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Rezension

DVD

Il Bacio di Tosca                                                               

Film von Daniel Schmid, EMI DVD 5 99784 9 9, 87 Minuten

 

Daniel Schmidt, Jahrgang 1941, hat in Zürich und Genf eine ganze Reihe von Opern inszeniert, vor allem aber 12 Filme gedreht. Sein Film "Il Bacio di Tosca" aus dem Jahre 1984  ist vielleicht sein bewegendster. Es ist eine Dokumentation über eine einmalige Mailänder  Institution, über das von Giuseppe Verdi gestiftete Künstler-Altersheim. Der Film ist jetzt auf DVD erschienen.

 

Sie sind alle zwischen sechzig und fünfundneunzig  Jahren alt, sie alle sind Musikausübende, ehe-malige Bühnen-Künstler, Musiker, Sänger, Musikprofessoren, und sie alle singen natürlich immer wieder Verdi, denn ihm verdanken sie schließlich einen gesicherten Lebensabend.

An der Piazza Buonarotti, einem belebten, stark befahrenen Platz am westlichen Innenstadt rand von Mailand, zwischen der Piazzale Giulio Cesare und der Piazza Wagner, steht sie, die "Casa di riposo per musicisti fondazione Verdi". Giuseppe Verdi hat dieses Künstler-Altersheim in seinen letzten Lebensjahren mit gewaltigem finanziellem Aufwand errichten lassen, und er hat eigens eine Stiftung ins Leben gerufen, die die Existenz desselben nach seinem Ableben sichern sollte. Bis in die Sechzigerjahre lebte die Casa von den Autorenrechen Verdis. Seither ist sie angewiesen auf Spenden, auf staatliche Unterstützung, auf Freunde und Mäzene.  

Im Ratssaal der Casa Verdi, dem zweiten Heiligtum des Hauses neben der Krypta, in der Maestro Verdi auf eigenen Wunsch begraben wurde, erläutert die Verwaltungsdirektorin die heutigen Probleme des Hauses, die vor allem finanzieller Natur sind.   Daniel Schmidt ist es zu verdanken, daß diese beispiellose Institution nicht vergessen wird. Sein Film ist nicht nur eine sensible, anrührende  Dokumentation über die Casa Verdi heute, er ist auch ein starkes Plä-doyer für Kunstausübung im Alter, ja eine Liebeserklärung an die alten, vergessenen, aber noch immer höchst lebendigen, auf liebenswerte Art schrulligen Menschen und Künstlerindividuen, die in diesem Hause leben. Im Mittelpunkt die zum Zeitpunkt der Filmaufnahme 78-jährige Sopra-nistin Sara Scuderi, eine zu ihrer Glanzzeit berühmte Puccini- und Verdi-Sängerin an der Scala, in Neapel, in Brüssel, in Venezuela und Mittelamerika. 

Gemeinsam mit ihrer Pflegerin singt Sara Scuderi im Flur stehend das "Vissi d´arte" aus Puccinis Tosca. Pflegepersonal und Bewohner sind fast so etwas wie eine große Familie in der Mailänder Casa Verdi, auch wenn der Pförtner und eine der Pflegerinnen sich ein bißchen lustig machen über die zum Teil etwas verschrobenen und eigenwilligen Insassen des Altersheims:

Es seien eben Theaterleute mit ihren eigentümlichen Manieren, Künstler, Menschen mit kleinen Fehlern und großen Eitelkeiten. Man lebe in diesen Mauern nicht in der Gegenwart.

Immer wieder alltägliche Musikausübung in der Casa Verdi. Erstaunlich, welche Rolle das Feilen um die bestmögliche Interpretation, das Ringen um den richtigen Stil, um Nuancen der Phrasierung, welche Rolle die Musikausübung noch bei den ältesten Bewohnern dieses Künstler-Altersheims spielt. Daniel Schmidt hat  das in seinem 85 Minuten dauernden Film in intimer Anschaulichkeit eingefangen. Man kann die alten Leute beim gemeinsamen Mittagessen ebenso beobachten wie beim Kartenspielen oder beim gemeinsamen Konzert, sie geben stolz und freimütig Auskunft über ihr Leben, ihre Karriere und ihre Auffassung von Musik, die noch von Moralität, Disziplin und Achtung vor den alten Meistern geprägt ist.  Und sie alle leben noch als Greise und Greisinnen in diesem besonderen Altersheim den Alltag als Oper, was zueilen grotesk, aber liebenswert erscheint, beispielsweise wenn einer der alten Herren, seines Zeichens Bariton,  in der Telefonzelle die greise Signora Scuderi erblickt, die ehemalige Tosca-Interpretin an der Scala,  und plötzlich in die Rolle Scarpias im zweiten Akt fällt und dessen Tod spielt. Und die Scuderi – mitten auf dem Flur des Altersheims - spielt natürlich mit... Und wirft dem sterbenden Scarpia einn Kuß zu...

Leben als Theater, Überleben als Oper, Alltag als Comedia dell´Arte. Die alten Herrschaften in der Mailänder  Casa Verdi machen es in Daniel Schmids 1984 gedrehtem, und jetzt endlich auf DVD erschienenem, unbedingt sehenswerten Film eindringlich und überzeugend vor. Und wenn sie nicht gestorben sind (wie inzwischen Signora Scuderi und Signora Sani), dann singen sie noch heute.

 

DVD-Tip für MDR-Figaro, 7.12.04