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Dieter
David Scholz
Rezension
Richard Wagner:
Tristan und Isolde.
In der Einspielung Wilhelm Furtwänglers.
Begleitend
kommentiert von Peter Wapnewski.
Der Hörverlag. 6 CDs,
69,95 €

Anmoderation:
Peter Wapnewski,
Jahrgang 1922, ist, aller jüngsten, so fragwürdigen wie unfairen Unter-stellungen in Sachen
seiner Jugend ungeachtet, einer der renommiertesten und verdienstvollsten
Germanisten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist der
große alte Herr der Alt-Germanistik in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts. Vor allem als Mediävist, also als Spezialist für die alt- und
mittelhochdeutsche Sprache und Literatur hat er mit seinen auch stilistisch
brillanten Veröffentlichungen Wissenschaftsgeschichte geschrieben, die
beweist, daß Wissenschaft nicht „akademisch“ sein muß. Er hat seiner Zunft
den Bart abgeschnitten und aus der Germanistik den akademischen Staub
geblasen. Durch die Rezeption des Mittelalters wurde er zum
„Wagnerianer“. Zu einem von denen, auf die es ankommt, wie der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus einmal meinte. Im SFB, dem heutigen RBB,
hat er 2002 in einer 26-teiligen Sendereihe Wagners Œuvre kommentiert.
Darunter auch "Tristan und Isolde". Auf 6 CD´s ist diese "Tristan"-Kommentierung
jetzt im HORVERLAG erschienen. Einzelheiten von Dieter David Scholz.
Beitrag beginnt mit Musik!
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Wapnewski, CD 2 R. Wagner:
Tristan HÖRVERLAG
Vorspiel Akt II - Ausschnitt
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Wilhelm Furtwänglers 1952
eingespielte "Tristan"- Aufnahme mit Kirsten Flagstadt und Ludwig Suthaus
ist hinsichtlich ihrer maßstabsetzenden interpretatorischen Qualitäten
längst Legende. Eine klangrestaurierte, komplette Fassung dieser
Einspielung ist die Grundlage der Kommen-tierung, die Peter Wapnewski nun
veröffentlichte, der wohl renommierteste "Mittler des Mittel-alters", ein
Ausdruck, den er selbst einmal für Richard Wagner gebrauchte. Doch was er –
mit hanseatischem Understatement – "begleitende Kommentierung" nennt, ist
weit mehr als nur das. Wapnewski gelingt das Unerhörte: die
selbstverständliche Verbindung von Musik und Literatur, Psychologie und
Wissenschaft. Akt für Akt, Szene für Szene referiert, analysiert,
kommentiert er Wagners Tristan. Mit eindrucksvoller Stimmführung, mit
philologischer Gründlichkeit und stili-stischer Brillianz. Und er bringt
das Wesentlich immer auf den Punkt.
Wapnewski geht es aber nicht
etwa nur um die Handlung der traurigen Geschichte von Tristan und Isolde,
wie Wagner sie – von Schopenhauer infiziert - erzählt, sondern auch um
Sprache und Ausdruck, Form und Musik.
Was in keinem Opernführer
steht, wird in Peter Wapnewskis Tristan-Kommentar zum Ereignis. Er erklärt
nicht nur aus literaturwissenschaftlicher Sicht die Entstehungsgeschichte
von Wagners "Tristan" aus der mittelalterlichen Fassung Gottfrieds von
Straßburg, nicht nur die geradezu absurde Idee Wagners, mit dem "Tristan"
ein schnelles Geschäft machen zu wollen, indem er ihn ins Italienische
übersetzt an den brasilianischen Kaiser Dom Pedro verkaufen zu könne
glaubte, als leicht aufzuführende, einträgliche Repertoire-Oper, Wapnewski
erklärt vor allem die psycho-logischen Voraussetzungen, den
lebensgeschichtlichen Anlaß dieses Werks: die Liebesbeziehung Wagners zur
Gattin seines Zürcher Mäzens, Mathilde Wesendonck.
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Wapnewski, CD 1, Tr. 5...
"Die Briefe, die
Bekenntnisse und Beschwörungen an Mathilde .sind ein kardinales Musterbeispiel
für den Fall einer unlösbaren Verflechtung von privatem Erleben und
öffentlicher, will sagen künstlerischer Konfession".
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Wapnewski, CD 1, Tr. 3...
Tristanakkord
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Wagner selbst war sich der
musikalischen wie dramaturgischen Außergewöhnlichkeit seines "Tristan" nur
zu bewußt. So etwas sei noch nicht dagewesen, gute Aufführungen müßten das
Publikum vollends verrückt machen, orakelte er gegenüber Mathilde Wesendonck. In der Tat sprengte sein "Tristan" alle Formschemata dessen, was
man Oper nannte, eine ...
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Wapnewski, CD 1, Tr. 3 ...
"...Oper, die
Wagner aus gutem Grund eine Handlung genannt hat,
damit deutlich machend, daß die überlieferte Bezeichnung ' Drama' das äußere
Geschehen über-betont, während es ihm um die innere, die nach Innen
genommene Seelenhandlung ging."
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Der Seelenhandlung korrespondiert eine geradezu psychoanalytische,
chromatische, symphoni-sche Musik Wagners, deren Klangdimension einzigartig
in der Musikgeschichte ist.
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Wapnewski, CD 5, Tr. 3...
"Diesen
Tristan-Klang erweckt Furtwängler zu seiner
Wirklichkeit und Wahrheit."
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Und Peter Wapnewski erschließt uns die ganze
Bedeutung des Tristans als...
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CD 3, Tr. 4
"die
intimste, die introvertierteste, privateste aller Wagner-Tragödien, dann
ist sie aber anderseits als pathetische Abkehr und Abwendung von dieser Welt
zugleich auch ganz extrovertiert, ist die
schärfste, die bitterste Kritik am Zustand dieser Gesellschaft, deren
Ordnungssystem so geartet ist, daß es die Möglichkeit persönlichen Glückes
nicht zuläßt."
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So hat man Wagners "Tristan"
noch nicht gehört, noch nicht begriffen. Keiner, der sich für den "Tristan"
interessiert, ob Fachmann oder Laie, Liebhaber oder Kenner kommt an dieser
Pro-duktion des Hörverlages vorbei. Peter Wapnewskis "Tristan"-Kommentierung
– im besten Sinne eine gelehrte Tristan-Vorlesung zum komplett zu hörenden
"Tristan" - ist nicht nur konkurrenzlos, sie ist auf eindrucksvolle Art
beispielhaft. Dank Dieter Hauers musikalischer wie technischer
Beschlagenheit und Regie ist es aber auch eine beispielhaft radiophone
Produktion des ehe-maligen Senders Freies Berlin geworden, fast möchte man
sagen ein Stück Radiogeschichte aus der "guten alten Zeit des Rundfunks", so
wie der SFB inzwischen selbst ein Stück Radio-Ge-schichte geworden ist
und der Vergangenheit angehört.
Gesendet im Februar 2004, MDR, "Figaro am Vormittag":
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