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Dieter David Scholz
Kritiken
„Hinweg aus
Deutschland gehöre ich!“

Wagners Heimkehr.
Ausstellung 23.4.-25.9. 2005
Stadtgeschichtliches
Museum Leipzig
Richard Wagners wurde 1813
in Leipzig geboren. Aber Wagner lebte nicht lange in der Stadt an der Pleiße.
Sein Verhältnis zu Leipzig war zeitlebens ebenso ambivalent, wie das seiner
Geburtsstadt zu ihm. In einem Brief an Theodor Apel bekannte er im Juni
1835: „Hinweg aus Deutschland gehöre ich!“ Noch deutlicher wurde er Apel
gegenüber am 22. September jenes Jahres: „Ich komme nie wieder nach
Leipzig.“ Mendelssohn wurde gerade zum Gewandhauskapellmeister gekürt.
Wagner ist zwar immer wieder einmal nach Leipzig zurückgekehrt, tageweise,
seit er es 1834 und endgültig verlassen hatte, doch sein Verhältnis zu
seiner Geburtsstadt blieb zeitlebens gespannt, so wie auch Leipzig nie ein
ungetrübtes Verhältnis zu seinem berühmten Sohn hatte. Grund genug für das
Stadtgeschichtliche Museum der Messestadt, aus Anlaß des internationalen
Wagnerkongresses, übrigens des ersten in den neuen Bundesländern, seine
Schatztruhen zu öffnen und im Neubau neben dem spektakulären Museum für
Bildende Kunst Wagners Leipzig und Leipzigs Wagner zum Thema einer in fünf
Abteilungen untergliederten Ausstellung zu machen.
Kerstin Siblis, die Kustodin
der Wagnerausstellung, greift allerdings entschieden zu kurz, wenn Sie
glaubt, Wagners Antisemitismus, wie er sich in dem infamen Aufsatz „Das
Judentum in der Musik“ äußert, sei nur durch die Leipziger Rivalität mit
Mendelssohn zu erklären. Wagners Antisemitismus speist sich aus vielen
Quellen, es geht ja in Wagners "Juden-broschüre", wie er sie nannte, auch um Meyerbeer und
um Wagners Demütigungen in seinen Pariser Elendsjahren.
Außerdem ist Wagner Pamphlet von 1850 nicht seine einzige Äußerung zu diesem
brisanten Thema. Und es gab durchaus Zurücknahmen. Man muß der Ausstellung
den Vorwurf machen, in diesem Punkte nicht mit der gebotenen
Differenziertheit vorgegangen zu sein, womit sie leider einmal mehr gängige,
fatale Vorurteile zementiert.
Vor dem Krieg besaß Leipzig
eine der wertvollsten, umfangreichsten Wagnersammlungen. Die
dokumentarischen Arbeiten des langjährigen, sammelwütigen Kustoden Walter
Lang haben davon profitiert. Nicht alles davon ist mehr erhalten.
Immerhin: 250 Exponate (von 3000 Objekten) sind in der Ausstellung zu sehen.
Darunter so wertvolle Dinge wie das Tauf-register der Leipziger Thomaskirche
(mit dem Taufeintrag Richard Wagners). Natürlich darf das heute nicht mehr
erhaltene Geburtsthaus Wagners, an dessen Stelle sich heute ein Kaufhaus
befindet, das im Volksmund „Blechbüchse“ genannt wird, nicht fehlen. Eine
hervor-ragende, große Abbildung von Wagners Geburtshaus „Zum Roten und
weißen Löwen“ am Ranstädter Tor ist in Augenschein zu nehmen, neben vielen
anderen stadtgeschichtliche Do-kumenten, Stichen und Gemälden sowie
historischen Instrumenten, Theatermodellen und Porträts. Die Wagnerrezeption
in Leipzig wird mit Theaterzetteln, Kostüm- und Bühnen-entwürfen
dokumentiert, vom ersten Leipziger Tannhäuser 1853 bis hin zu den berühmten
Inszenierungen von Joachim Herz, der einige persönliche Exponate aus seinem
Privatbesitz beisteuerte. Auch das Gerangel der Leipziger um ein Wagner
Denkmal, sei es von Max Klinger 1904, sei es von Emil Hipp 1934 ist Thema.
Hitlers Rede zur Grundsteinlegung des Richard-Wagner-Nationaldenkmals des
Deutschen Volkes ist in der Ausstellung - in Endlos-schleife - im
Originalton zu hören:
Neben der Dokumentation der
verschiedenen, allesamt gescheiterten Denkmalserrichtungs-vorhaben
Leipzigs, wird Wagner schließlich als „Star“ seiner Selbstinszenierungen
gewürdigt. Wobei es wichtiger wäre, die Stilisierungen, Vereinnahmungen und
Verfälschungen zu ver-deutlichen, die die Deutschen an Wagner vornahmen. Die
Reliquien des Stadtgeschichtlichen Museums, die gezeigt werden, sind ein
Haarlocke des "Meisters", das Gewandhaus-Dirigierpult, an dem Richard Wagner
stand und ein Splitter eines seiner zerschlagenen Taktstöcke von der
Aufführung der neunten Sinfonie Beethovens in Bayreuth.
Kirstin Siblis ist stolz auf
diese Ausstellungsstücke. Was ihr vielleicht nicht ganz klar ist, daß die
gezeigten Briefe und Autographen Richard Wagners besonders interessant sind,
vor allem neun Briefe an den Leipziger Weinhändler Christian Lauteren, die
belegen, daß Wagner schon in jungen Jahren große Mengen an Wein kaufte, ja
sich schicken ließ - und dafür Schulden machte. Er war schon früh, und blieb
zeitlebens ein „Pumpgenie“. Und alles andere als ein Kostverächter. Die
Wagnerbiographik hat letzteres bis heute verkannt. Erst fünf Jahre vor
seinem Tod rief Wagner - allerdings mit Bezug auf die Leipziger
Theaterdirektion, die den ersten „Ring“ nach Leipzig brachte - aus: „Heil
Leipzig, meiner Vaterstadt“. Dem befreun-deten Angelo Neumann gegenüber (der
durch sein reisendes „Ring“-Theater einer der größ-ten Propagandisten
Wagners war) spricht er davon, nun glücklich wieder in seine „Heimat-stadt
zurückgekehrt“ zu sein. Doch diese „Heimkehr“ - die der Leipziger
Ausstellung den Titel gab - kam spät, sehr spät und es war keine wirkliche.
Die Leipziger leiden heute
noch daran, so scheint´s. Wagner war längst Weltbürger ge-worden, fühlte
sich in Italien eher zuhause als in Deutschland. Wagner hat tatsächlich, und
darin Jacques Offenbach und Heinrich Heine ähnelnd, die meiste Zeit seines
Lebens im europäischen Exil gelebt. Vielleicht sollte man besser sagen: im
europäischen Haus: in Frankreich, in der Schweiz, in Italien. Er hat fern
der Heimat den größten Teil seines Oeuvres konzipiert und komponiert, er hat
die wesentlichen Impulse für sein künstlerisches und essayistisches Werk auf
Reisen quer durch Europa erhalten. Schließlich ist Wagner auch musikalisch
Europäer. Die Einflüsse von Berlioz, Spontini, Meyerbeer,, Mendelssohn,
Weber, Bellini und Rossini sind unverkennbar. Entgegen Marxens polemischer
Etikettierung Wagners als eines deutschen „Staatsmusikanten“ per se, darf
man mit Nietzsche zurecht be-haupten, „dass er nirgendwo weniger hingehört
als nach Deutschland“, ja dass Wagner unter Deutschen bloß ein
Missverständnis ist.“ (Nachzulesen in Ecce homo). Das gilt auch und ganz
besonders für Leipzig. Doch davon weiß die Leipziger Ausstellung leider
nichts zu vermelden. Nietzsche hatte recht: „Die Deutschen haben sich einen
Wagner zurechtgemacht, den sie verehren können“. In der nicht sonderlich
originell präsentierten, gewissermaßen hilf- wie ahnungslos konzipierten,
aber gut gemeinten Leipziger Ausstellung wird es einmal wieder deutlich.

Opernwelt, SWR
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