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Rezension

DVD

Maria Callas
The Callas Conversations
with Lord Harewood & Bernard Gavoty
EMI - classic archive

 

La Divina wird sie genannt: Maria Callas, Ikone des Operngesangs schlechthin und eine der herausragendsten Sopranistinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Viel ist über sie geschrieben worden. Ihre Schallplatten und CD-Veröffentlichungen erscheinen in immer neuen Kompi-lationen und klangrestaurierten Editionen. Es gibt einige Porträt-Filme über die Callas auf Video. Jetzt ist beim Label EMI Classics eine DVD erschienen mit drei so auf-schluß-reichen wie ungewöhnlichen Gesprächen, die die Callas jenseits aller Legenden, Verklärungen und Star-Idealisierungen zeigen. 

"La Sonnambula" war eine der Paradepartien, mit denen sie ihr Publikum der Mailänder Scala, an der sie sieben Jahre triumphierte, immer wieder betörte und mit der sie zu dem wurde, als was sie schon zu Lebzeiten galt, jedenfalls seit Anfang der Fünfzigerjahre: als Star, als Diva, ja als Göttin der Opernwelt ihrer Zeit. Als solche wird sie von dem britischen Adligen, der vom Opernkritiker zum Verleger, Musikageten, Covent-Garden-Manager und zum Chef des renommierten Glynde-bourne-Festival avancierte, von Lord Harewood schon zu Beginn des ersten seiner beiden Interviews gewürdigt, die auf der neuen DVD des Labels EMI zu sehen und zu hören sind. Beide etwa dreiviertelstündigen Interviews sind 1968 in Paris fürs Fernsehen aufgezeichnet worden. Und zwar in der luxuriösen Privatwohnung der Diva, was den Gesprächen zu Intimität, ja Privatheit verhilft. Diese Gespräche fanden statt zu einem Zeitpunkt, als die Callas ihre Glanzzeit schon hinter sich hatte, aber auch ihre tragischen Liebesverhältnis mit dem italienischen Industriellen Meneghini, der sie ausgenutzt hatte und mit dem griechischen Multimilionär und Reeder Onassis, der sie Jacky Kennedy wegen fallen gelassen hatte. Ihre Bühnenkarriere neigte sich bereits dem Ende zu, sie war für ihre Zeitgenossen schon zur Legende geworden. Um so erstaunlicher wie unprätentiös, wie zerbrechlich, selbstbewußt zwar, aber doch selbstkritisch, und uneitel sie in den Gesprächen mit dem Lord auf dem Sofa über sich, ihre Kunst und ihre Karriere Auskunft gibt, ganz ohne Star-Allüren oder eitle Gespreiztheiten, dafür mit einer Ernsthaftigkeit und Beredtheit, die man konservativ nennen mag, weil sie weiß, wovon sie spricht. Zumal, wenn sie dafür plädiert, daß das Publikum im Theater  etwas Besseres und Anderes erwarten dürfe, als was es im Alltagsleben tagtäglich erlebe:

"I believe that in the theatre one goes to see and feel sometihing better what he usually has in life. We have enough of miserable situations within life. If we go to the theatre, when the public goes out, when he is improved a breath better and says: well, there is something really worth for. I thing that is our main purpose. Now how we go about that I don´t care so long we succeed in that."  

Egal wie man es erreiche.: das Publikum müsse beglückter und vielleicht verbesserter aus dem Theater gehen, als es hineingegangen ist. Das ist die Botschaft der Callas, frei nach Schiller, könnte man sagen. Aber sie meint es nicht pathetisch. Es ist ihr praktisches Credo, das sie mit vielen konkreten Beispielen  zu untermauern und zu konkretisieren weiß. Zuallererst natürlich mit dem, was sie über den Geist und die Technik des Belcanto zu sagen hat, die sie von ihrer Lehre-rin Elvira de Hidalgo gelernt hatte. Erstaunlich, daß sie, die am Anfang ihrer Karriere, am Teatro La Fenice 1949 ihre erste Brünnhilde sang, und schließlich auch eine Isolde, daß sie felsenfest der Überzeugung ist, daß Wagner der Stimme nicht schade:

"Wagner could never hurt your voice if you know how to sing well. If you don´t push the sound. You should never push the sound. You should always sing lightly and within the note"  

Wagner dürfe niemals mit gepreßter und forcierter Stimme gesungen werden. Diesen Satz der Callas sollten sich alle heutigen Wagnersänger und "Schreikünstler" zu Herzen nehmen. Aber auch manche andere gesangstechnischen Wahrheiten, die die Callas auf dieser DVD offenbart. 

Der Dirigent Tullio Serafin, einer der führenden und einflußreichsten Dirigenten der Welt, nicht nur der Mailänder Scala in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, er hat ihr die letzten Techniken und Geheimnisse des Singens vermittelt. Die Begegnung mit ihm beschreibt sie als eine der glück-lichsten in ihrem Leben:

 "That was one of the many lucky things in my life, because he tought me that there must be an expression, a justification in music, he told me exactly the depth of music. "  

Den Sinn für die  Tiefe und den Ausdruck der Musik habe Tullio Serafin ihr also nahegebracht. Es war ihr ein Kernanliegen auf der Bühne wie im Konzertsaal, glaubwürdig und perfekt zu sein. In dem beigefügten, zwar nur zwölfminütigen, aber eindrucksvoll berührenden Gespräch, das der etwas kapriziöse Pariser Musik- und Fernsehjournalist Bernard Gavoty mit Maria Callas 1965 - in bestem Französisch übrigens, führt,  bekennt sie, die Sorge, sich selbst und ihrer Kunst nicht gerecht zu werden, nie verloren zu haben. Und sie offenbart in erstaunlich unverhohlener Sensibilität, ja sympathisher psychischer Zerbrech-lichkeit, ihre Angst davor, von Gefühl überwältigt zu werden, im Leben wie auf der Bühne.

Wer kennt die Callas nicht mit dem "Vissi d´arte, vissi d´amore"? Puccinis Tosca, eine der Partien, mit deren Gestaltung sie in die Operngeschichte einging, bezeichnet die Callas als einen hoffnungsvollen Fall von weiblicher Hysterie. Es sei zwar eine interessante Theater-Studie einer Sängerin, aber keineswegs ihre Lieblingspartie. Man ist erstaunt. Auch Bizets Carmen kann die Callas, so sagt sie unverhohlen, überhaupt nichts Spanisches, nichts eigentlich Weibliches an sich und schon gar nichts Glaubwürdiges auf der Bühne abringen. Glaubwürdigkeit ist ein Schlüssel-begriff ihrer Kunst. Sie schätze die Novelle Prosper Mérimés mehr als die Oper Bizets. Eher könne sie sich mit  Norma und La Traviata identifizieren, als mit Carmen, weil das Figuren und Charaktere sind, die, so unterschiedlich ihr Schicksal sei, sie doch psychisch glaubwürdig vermitteln könne auf der Opernbühne. Es seien zu Selbstüberwindung und Verzicht fähige Frauen, mit denen sie sich identifizieren könne. Ein anrührend tragischer Unterton ihres von Anfang an verunglückten Privatlebens läßt ihre Stimme weicher werden und verleiht ihrem Lächeln Wehmut.

"They both are noble, can I say purified at the end. Either if you are healthy or not healthy, if you are noble enough to reach this hight and to liberate yourself them becomes... May be  I´m  a romantic sentimentical fool... "   

Eine ganz so hoffnungslose Romantikerin, als die sie sich erklärt, ist Maria Callas denn doch nicht. Immerhin lernt man in diesen drei bewegenden Interviews mit Lord Harewood und Ber-nard Gavoty, daß die Legende von der Primadonna Callas eine Legende ist, und daß die Callas in Wahrheit eine fragile, große Künstlerpersönlichkeit ist, die Leben und Kunst nicht voneinander trennen konnte und wollte. Nur wer Oper  wie Leben begreife und ernst nehme, nur wer so singe und spiele, als ginge es ums Leben, ja Überleben, der überzeuge das Pub-likum und legitimiere die dramatische Gattung der Oper, die sie selbst als eine altmodische durchaus verstanden wissen will.

 "Live should always be put in the music, because it is a drama or it is a comedy. These are alive people, or supposedly. So we can´t be away from live."  

Wer sie kennenlernen will, die echte, die lebendige und - in aller Kunst - dem Leben so zugewandte Callas,  jenseits aller Verklärungen und  Stilisierungen, der sollte sich diese Ge-spräche unbedingt anschauen und anhören! Neben den immerhin knapp 105 Minuten kon-zentrierter Konversation  sind auch einige Kostproben ihrer Gesangskunst  beigefügt, Kon-zertauftritte der Callas mit Arien von Massenet, Bellini und Puccini. Technische Qualität und wahlweise viersprachige Übertitelung, aber auch Menüführung dieser DVD sind tadellos. Callas-Verehrer, aber auch alle an Opern- und Gesangskunst grundsätzlich Interessierten kommen um diese DVD nicht herum!

 

 

Dieter David Scholz

(DVD-Rezension für MDR-Figaro, Journal am Vormittag, 6.1.2004):