| Dieter
David Scholz
Rezension DVD Jacques Offenbach:
Les Contes d´Hoffmann TDK 2 Discs (DV-OPLCDH) Die phantastische Oper "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach ist bis heute eine der erfolgreichsten Opern des Repertoirs. Aber es ist auch eines der aufgrund der ver-schiedenen erhaltenen Fassungen schwer zu realisierenden Werke des Musiktheaters, wenn man es jenseits behaglicher Biedermeier-Äshetik auf die Bühne bringen will. Geradezu eine Sternstunde des Musiktheaters war die im März 2002 an der Pariser Bastille-Oper heraus-gekommene Neuinszenierung von Robert Carsen. Die spektakuläre Produktion des Stücks hatte Publikum und Presse gleichermaßen begeistert. Die Wiederaufnahme der Inszenierung 2002, mit veränderter, hochkarätiger Sängerbesetzung, ist aufgezeichnet worden und jetzt beim Label TDK als Doppel-DVD erschienen. Der Vorhang geht auf, der Schriftsteller Hoffmann liegt auf den schwarzen Brettern der nack-ten Bühne, er säuft aus der Flasche und kritzelt seine Einfälle auf herumliegende Papierzettel. Man denkt an Heinrich Heine in seiner Matratzengruft. Die Muse erscheint wie eine Loreley mit langen blonden Harren und einer Harfe in der Hand, sie will ihn – um der Kunst willen - vor Liebesleidenschaft bewahren. Vergeblich, denn Hoffmann hat sich in die Primadonna Stella verliebt, die gerade Donna Anna in Mozarts Don Giovanni singt. Und Regisseur Robert Carsen läßt ein komplettes Don Giovanni-Bühnenbild in Zeitlupe von links nach rechts einmal über die Bühne fahren, mitsamt aller Kulissen, Darsteller in historischen Kostümen, im Vor-dergrund Donn Anna in prachtvoller weißer Krinoline. Er zeigt in seiner Inszenierung Theater auf dem Theater, die Hoffmann-Handlung gleichzeitig mit der Don Giovanni-Handlung, immer wieder durchdringen sich die beiden Stücke. "Theater-im-Theater-Vexierspiele". Und so wird Luthers Weinkeller zur modernen Theaterkantine, in der schickes Premieren-Publikum und Darsteller in Maske in Kostüm gemeinsam dem Alkohol zusprechen. Zurecht wird der amerikanische Tenor Neil Shicoff als Hoffmann vom Publikum gefeiert, er ist ein Sängerdarsteller von seltener Ausdrucksintensität, stimmlich wie schauspielerisch. Aber auch der walisische Heldenbariton Bryn Terfel, der die Bösewichter in der Oper singt, ist schon bei seinem ersten Auftritt als Hofrat Lindorf, den Theaterdirektor mimend, groß in Form. Robert Carsens minutiös ausgearbeitete Inszenierung von Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" zeigt keine deutsche Weinstube, kein physikalisches Kabinett, kein Biedermeier-Künstlersalon, kein Gondel-Venedig. Da Stück spielt durchweg und nur im Theater, dabei in zwei Stücken gleichzeitig, die Ebenen durchdringen sich: Reflexion und Handlung des Hoffmann, Erzählzeit und erzählte Zeit, Traum und Alptraum. Désirée Rancatore macht die Puppe Olympia zur lackglänzenden, staksig-pummeligen, nymphomanischen Puppe. Ein Barbiepuppen-Zombie, der abenteurliche, nie gehörte Koloraturen singt und manchen Spitzenton in frivoles Licht taucht: Der Olympia-Akt endet mit der Zerstörung des singenden, kokettierenden, fleischeslustigen Automaten und der Desillusionierung Hoffmanns. Der Theatervorhang schließt sich, die Bühne fährt hoch, ein imaginärer Orchestergraben schiebt sich aus der Unterbühne nach. In diesem erhöhten Orchestergraben findet der Antonia-Akt statt. Und es ist nur konsequent, wenn Robert Carsen in seiner Pariser Inszenierung, übrigens in der alten, nur um einige neu ge-fundene Nummern angereicherten Choudens-Fassung, den dritten Akt im fiktiven Zuschauer-raum spielen läßt, den er auf der Hinterbühne hat aufbauen lassen. Zu den Klängen der Barcarole wogen die Sitzreihen wie Wellen hin und her, das Publikum, das sich um Béatrice Uria-Manzon als Kurtisane Giulietta schart, pussiert, fummelt und entkleidet sich hemmungs-los. Ein gleichermaßen laszives wie lächerliches Bild von ironischer Wirkung: Auch die Kurtisane beschert Hoffmann, wie man weiß, kein Glück. Sie zieht mit ihrem Zu-hälter ab. Im Epilog geht die Aufführung des Don Giovanni im selben Moment zuende, in dem Hoffmann seine Klein-Zack-Erzählung beendet. Seine Muse kommt als Sirene Loreley zu ihm zurück und zieht ihn im Lichtstrahl über die schwarze, nackte Bühne nach hinten, während der Chor der unsichtbaren Geister das Fazit singt. Eine berührende, eine amüsante, hoch-intel-ligente und in ihrer unkonventionellen Theatralik und surrealen Vermischung der Traum- und Wirklichkeitsebenen, der Gleichzeitigkeit des Ungleichen so plausible wie suggestive Auf-führung, die auch musikalisch von Jesus Lopez Cobos auf hohem Niveau gehalten wird.
MDR
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