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Dieter
David Scholz
Rezension
Etikettenschwindel
Sigiswald Kuijkens "Zauberflöte"

Noch eine "Zauberflöte"!
Bis heute ist sie in den Theater-Statistiken wie in den Platten-katalogen
die Nummer Eins. Kaum ein Werk der Operngeschichte wird so oft aufgeführt
und ist ist so oft aufgenommen worden. Auch die "Historische
Aufführungspraxis" hat sich der so populären wie rätselhaften "Zauberflöte"
längst angenommen. Arnold Östman, John Eliot Gardiner und William Christie
haben ihre Versionen veröffentlicht, von den "modernen" Inter-pretationen
ganz zu schweigen. Nun legt auch Sigiswald Kuijken zur Komplettierung seiner
Mozart-Aufnahmen nach. Von "radikaler Authentizität" ist die Rede im Booklet
der Pro-duktion, die innerhalb des Festivals Intenational d´opéra baroque de
Beaune in der Basilika Notre Dame aufgenommen wurde. Ein Lippenbekenntnis,
sonst nichts, denn die Dialoge sind stark gekürzt, die Tempi sind – wie so
oft bei Kuijken - willkürlich gewählt. Rasante, dra-matische Passagen
wechseln sich mit extrem langsamen ab, die den Zeitfluss bremsen. Wo fast
alle Zauberflötenaufnahmen mit zwei CDs auskommen, benötigt Kuijken derer
drei. Der dröge Gesamteindruck dieser "Zauberflöte" ist indes nicht den
Musikern anzulasten, die zuweilen sogar recht flott, durchweg transparent,
klangschön und mit kluger, pointiert "dialogischer" Artikulation und
Phrasierung. Schlimm sind allerdings die (trotz Kürzungen) schier endlos
wirkenden Dialoge. Es sind gestelzte, hochpathetische Rezitationen in
altmodisch "opernhaft" wirkendem Burgtheaterton. Kuijken mag unter Berufung
auf das Traktat "Über die Zeitmessung in der deutschen Sprache" von Heinrich
Voss noch so sehr die "Wortfüße" von "künstlich-reguliertem Rhythmus" in der
Mozartzeit als Grundlage einer "erhabenen Sprache" der Bühne beschwören.
Seine Dialogkonzeption mit (wieder einmal der deutschen Aus-sprache nicht
mächtigen Sängern) ist langweilig, ja einschläfernd und ärgerlich. Auch
sänge-risch ist die Aufnahme keineswegs spektakulär. Die vielen
Konkurrenzaufnahmen verzeichnen weit beeindruckendere Besetzungen in allen
Partien. Isolde Siebert – inzwischen über den Zenit ihrer sängerischen
Möglichkeiten hinaus – singt eine allzu mütterliche Königin der Nacht, kann
aber immerhin mit Intelligenz der Gestaltung ihre stimmlichen Defizite
wettmachen. Christoph Genz ist nicht mehr als ein anständiger Tamino, Suzie
LeBlancs Pamina erfreut immerhin durch betörendes Timbre und kristallene
Klarheit ihres warmen, gut geführten Soprans. Cornelius Hauptmann ist als
Sarastro allerdings überfordert und gänzlich unglaub-würdig. Auch nicht
gerade aufregend ist der Papageno von Stephan Genz.
Warum Kuijken die
"Zauberflöte", deren "Wiener Originalfassung" er dirigiert haben will, ein
"Singspiel" nennt, bleibt so fragwürdig wie manches andere dieser recht
heterogenen Einspielung, zumal auf dem Theaterzettel der Uraufführung im
Freihaustheater auf der Wieden am 30. September 1791 die "Zauberflöte" ohne
wenn und aber "Eine grosse Oper in zwei Akten" genannt wurde. Es mutet
reichlich verblasen an, was im Booklet der Aufnahme über das Verständnis des
Werks zu lesen ist: Kuijken fordert "naives" Zuhören, schreibt von
"Initiation" des Zuhörers und appelliert an die "Sehnsucht nach höherer
Geistigkeit, nach einer Sphäre der Versöhnung". Wie auch immer man Mozarts
populärstes (wenn auch proble-matischstes) Werk verstehen mag, ob als
Mysterienspiel vom Weltkampf der Urmächte, als Zaubermärchen,
Maschinenkomödie oder Freimaurerparabel mit antifeudaler wie antikle-rikaler
Stoßrichtung aus der Perspektive der Illuminaten (wie Helmut Perl in seinem
Buch "Der Fall Zauberflöte" zuletzt sehr überzeugnd darlegte): so läppisch
und langatmig wie bei Kuijken darf eine Neuaufnahme ausgerechnet dieser so
oft eingespielten Oper nun wirklich nicht daherkommen. Wenn denn eine
(soweit als möglich) an der Uraufführung orientierte Einspielung überzeugt,
ist es nach wie vor die von Arnold Östman mit seinem Drottningholmer
Ensemble.
W.A. Mozart: Die Zauberflöte
Singspiel in zwei Akten in der originalen Fassung: Wien
1791.
Königin der Nacht, Isplde Siebert.
Pamina, Suzie LeBlanc. Tamino, Christoph Genz. Sarastro, Cornelius
Hauptmann. Papageno, Stephan Genz. Papagena, Marie Kuijken. Monostatos,
Philip Defrancq. Sprecher, Stephan Schreckenberger. u.a.
Chor und Orchester La Petite Bande
Sigiswald Kuijken
AD: 2./7.4. 2004
Amati SACD ami 2301/3 (3 SACDs, 157´41 Min.)
Opernwelt
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