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Dieter David Scholz

Rezension

Non plus ultra.

Richard Wagner: Tristan und Isolde. Ramon Vinay (Tristan), Martha Mödl (Isolde), Ira Malaniuk (Brangäne), Hans Hotter (Kurwenal), Ludwig Weber (Marke). Herbert von Kara­jan. Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele 1952.

Urania  URN 22.218.

  

 Es war der erste „Tristan“ nach dem zweiten Weltkrieg in Bayreuth und einer der konsequen-testen überhaupt. Wieland Wagner hatte die kreisrunde Mysterienscheibe aus seinem „Parsi-fal“ des Vorjahres (in dem die Neubayreuther Festspiele eröffnet wurden) zu einem ellipsen-ähnlichen Segment umgeformt, eine Schräge, deren hintere Kanten sich dem Horizont der Unendlichkeit zu vermählen schien. Kein Segel, kein Tauwerk, kein Schiff im ersten Akt. Im zweiten fehlte der Wartturm, fehlten Park und Wald. Ein Niemandsland der Liebe. Kareol, Tristans Burg im dritten Akt, wurde nur durch zwei hohe Mauern angedeutet. Isolde erlosch, hoch aufgerichtet, wie eine Flamme im „wehenden All des Welt-Atems“. Wieland Wagner hatte das Mysterium des Eros inszeniert. Zehn Jahre später inszenierte er dann die Tragödie des Eros in Bayreuth. Aber schon sein erster „Tristan“ von 1952 war eine Sternstunde des Musiktheaters. Martha Mödl, die erste Isolde Nachkriegs-Bayreuths hat es selbst so empfun-den, wie man in ihren Erinnerungen nachlesen kann. So gut wie in dieser Aufführung hat man die Mödl nie wieder gehört als Isolde. Sie war stimmlich in bester Verfassung. Keine Regi-sterbrüche sind zu hören, ihre Stimme erreicht mühelos die Spitzentöne der Partie,  die Inten-sität ihrer leuchtenden, sinnlichen, dunklen, selbst in der Höhe makellos intonierenden  Stimme ist berückend. Zu schweigen vom unvergleichlich subtilen Ausdrucksvermögen ihrer beinahe Urerdahaften Isolde. Ihr ebenbürtig der dunkle, erotisch südländisch klingende Tristan des baritonal grundierten südamerikanischen Tenors Ramon Vinay, stimmlich der Mödl weit an-gemessener als als der asketisch-keusche, beinahe aseptisch-schlanke Tenor Wolfgang Windgassens. So eine Besetzung der Titelpartien gab es nie wieder. Aber auch die übrige Besetzung ist vorzüglich. Ludwig Weber singt mit selbstverständlicher Autorität König Marke, Hans Hotter einen holzfällerhaft männlichen  Kurwenal, Ira Malaniuk eine fraulich-souveräne Brangäne und Hermann Uhde einen fiesen Intriganten Melot. Am Pult des Festspielorchesters der junge Herbert von Karajan. Sein „Tristan“-Dirigat brennt geradezu vor Leidenschaft, Dramatik, Eros und tieferer Affinität, die der spätere musikmediale Großmogul nie wieder derart bedingungslos hörbar zu machen verstand. Die technischen Rahmenbedingungen der Aufzeichnung und Wiedergabe dieses Livemitschnitts standen bisher einem adäquaten Hör-vergnügen dieser singulären Aufführung im Wege. Die Aufnahmen des Bayreuther Live-mitschnitts vom 23. Juli 1952, die bei Arkadia und Myto erschienen, ließen klangtechnisch sehr zu wünschen übrig. Jetzt, endlich, ist beim Mailänder Label Urania - nach Ablauf der Urheberrechtsschutz-Frist - eine bestens klangrestaurierte Version erschienen, auf die man lange gewartet hatte. Mit dem computergesteuerten USD-24-Restaurierungs-Verfahren hat man wahre Wunder vollbracht. Fast kein Rauschen, kein Klirren, Knistern und keine ver-zerrten Töne mehr. Die Räumlichkeit und Präsenz des Klangbildes ist verblüffend, das mitrei-ßende Dirigat Karajans hört man so brilliant wie nie zuvor. Sein Dirigat übertrifft all seine späteren Stereo-Aufnahmen in HiFi-Zeiten an Expressivität. Das Non plus ultra der Aufnahme ist jedoch Martha Mödl. Sie ist einfach überwältigend. Ihre Isolde hat - mit dem dunklen, unvergleichlichen Timbre menschlich berührendes und doch fast antikische Größe. So makel-los - im gesangstechnischen Sinne - hat man sie später nie wieder gehört in dieser Partie. Schade, daß sie selbst sich davon nicht mehr überzeugen kann. Für alle Nachgeborenen, alle künftigen „Isolden“ (die bei dieser Aufnahme lernen können, daß Schreien keine Alternative zum Singen ist), und alle Opern,- speziell Wagnerfreunde ist die Aufnahme in dieser vorbildlich klangrestaurierten Edition nicht nur eine große Freude, sondern ein unbedingtes „must“!