilia“ die Premiere ihrer Aus-grabung durch Attilio Cremonesi. Diese Oper schlägt eine Brücke zur Musikgeschichte von Innsbruck, wo das Werk vor knapp 250 Jahren, 1765 uraufgeführt wurde. 

      

Johann Adolph Hasse, 1699 in Bergedorf bei Hamburg geboren, gestorben 1783 in Venedig, stieg neben Händel, Salieri, Pergolesi und Vivaldi zu einem der berühmtesten Opernkompo-nisten seiner Epoche auf. Italien, wo er von Venedig bis Neapel mit seinen Opern erfolgreich war, feierte ihn als „Il divino Sassone“, als „göttlichen Sachsen“, in Dresden leitete der Musi-ker drei Jahrzehnte lang als Hofkapellmeister die Oper und baute sie zu einer der glanzvoll-sten Europas auf. Joseph Haydn verehrte ihn, selbst Mozart bezeichnete ihn als „unsterblich“ und Kaiserin Maria Theresia erkor diesen Meister der Opera Seria gar zu ihrem Lieblings-komponisten. Sie erteilte ihm mehrere Aufträge. Einer davon galt der Komposition einer Festoper für Innsbruck, zur Hochzeit von Erzherzog Leopold und der spanischen Prinzessin Maria Ludovica. Prunkvolle Hochzeiten mit Festopern repräsentierten als Teil der Diplomatie im Österreich Maria Theresias Erfolg und Glorie der Habsburger mehr als alle Kriege.

 

Am 6. August 1765 erlebte im damaligen barocken Opernhaus am Rennweg „Romolo ed Ersilia“, Hasses bereits 59stes von 62 Werken für die Opernbühne – das in Mailand, Rom und Neapel nachgespielt werden sollte - seine mondäne Uraufführung. Jetzt wird in Innsbruck diese Oper, die übrigens 1831 von Donizetti in „Viva la Mamma“ parodiert wurde,  nach exakt 246 Jahren ihrem Vergessen entrissen und wieder auf die Bühne gebracht. Attilio Cremonesi, der die Oper in Innsbruck musikalisch leitet, er war langjähriger Begleiter von René Jacobs und ist längst selbst ein gefragter Opern-interpret des vorklassischen Reper-toires, hat eine eigene Fassung aus der handschriftlichen Partitur der Uraufführung einge-richtet, die in der österreichischen Nationalbibliothek in Wien liegt.

„Die Schwierigkeiten waren eben einmal, zu entscheiden, ob wir die Partitur bzw. die Noten nach der Handschrift der Partitur aufbereiten lassen oder nach den Stimmen des Orchestermaterials. Aber es war eigentlich eine Entscheidung, die sehr schnell getroffen worden ist, weil das Orchestermaterial so wahnsinnig viel wichtige Informationen, was Artikulation, Dynamik, Tempoangaben u.s.w. enthält, dass man sich einfach nach ihm richten mußte. Die Instrumentierung ist weitgehend von Hasse festgelegt worden, auch wenn es einzelne offene Fragen gibt, beispielsweise was Flöten betrifft. Ich habe drei Arien und einige Rezitative da und dort gestrichen. Aber extrem gekürzt haben wir nicht. Es ist keine  so lange Opera seria.„

Der hochvirtuose Opernstil Johann Adolf Hasses  verlangt naturgemäß barockerfahrene, auf historisch informierte Aufführungspraxis spezialisierte Musiker und Sänger. Deshalb hat man in Innsbruck das französische Ensemble Café Zimmermann engagiert, und ein exquisites Sänger-Ensemble zusammengestellt. Die Hauptpartie des Romolo singt Marina de Liso, Eleonora Buratto singt die sabinische Prinzessin Ersilia, und neben Netta Or, Johannes Chum und Paola Gardina singt die fabelhafte Robin Johannsen die Valeria. 

    

„Hasse ist ganz ander als andere Komponisten seiner Zeit. Jede Arie in der Oper ist wirklich  virtuos. Nach jeder Arie möchte das Publikum oder möchte ich klatschen. Jede Arie, und die meisten sind sehr lang, ist eine Herausforderung.  Man muß die Kunst der Koloratur absolut beherrschen, ohne darüber nachzudenken und man muß technisch absolut sicher sein.  Dann macht es wahnsinnig viel Spaß, Hasse zu singen."

Johann Adolf Hasse und der Librettist Pietro Metastasio, der erfolgreichste seiner Epoche, krönten mit „Romolo ed Ersilia“  ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit. Metastasio griff auf die römische Sage vom Raub der Sabinerinnen zurück: Ersilia, die Braut des Gründers von Rom, ist die Tochter des Fürsten Curzio, der so wie Acronte Herrscher über ein Reich in der Nachbarschaft Roms ist. Curzio und Acronte wollen Romolo entmachten und die geraubten Sabinerinnen befreien. Ersilia – eine Art vorgenommene „Aida“ - ist hin- und hergerissen zwi-schen Romolo, den sie liebt, und ihrem Vater, dem sie gehorcht. In ihrem Herzen spiegeln sich die Ereignisse in Rom mit den Machtansprüche Curzios und Acrontes und den Heirats-plänen Romolos, dessen friedliebendes Wesen schließlich ein „Happy end“ herbeiführt. Zwar ist Thema der Oper der Triumph Romolos, das heißt die glückliche Verwirklichung einer auf-geklärten und friedlichen Regierung, sowie die wundersame Geburt der Zivilisation aus der Barbarei. Doch dieser Herrscherapotheose wie sie Pietro Metastasio entwarf und Johann Adolph Hasse arienreich  (wenn auch musikalisch nicht sehr aufregend und originell) vertonte, schickt die Mythologie zwei grauenhafte Ereignisse voran: den Mord des Romolo anlässlich der Gründung von Rom an seinem Bruder Remus und den Raub der Sabinerinnen durch die Römer, um in der neuen Stadt heiratsfähige Frauen zu bekommen. Für die junge, gegenwärtig sehr gefragte Regisseurin Aniara Amos, die bei Achim Freyer und Peter Konwitschny lernte, kein leichtes Unterfangen, dieses Stück heute auf die Bühne zu bringen.

   

"Ja, und vor allem weil die Kunstgeschichte, als auch die Musikgeschichte immer in einer sehr abgespeckten Version mit diesem Thema umgehen, man aber als Regisseur erst Mal dem Werk verpflichtet ist. Und natürlich nicht versuchen sollte, noch etwas hineinzubringen, was nicht drinnen ist in dem Stück. Also ich will diese Brutalität, die damals stattgefunden hat, nicht ausblenden, will sie schon in das Werk einfliessen lassen, in die Konzeption, ohne aber dem Stück etwas draufzusetzen, was nicht in ihm vorhanden ist. - Also wir haben schon versucht, die Matrix, die diese Barockmusik bietet, auch in dem Bühnenbild wiederzugeben und in der Konzeption, aber so, dass für die Zuschauer ein relativ großer Freiraum  der Phantasie bleibt. Ich denke, das Barocke findet sich, wenn, dann in der Art der Körpersprache, und in der Art der Künstlichkeit, auch der Bewegungsabläufe. Und Und was das Thema Aktualisierung angeht: Es ist nicht meine Art, das Heute noch einmal auf die Bühne zu bringen, in dem Sinne, in dem ich es kopiere. Ich verstehe Theater vielmehr als eine Möglichkeit, Themen, die uns alle  immer und egal zu welcher Zeit interessieren, in einen Entwurf zu bringen, der sich nicht unbedingt an heutigen Dingen orientiert."

Wie auch immer man zur Aufführung stehen wird: In jedem Fall ist die Innsbrucker Aus-grabung der 200 Jahre vergessenen Oper eines der gefeiertsten Komponisten des 18. Jahr-hunderts ein herausragendes Ereignis im diesjährigen internationalen Festivalkalender.