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Dieter David Scholz

Rezension

DVD

Giuseppe Sinopoli and the Dresden Staatskapelle
The Two Eyes of Horus & Dreampaths of Music

  

 Giuseppe Sinopoli starb 2001 im Alter von nur 55 Jahren während einer Vorstellung von Verdis "Aida" an der Deutschen Oper Berlin. Sinopoli war Doktor der Medizin, er war Psychologe und Archäologe: Ein Intellektueller am Pult. Seit 1992 war er Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, die zu Europas ältesten Orchestern gehört und 1998 ihr 450-jähriges Bestehen feierte. Sinopolis große Leidenschaft, die Ärchäologie, speziell die ägyptische, brachte ihn  dazu, aus Anlaß des Dresdner Orchesterjubiläums ein Filmprojekt fürs Fernsehen zu realisieren, das die klassische Musik Europas mit der Kunst und Philosophie Ägyptens verbindet. "Die zwei Augen des Horus & Traumpfade der Musik" heißt der Film, der nun auf DVD erschien. 

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Am Anfang sieht man bestechende Wüstenbilder, man hört den Wind pfeifen, und die Dresdner Staatskapelle spielt unter Leitung von Giuseppe Sinopoli Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht". Dann hebt ein englischsprachiger Erzähler an: "Im alten Ägypten waren Sonne und Mond nicht nur die Symbole für Tag und Nacht, sondern auch für Leben und Tod. Die Ägypter nannten Sonne und Mond die beiden Augen des Horus, des Falkengottes."

So wie die deutsche Philosophie und Musik die zivilisatorische  Heimat Giuseppe Sinopols ist, ist Ägypten seine mythische. Die Beziehung des wohl eigenwilligsten Dirigenten seiner Generation zu Ägypten ist das Thema eines Films, den er als Gemeinschaftsproduktion des Hessischen Rundfunks, Radio Bremens und ARTE 1998 anregte. Anlaß war damals das 450 jährige Jubiläum der Dresdner Staatskapelle. Natürlich erfährt man in diesem Film mit dem verrätselten Titel "Die beiden Augen  des Horus" oder "Traumpfade der Musik" nichts über das Dresdner Renommierorchester und die Geschichte jener "Wunderharfe", wie Richard Wagner dieses Orchester  einst nannte, dafür aber viel über das Innenleben des Dirigenten Giuseppe Sinopoli und seine Einstellung zum Dirigieren, zur Musik schlechthin.

"Giuseppe Sinopoli begreift seine Studien des alten Ägypten als fundamental, denn er ist der Meinung, daß sie ihn in sein eigenes Unterbewußtsein führen."

Wenn Sinipoli Musik von Arnold Schönberg und Richard Strauss dirigiert, assoziiert er eine Vision des alten Ägypten.  Diese Beziehung zwischen Archäologie und Musik ist das Thema des Films. Aber nicht nur Schönberg und Richard Strauss sind zu hören auf dieser DVD, auf der man natürlich auch die Dresdner Staatskapelle und ihren Chef spielen bzw. dirigieren sieht, vor wechselnden Hintergründen, die mal sagenhaft ägyptisch, mal abstrakt, mal realistisch, mal ganz deutsch und recht  kunstbeflissen sind, wenn man etwa bei  Schumanns "Rheinischer", deutsch Landschaften und gotische Architekturen von Schinkel sieht.

Der Film wagt enen kühnen Brückenschlag von der ägyptischen Wüste zum deutschen Rhein  mit seinem Kölner Dom, durch den plötzlich kleine Pyramiden schweben. Computersimulaition machts möglich. Aber auch Dresden, das Elbflorenz wird gezeigt mit der Semperoper in schönstem Licht.  Freilich, der Sprung von einer Kultur in die andere, über tausende von Jahren und Erdteile hinweg ist nur  nachzuvollziehen für den, der Sinopolis Philosophie kennt. Leider erfährt der Zuschauer durch das  völlig überflüssige Booklet von Babette Hesse, darüber gar nichts. Und im Film sieht man den Dirigenten zwar beherzt durch die Wüste stapfen, und durch oberägyptisches Tempelareal, aber leider kommt Giuseppe Sinopoli auf dieser DVD selbst nicht zu Wort.

Giuseppe Sinopoli ist der Auffassung, daß jeder Mensch - psychologisch gesprochen - auf eine sehr individuelle Weise geschichtet ist. Dirigieren heißt für ihn, diese Schichten hörbar zu machen. Dirigieren heißt für Sinopoli aber auch, die Maske herunterreißen, die seiner Meinung nach jeder Mensch trägt. Demaskierung ist für Sinopoli Kunst, ist Offenbarung, auch in der Musik. Er könne nur Musik eines Komponisten dirigieren, dessen Maske auf sein Gesicht passe, saget er mir einmal: .

"Eigentlich ist diese Liebe für die Archäologie nichts anderes als meine Liebe (in meiner Jugendzeit) für die Medizin und die Musik. Alle 3 Fächer graben den Menschen aus. Bei der Medizin habe ich mich auf psychologische und psychoanalytische Aspekte akpriziert, die einen Teil des Menschen ausgraben, und bei der Archäologie gräbt man die alten Kulturen aus, die wahnsinnig viele Werte enthalten, die heute verloren gegangen sind. Um nur ein Stichwort zu nennen, die auch Nietzsche sehr wichtig ist: Das vorrationale System. Ein System, das nicht irrational ist, aber arational. Und das ist ein ganz wichtiges Moment, weil es sehr viel aufbricht." (Giuseppe Sinopoli) 

Wer sich mit Giuseppe Sinopoli beschäftigt, wer der Faszination dieser außergewöhnlichen Dirigentenpersönlichkeit erliegt, der kommt an dieser DVD nicht vorbei, denn sie führt in die ver-schlungenen Labyrinthe seines musikalisch-philosophisch-archäologisch-psychologischen Denkens, das die Grundlage seiner Musikausübung ist. Doch anders, als etwa in seinem postum erschienenen Roman "Parsifal in Venedig", in dem die verschiedenen, scheinbar unvereinbaren Gedanken-Fäden sich am Ende doch zu einem nachvollziehbaren Sinnzusammenhang verknäueln, scheint die Mon-tagetechnik der Musiken und der Bilder dieses Films willkürlich und in erster Linie dem Repertoire der Staatskapelle geschuldet.

"Die musikalische Reise endet auf den antiken Wassern des Nils, beim Tempel von Abu Simbel. Wie Abu Simbel ist der Kölner Dom ein Symbol von Ewigkeit. Für Sinopoli wird der Sinn von Schuld und Sühne im protestantischen Christentum überstrahlt vom Optimismus der alten ägyptischen Religion. Er findet denselben Optimismus in Beethovens Musik".

Und so schließt sich der Kreis dieses Films mit Beethoven. Am Ende werden die Schnitte immer härter, die Bildfolgen immer schneller und die Kamerafahrten und Computer-Tricks immer phan-tastischer: Mittelalterliche Rheinburgen, ägyptische Tempel und der Kölner Dom, Pyramiden und Deutscher Wald, Nil und Rhein, alles durchdringt sich. Farben- und Formenspiele schlagen Kaprio-len. Das Wort Kitsch drängt sich auf. Schade. Giuseppe Sinopoli und seine zugegeben unkon-ventionelle, aber doch hochinteressante Sicht auf Kunst und Archäologie, Ägypten und europäische Musik hätte bessere Regisseur als Pat und Barrie Gavin verdient.  

 

MDR Figaro, 21.6.2005

Mehr zu Sinopoli in meinem Buch:

 

 

 

Abmoderation:

Sie hörte einen Beitrag von Dieter David Scholz.

Die DVD "Giuseppe Sinopoli and the Dresden Staatskapelle

The Two Eyes of Horus & Dreampaths of Music" ist erschieen bei Arthaus. Die Bestellnummer lautet: 100502. 176,00 Minuten. Der Preis: 22,99 Euro