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Dieter David Scholz

Rezension

DVD

Antonin Dvořák: Rusalka
Opéra National de Paris, Regie: Robert Carsen
Musikalischen Leitung. James Conlon
TDK

 

 

Am 1. Juni 2002 hatte an der Pariser Bastille-Oper die Oper "Rusalka" von Antonin Dvořák Pre-miere. Publikum und Presse überschlugen sich vor Begeisterung. Die  Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen wurde als Sternstunde des Musiktheaters gefeiert. Jetzt ist diese Produktion des böhmischen Nixenmärchens als DVD beim Label TDK herausgekommen. Einzelheiten von Dieter David Scholz:

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Kein höfisches Tanzritual, kein klassisch-romantisches Ballettstück, keine konventionelle Einlage der Ballettkompanie  des Hauses ist in Robert Carsens "Rusalka"-Inszenierung zu sehen, wenn die Ballettmusik des zweiten Aktes erklingt: stattdessen schreitet beim Hochzeitsball des Prinzen die verblüffende Verfielfältigung der Protagonisten über die Bühne, lauter Rusalka- und Prinz-Klone, der Gipfel der psychoanalytischen Lesart dieser romantischen Oper. Schon das Libretto Jaroslav Kvapils sprengt durch die Verknappung des Märchens zum Psychodrama die Märchenidyllik des späten neunzehnten Jahrhunderts. Robert Carsen zeigt es – folgerichtig -  in seiner Pariser Insze-nierung  vollends als psychoanalytisches Stück über die Sehnsüchte und Ängste Rusalkas, die die amerikanische Sopranistin René Fleming mit unübertroffener Stimmschönheit, Ausdruckskraft und Gefühlstiefe verkörpert: eine schöne Frau, ganz in weiß, ohne jedes Undinenoutfit und -Getue:

Rusalka, die Nixe, die Mensch werden möchte, um geliebt zu werden, sie ist in der strengen, schönen Inszenierung Robert Carsens und seines Ausstatters Michael Levine  die einzige reale Figur auf der Bühne, neben dem von ihr geliebten Prinzen, alle übrigen Frauen einschließlich ihrer Nebenbuhlerin, der fremden Fürstin, sind nur Spiegelbilder und Verdoppelungen ihrer selbst und ihres Verlangns nach Liebe und Verständnis, nach Vertrauen und menschlicher Wärme. Die Männer der Inszenierung, der Wassermann – nobel verkörpert und gesungen von Franz Hawlata – und Rusalkas Liebesobjekt, der Prinz (Sergej Larin), beide im modernen Straßenanzug, sind nur gedoppelte Verkörperungen ein und derselben Sehnsucht nach dem Vater:

Sergej Larin als Prinz und Franz Hawlata als Wassermann,  auch sie fungieren nur als psycho-logische Vehikel in der "Rusalka"-Inszenierung Robert Carsens. Die ganze Märchenwelt besteht nur aus gespiegeltem Innenleben Rusalkas: Es ist zum Wahnsinnigwerden. Diesen Wahnsinn zeigt Carsen auf der Bühne. In einem großen blauen, die ganze Bühne ausfüllenden Wasserbecken spie-gelt sich vom Bühnenhimmel der Lieblingsspielplatz Carsens: das bürgerliche Schlafzimmer, ein Wiener Doppelbett mit Nachttischlämpchen. Mit der optischen Spiegelung von Wasserfläche und Schlafzimmer gelingt Carsen die Übertragung des Nixenmärchens in die Sphäre von Psychoanalyse und Traumdeutung. Seine konsequente Personen­führung, die Theatralik seiner klug durchdachten, einleuchtenden, ästhetischen Inszenierung, besticht durch Zeitlosigkeit, ja Aktualität ebenso wie durch bildhafte Poesie. Geradezu traum­haft ist das Lichtspiel seines Bühnenbildners Michael Levine, der blau wallende   Atmosphäre von fließendem Wasser, schwarze Nacht, weiße Schlaf-zimmerhelligkeit und pyrotechnische Effekte, etwa beim Einsatz der Zaubereien der Hexe Jezibaba, geschickt ineinander zu verweben weiß.

Larissa Diadkova ist als Hexe Jezibaba, die auch nur einen, den lasziven nämlich, den elementaren, den triebhaften Teil Rusalkas verkörpert, eine ebenso faszinierende Sängerin wie die singuläre Renée Fleming, gewiß die derzeit beste Rusalka-Sängerin.  Aber auch der Tenor Sergej Larin übertrifft als Prinz alle Erwartungen. So gut hat man ihn selten gehört. James Conlon am Pult trägt mit seiner analytischen-sensiblen Lesart vom Pult aus der psychologischen Inszenierung vollauf Rechnung. Ein Glücksfall! Die Produktion hat Modellcharakter. An ihr wird jede neue Interpretation des Stücks sich messen lassen müssen. Wer der Aufführungsserie in der Pariser Bastille-Oper vor zwei Jahren nicht beiwohnen konnte, hat nun Gelegenheit, dieses überragende  Opernereignis  auf DVD zu sehen und zu hören, in einer Ton- und Bildqualität, die verblüfft und keinen Wunsch offen läßt.

 

 

Dieter David Scholz

(DVD-TIP in MDR-Figaro, Journal am Vormittag am 17.02.04: