| Dieter
David Scholz
Rezension DVD Richard
Wagner: Der Ring des Nibelungen
Die Bayreuther Festspiele haben vor wenigen Tagen wissen lassen, daß der Filmregisseur Lars von Trier das Handtuch wirft und den geplanten "Ring" 2006 nicht inszenieren wird. Aus welchen Gründen auch immer. Wagners Nibelungen-Tetralogie ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen an jedes Musiktheater, szenisch wie musikalisch. Um so erstaun-licher, daß in den letzten Jahren außerhalb Bayreuths so viele "Ringe" aus dem Boden schossen, wie nie zuvor. Freilich ist nicht alles Gold, was glänzt, auch nicht in Sachen "Rheingold" etc. Einer der am meißten gepriesenen "Ringe" war eine Stuttgarter Produktion, die Intendant Klaus Zehelein 1999/2000 herausbrachte. Nicht weniger als 4 Regisseure inszenierten daran. Jetzt ist der Mitschnitt dieses Stuttgarter "Rings" beim Label TDK auf 7 DVDs erschienen und kann von jedermann daraufhin überprüft werden, ob er tatsächlich das vielbeschworene, he-rausragende Theaterereignis ist oder nur ein "Zeitgeist"-Event. _______________________________________________________________________ Weder Bergeshöhen, noch eine Götterburg sind zu sehen, wenn das Walhall-Thema im Stutt-garter "Rheingold" erklingt. Banale Alltagswirklichkeit stattdessen in einer altmodischen Bade-anstalt, in der ein Sängerensemble eingeschlossen ist. Hochtrabend könnte man vermuten, Re-gisseur Joachim Schlömer habe wohl die schweizerische Heilwasseranstalt Albisbrunn mit seiner Szenerie gemeint, in der Richard Wagner immer wieder seine diversen Haut- und Unterleibsprobleme zu kurieren versuchte. Doch Schlömer inszeniert mitnichten aus der ent-stehungsgeschichtlichen, der wagnerbiographischen Perspektive. Und doch ist dieses Rhein-gold – im Kurbad mit Sprudel- und Trinkbrunnen - noch der einleuchtendste der vier Abende dieser Tetralogie, die man in Stuttgart stemmte, mit vier Regisseuren. Neben Joachim Schlömer Christoph Nel, Jossi Wieler und Peter Konwitschny. So unterschiedlich wie die Handschriften der Regisseure fallen die einzelnen Teile dieses Rings aus. Gemeinsam ist ihnen allenfalls die Absicht, kein Ideendrama über die schuldhafte Verstrickung von Macht und Liebe, keine kapitalismuskritische politische Parabel des 19. Jahrhunderts zu erzählen, wie Patrice Chéreau es in seiner legendären Bayreuther Inszenierung von 1976 unternahm. Nein, dieser Stuttgarter "Ring" gefällt sich darin, Mythos und Pathos, Historizität und Politik zu demontieren. Robert Künzli, der im Rheingold den Loge singt, ist einer der wenigen Sänger dieses Stutt-garter "Rings", dessen Leistung mit dem Wort "Gesangskultur" zu würdigen ist. Weithin herrscht in diesem Ensemble enttäuschendes sängerisches Mittelmaß vor. Zu schweigen von schlimmerem, das einem ans Ohr dringt. Auch wenn man das Lamento über die Krise des Wagnergesangs wirklich nicht mehr hören mag: dieser Ring demonstriert die Berechtigung desselben noch einmal beispielhaft. Nach Schlömers kammerspielartigem, sehr konkretem "Rheingold" wird man in Christoph Nels "Walküre" ganz in die Innenwelt eines Psychogramms geworfen, ohne feste Örtlichkeit außer heutiger Kleinbürger-Alltäglichkeit in Ästhetik und Anspruch. Nichts gegen die menschliche Natur, die nicht immer nur schön ist. Aber es scheint, als dürften im heutigen Zeitgeist-Theater nur noch häßliche, monströs dickleibige, abstoßende und ekelhafte menschliche Physiognomien den Ton angeben. Um so wohltuender - neben einem stimmlich überforderten Robert Gambill als Siegmund - der Anblick Angela Denokes. Ihre Sieglinde ist stimmlich und optisch eine erfreuliche Erscheinung. Der Stuttgarter Ring beschäftigt neben vier Regisseuren auch drei hochdramatische Brünnhil-den, zwei Heldentenöre für den Siegfried und drei Wotan-Sänger. In der Walküre singt kein Heldenbariton, wie sonst üblich, den Göttervater, sondern ein hoher Baß, Jan-Hendrik Roote-ring. Er verleiht dem fast inzüchtig-erotischen Psychogramm der Vater-Tochter-Beziehung Wotan-Brünnhilde nicht nur stimmlich Nachdruck. Das Stuttgarter Experiment einer Ringinszenierung mit vier Regisseuren ist – wohlwollend gesagt – ein radiklaer Neuansatz nach vielen neuromantischen Versuchen, epigonalen Kopien und viel Theaterroutine und –Unverbindlichkeit, das monumentale Werk Wagners auf die Bühne zu bringen. Man mag darin den Willen zur postdramatischen Verweigerung stringenter Geschichten im Theater erkennen. Gewiß. Aber auch das Eingeständnis, Wagner und seine eindeutigen Intentionen nicht mehr ernstnehmen zu wollen, ja schlicht zu ignorieren. Ein Kulmi-nationspunkt des sogenannten Regietheaters darf dieser Ring deshalb genannt werden, in dem sich alle vier Regisseure beherzt und ungeniert über sämtliche Anweisungen Wagners, und über den gesungenen Text, der ja keinen Zweifel läßt, hinwegsetzten. Um ein Beispiel zu geben: Mime, der Ziehvater Siegfrieds, muß in der ersten Szene des "Siegfried", den Jossi Wieler – verglichen mit seiner Stuttgarter "Norma"-Inszeierung - erstaunlich blaß und ohne jeden doppelten Boden inszeniert – anstatt am Amboss zu hämmern in einer kleinbürgerlichen Küche Kartoffeln schälen und mit dem Schälmesser auf eine Aluminiumschüssel klappern. Warum, wird nicht verraten. Heinz Göhing singt diesen Mime in Jossi Wielers "Siegfried". Kein häßlicher Klein Zack, kein listiger, bösartiger Schwarzalbe, eher ein verklemmter Spießer, der bei seiner Drachenvision auf dem Sofa liegen und onanieren muß. Was dieser Regieeinfall zur Erhellung des Stücks beiträgt, mag jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. John Fredric Wests Siegfried als Schmuddel-Riesenbaby mit Wampe und schmieriger, kunstblonder Langhaar-Perücke ist alles andere als ein strahlender Held, und schon gar nicht der neue, freie Mensch des utopischen Revolutionärs Richard Wagner. Eher eine Lachnummer. In Peter Konwitschnys "Götterdämmerung" singt Albert Bonnema den Siegfried, immerhin stimmlich bemühter und kontrollierter als sein Kollege West. Aber auch dieser Siegfried wird lächerlich gemacht, denn er verrät im Theaterholzkasten Peter Konwitschnys seine Braut Brünnhilde für einen Gugelhupf. Er probiert Gutrunes Teig, bindet sich eine Schürze um und präsentiert ihn stolz als Hochzeitstorte. Gutrune versucht Brünn-hilde, die Verratene, zu versöhnen, indem sie ihr ein Stück Kuchen anbietet. Doch Brünnhilde zertrampelt das Gebäck wütend. Die Banalisierung des Mythos! Wagners Kosmogonie, sein Welterschaffungsdrama, seine politische Parabel aus dem Geiste Marxens, Bakunins und Schopenhauers ist in dem Stuttgarter Ring nicht mehr im Ansatz erkennbar. Daß man den "Ring" nicht mit Zwergen, Drachen, Riesen, Helden und Göttern inszenieren muß, daß man ihn ohne Gebirge, Feuer und romantischen Naturzauber auf die Bühne bringen kann, haben seit der Neubayreuther Entrümpelung Wieland Wagners 1951 Viele begriffen und szenisch demonstriert. Auf je unterschiedliche Weise. Doch der Stuttgarter Ring in seiner Verklein-bürgerlichung und Entledigung jedweden ursprünglichen Inhalts läßt den Zuschauer, den Wag-nerkenner wie den ganz normalen, einigermaßen ratlos sein. Brüche und psychische Krisen, Menschlich-Allzumenschliches und die Fragwürdigkeit aller mythologischen Versprechen und Verklärungen in psychologischer Genauigkeit darzustellen sind längst Selbstverständlichkeiten einer jeden "Ring"-Inszenierung. Worin geht dieser Stuttgarter "Ring" darüber hinaus? Welcher Zuschauer – Hand aufs Herz – versteht, was in diesem "Ring" eigentlich passiert und worum es geht in diesem 15 stündigen Spektakel? Es ist schon deprimierend, festzustellen, daß weder die Regisseure noch der Dirigent Lothar Zagrosek, der die musikalischen Fäden dieses Rings immerhin respektabel in Händen hält, Wagners immer wieder betonte Anforderung an seine Sänger zu kennen scheinen: nämlich wortverständlich zu singen und nicht zu schreien. In keiner seiner differenzierten Vortragsangaben schreibt Wagner das Wort "Schreien"! Daß er stattdessen der Wortverständlichkeit größte Bedeutung abverlangte, weiß offenbar in dieser Produktion kaum mehr jemand. Am wenigsten die Brünnhilde der Luana de Vol, die den Schlußgesang im roten, zweiteiligen Straßenkostüm, mit einem Papp-Steckenpferd in der Hand, vor dem geschlossenen Holzkasten Konwistchnys mit ohrenbetäubender Phonstärke singt, soweit man von Singen reden darf, bei eingeschaltetem Zuschauersaal-Licht, bevor der Vorhang runtergeht und die Finalmusik rein konzertant und kommentarlos dem Zuschauer überlassen wird .
Dieter David Scholz (Beitrag für MDR-Figaro am Vormittag 8.6.2004)
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