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David Scholz
Rezension DVD NVC ARTS der Warner Music Group 1926 wurde Leoš Janáčeks Oper "Die Sache Makropulos" in Brünn uraufgeführt. Eine Oper ohne Arien und mit phantastischer, ja utopischer Handlung, frei nach einer Komödie von Karel Čapek. Sie wurde zwar ein Uraufführungserfolg, aber es gab vor dem zweiten Weltkrieg nur eine einzige weitere Aufführung, die Deutsche Erstaufführung unter Josef Krips 1929 in Frank-furt am Main. Erst in den Sechzigerjahren wurde das musikalische Kriminalstück über Unsterb-lichkeit von Sir Charles Mackerras in London wiederentdeckt. Mit Elisabeth Söderström hat er die bis heute unübertroffene Schallplatteneinspielung vorgelegt. Aber erst durch die Inszenierung Nikolaus Lehnhoffs beim Glyndebourne Festival 1995 mit Anja Silja in der Hauptpartie der Emilia Marty trat das Stück seinen triumphalen Siegeszug an. Jetzt ist diese Produktion des Glyndebourne Festivals auf DVD erschienen. * Es ist eine suggestive, geradezu hypnotische Musik, die Janáček in seiner drittletzten Oper schrieb, zwei Jahre vor seinem Tod brachte er sie heraus. Er verzichtete zugunsten einer vom gesprochenen Wortakzent her gestalteten Tonsprache weitgehend auf alle opernhaften musikalischen Formen, zumal im Gesang. Was insbesondere die durch das ganze Stück geisternde Partie der Emilia Marty zu einem sängerischen Parforceritt einer jeden Darstellerin macht. Zu schweigen vom schauspielerischen, denn sie muß tatsächlich eine durch die Jahr-hunderte hindurch lebende, nicht sterben wollende Frau in immer neuen Gestalten darstellen. Eine Frau, die seit den Zeiten Kaiser Rudolfs des Zweiten aufgrund eines von ihrem Vater für den Kaiser entwickelten und an ihr getesteten Lebenselixiers unsterblich ist, jedenfalls 330 Jahre lang. Die sind nun abgelaufen. Deshalb greift sie in einen Rechtsstreit ein, der sich seit 100 Jahren hinzieht, um an das durch die Generationen erhaltene und weitergereichte geheimnisvolle Dokument zu kommen, das die Formel des Lebenselixiers enthält. Eine Partie, wie geschaffen für die Sängerdarstellerin Anja Silja, die seit 50 Jahren auf der Bühne steht, und so oft wie keine ihrer Kolleginnen die Partie der Emilia Marty verkörperte. Nikolaus Lehnhoff hat seine Inszenierung ganz auf die Silja zugeschnittenen. Sie spielt und singt die Partie ihres Lebens mit einer gesanglichen Intensität und darstellerischen Raffinesse, die einen von Anfang an in Atem hält. Lehnhoff zeigt sie als Dame von Welt, als Opernsängerin in einem phantastischen Pfauenfedern- und Straßkronen-Kostüm des Art Deco, als betrunkene Leder-Domina und zum Schluß nur in einem hauchdünnen, durchscheinenden schwarzen Unter-rock, als die Silja ganz privat. - Tobias Hoheisel hat ihr einen mit Bücherwänden zur Anwalts-kanzlei, mit Samtvorhängen zum Theater und mit Gletscherprospekt zum eisigen Sterberaum geeignete Bühne gebaut, einen Laufsteg ihrer verschiedenen Facetten gewissermaßen, auf dem unentwegt eine barocke Statue des Chronos, des Gottes der Zeit also, aber auch alle möglichen Requisiten, Reisekoffer und Möbel auf Laufbändern vorbeiziehen. Die Zeit wird dort zum Raum. Die Silja schreitet wie eine Medea durch die Zeiten, in wechselnden Kostümierungen. Sie ist – eingebettet in ein ausnahmslos hervorragendes Ensemble, aus dem Kim Begley und Victor Braun herausragen, vom Dirigenten Andrew Davis auf Händen eines bestdisponierten London Philharmonic getragen, schlichtweg ein Ereignis. Sie steht Elisabeth Söderström an Schön-gesang zwar deutlich nach, aber ihre darstellerische Aura, Größe und Faszination ist - heute jedenfalls - konkurrenzlos. Die "Kindertrompete", wie Wieland Wagner sie nannte, Anfang der Sechzigerjahre, als er die Zwanzigjährige für Bayreuth und die Wagnerpartien entdeckt hatte, ist hier noch immer stimmlich fulminant als Janacek-Tragödin zu erleben. Trotz ihrer 64 Jahre ist die Silja noch immer eine Femme fatale, die Jugendlichkeit ausstrahlt. Und sie ist eine unopernhafte Sängerin von enormer darstellerischer Wandlungsfähigkeit. Die Silja ist als Emilia Marty ganz Dame, sie ist aber auch besoffene Hure, sie ist eitle Primadonna, cooles Vamp und zartfühlende Frau, am Ende Privatmensch. Man muß die Silja in dieser Partie gesehen haben. Der Fernseh- und Videoregisseur Brian Large hat die Aufführung in der nun erhält-lichen DVD-Fassung – die in tschechisch gesungen, aber deutsch untertitelt ist - sehr intim und untheaterhaft ins Bild gesetzt. Auch der Ton ist makellos. Für alle an dem Stück Interessierten, zumal für alle Silja-Verehrer ist diese DVD ein unbedingtes "Muß". Wer Anja Silja in dieser Inszenierung live erleben möchte, hat in der Deutschen Oper Berlin ab dem 24. Juni 2004 Gelegenheit dazu, denn die Produktion aus Glyndebourne wird dort noch einmal für eine Aufführungs-Serie zu Gast sein. DVD-Tip für Figaro am Vormittag, 27.4.2004:
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