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Dieter David Scholz

Rezension

Habakuk Traber: Kent Nagano
Musik für ein neues Jahrhundert

Henschel Verlag 2002, 256 S., 22,00 €

Rezension im MDR (MDR-Kultur) am 27.10.2002
Rezension im SWR

Er ist weltweit einer der meistbeachteten Dirigenten seiner Generation. Sein furioser Aufstieg führte ihn über Lyon und Manchester, deren Orchester er zu internationalem Renomee verhalf, nach Berlin. Seit September 2000 ist der 51-jährige amerikanische Dirigent japanischer Abstammung Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Aber nicht nur in Berlin genießt der Dirigent Kent Nagano aufgrund seines Einsatzes für die Moderne und seiner klugen Programmgestaltung, die das traditionelle Publikum zufrieden stellt, aber auch junge Zuhörer anspricht, geradezu Kultstatus. Habakuk Traber hat nun die erste Biographie des Dirigenten vorgelegt.


Mit Gustav Mahlers dritter Sinfonie eröffnete Kent Nagano im Rahmen der Berliner Festwochen die Konzertsaison 1999/200 des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Eine umjubelte Aufführung, die auf CD festgehalten wurde. Am 1. September 2000 trat er offiziell sein Amt als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Orchesters an. Kent Nagano ist einer der am lautstärksten von sich reden machenden Pultstars der deutschen Hauptstadt neben Sir Simon Rattle, dem Chef des Berliner Philharmonischen Orchesters. Im Gegensatz zu dem zeitgleich erschienenen Buch über den Philharmonikerchef, das nur als ärgerliche Werbetextsammlung ohne nennenswerten Informationswert ernstgenommen werden kann, hat Habakuk Traber jetzt im selben Verlag eine Biographie des Dirigenten Kent Nagano vorgelegt, die dem Wort Biographie alle Ehre erweist.

Habakuk Traber, kluger und vielbeschäftigter Autor im Berliner Musikleben, verehrt und bewundert den - in Anführungszeichen gesagt - „Gegenstand“ seiner Biographie. Man kann ihm das nicht übel nehmen. Es muß ja einen Grund haben, eine Biographie zu schreiben. Daß der Autor Kent Nagano dennoch nicht verklärt, ehrt ihn. Und die Aufzählung der hervorstechenden Eigenschaften Kent Naganos, die Darstellung seiner Entwicklung, also seiner Kindheit, seiner Jugend, seines Studiums und seiner bisherigen Karriere macht das Buch interessant und lesenswert. Im übrigen löst es - im Gegensatz zu Nicholas Kenyons Rattle-Biographie ein, was es verspricht: es versucht tatsächlich, „den Lebensweg und den Werdegang des Dirigenten in den wichtigsten Stationen und Begegnungen nachzuzeichnen.“ Basis und Rückgrat der biografischen Skizze bilden Interviews und  Gespräche des Autors mit Kent Nagano, aber auch umfangreiche Recherchen und Ausgrabungsarbeiten. Was Traber beispielsweise über die Kindheit Naganos im kalifornischen Morro Bay, dem Geburtsort des Dirigenten, über die familiären Hintergründe der japanischen Einwandererfamilie schreibt, aber auch über die musikalische Sozialisation Kent Naganos, ist aufschlussreich nicht nur für das Verständnis des Dirigenten, sondern wirft auch ein Licht auf unsere hiesige Situation, denn Traber stellt ausführlich dar, wie Kent Nagano in eine bildungsbürgerliche, musikalische und doch welt-offene, bodenständige Farmer-Familie hineinwuchs und in eine multikulturelle, multiethnische Gesellschaft, deren integrierende Kraft ein funktionierendes kleinstädtisches Musikleben samt ausgeprägter Musikerziehung und Musikpflege gewesen ist. Hierzulande wie in den USA ist das, was man über das Musikleben im kalifornischen Morro Bay der 50er und 60er-Jahre liest, nurmehr eine nostalgische Erinnerung an bessere Zeiten.

Kent Nagano wuchs mit Musik auf. Seine Mutter war zwar Naturwissenschaftlerin, aber eine gute Pianistin. Und er genoß eine gründliche musikalische Ausbildung. Sein frühester Lehrer und Mentor war der georgische Exilant Wachtang Korisheli, Musikprofessor, Gründer des Konservatoriums, Maler und Bildhauer in Morro Bay. Inspiriert und geprägt wurde Nagano aber auch von seinen Universitätsprofessoren, allen voran Grosvenor Cooper und Laszlo Varga, legendäre Kompositions- und Analyse-Lehrer, beide waren vor den Nationalsozialisten in die USA geflüchtet, schließlich Theodore Thomas, der erste Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra, ein gebürtiger Ostfriese. Auch er ein Exilant. Die starken Prägungen der genannten Persönlichkeiten auf Kent Nagano werden anrührend beschrieben. So, wie die atmo­sphärischen, politischen und weltanschaulichen Studienbedingungen der „Flower-Power-Generation“ vermittelt werden, die den werdenden Musiker Nagano umgaben. Von enormer Bedeutung für seine spätere Entwicklung war schließlich seine enge vertrauliche Zusammenarbeit mit Olivier Messiaen in Paris und Salzburg. Auch sie wird anschaulich dargestellt. 

Die erste wichtige Station des Dirigenten Kant Nagano, der heute in der Mitte seiner Karriere steht, waren seine Jahre beim  Hallé-Orchester in Manchester. Und wenn Habakuk Traber einen detaillierten Exkurs über die Geschichte dieses fast 150 Jahre alten britischen Orchesters einfügt, dann als Kontrast im Vergleich zu Lyon, einem der ältesten Orchester Frankreichs, wo Kant Nagano seine bisher erfolgreichsten zehn Jahre verbrachte. Vor diesem Hintergrund wird im Vergleich zu dem nur eben ein halbes Jahrhundert alten Deutschen Symphonie-Orchester Berlin deutlich, wie unterschiedlich Orchester sind, in ihrer Geschichte, ihrer Selbstauffassung, ihrer Leistungsfähigkeit und in ihrer gesellschaftlichen Eingebundenheit. Nagano setzt darauf, jedem Orchester zu der Bedeutung zu verhelfen, die seinem Potenzial entspricht. Was an allen drei Stationen deutlich wird, und übrigens auch am Beispiel der jungen Oper von Los Angeles, deren erster Dirigent Nagano seit 2002  ist: dass Nagano sich ganz und gar auf vorhandene Strukturen, individuelle Geschichte und Möglichkeiten eines Orchesters oder einer Institution einlässt. Er versucht immer und überall, ob in Berlin, Lyon, Manchester oder Los Angeles, das gewachsene Publikum zu befriedigen und neues, jungen Publikum hinzuzugewinnen mit einer Mischung aus Tradition und Moderne, mit Mut zu gewagtem Repertoire, zu origi­nellen Inszenierungen und außergewöhnlichen musikalischen Interpretationen.

Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, Prokofievs „Die Liebe zu den drei Orangen“, Brittens „Billy Budd“, Debussys „“Rodrigue et Chimène“, John Adam´s „Der Tod von Klinghoffer“, Busonis „Doktor Faust“ Richard Straussens „Ariadne auf Naxos“, Poulencs „Dialoge der Karmeliterinnen“ sind nur einige Repertoire-Highlights Kent Naganos am Opernhaus zu Lyon. Die Ära Nagano in Lyon ist schon heute theatergeschichtliche Legende. Unter Naganos Leitung avancierte das Opernhaus in den 90er Jahren zur führenden Musiktheaterbühne Frankreichs neben der Pariser Oper. Bedingung eines solchen Erfolgs ist, Nagano hat es dem Autor Habakuk Traber anvertraut, dass alle Verantwortlichen an einem Theater, und es ist bei einem Orchester nicht anders, an einem Seil ziehen und dasselbe wollen müssen. Ein Glücksumstand, der an sich selbstverständlich sein sollte, heute aber äußerst selten ist, wenn man auf die großen Orchesterinstitutionen und Opernhäuser schaut. Das Erfolgsrezept Naganos heißt schließlich „regionale Verankerung“, gekoppelt mit „global playing“. Und noch eine Botschaft Naganos gibt der Autor Habakuk Traber in seiner Biographie weiter: wenn man gute Arbeit leisten will, braucht man stabile Strukturen. In Berlin sollte diese Botschaft auf besonders offene Ohren stoßen, sowohl was die acht Orchester als auch die drei Opernhäuser anbetrifft Mit gutem Grund gestattet sich Habakuk Traber in diesem Zusammenhang mit Blick auf die selbsternannte Kulturmetropole Berlin die Bemerkung, dass Nagano zurecht „den touch von Kiezromantik und kleinteilig denkendem Gemütsmenschentum, das die Welterfahrung am liebsten auf das Einzugsgebiet einer Kirchengemeinde reduziert“ verabscheut. Am Beispiel der Entwicklung vom RIAS-Symphonie-Orchester über das Radio Symphonie Orchester zum Deutschen Symphonie Orchester und am Beispiel des geradezu unwürdigen Leitungs- und Etatgerangels um die das heutige DSO finanzierende ROC-Gmbh spießt Habakuk Traber Berliner Kultur-Kleingeistigkeit auf. Und der Bemerkung Trabers, dass Berlin sich immer wieder und „immer aufs Neue in der Geschichte der letzten 200 Jahre neu definiert und quasi neu erfunden habe“, wird jeder zustimmen, der Berlin von außen betrachtet. Denn aus europäischer Sicht ist das relativ junge Berlin nach wie vor eine immer nur werdende, unsichere und vielleicht deshalb so großmäulige Metropole, die den Mund stets etwas zu voll nimmt, dabei den märkischen Provinzmief aber nie ganz abstreifen kann und in erstaunlicher Kontinuität ihre kulturellen Chancen und Pfründe verkennt und verspielt. Um so wichtiger sind im Kulturleben des Nachwende-Berlins  Musiker wie Kent Nagano. Seine Person und seine Konzeption verheißt tatsächlich „Musik für ein neues Jahrhundert“, wie es der Untertitel des Buches andeutet und setzt auf  „community“ und Weltoffenheit. Kent Nagano ist eben kein bekennender „Berliner“, sondern Weltbürger mit japanischen Wurzeln, amerikanischer Kindheit und Jugend, europäischer Bildung und internationaler Berufserfahrung.

Aus Habakuk Trabers engagiertem Buch über Kent Nagano erfährt man nicht nur viel über den Menschen und den Künstler Kent Nagano, man lernt auch eine Menge über die Bedingungen erfolgreicher Arbeit im Musikleben. Insofern wächst dieses Buch über eine bloße Biographie hinaus, und deshalb verzeiht man dem Autor gern so manche unnötigen Konzertprogramm-Aufzählungen, Werkdarstellungen, Platitüden und Superlative. Man begreift in dieser Biographie, warum dieser schlanke, so jugendlich-elastisch wirkende Diri-gent mit den leuchtenden Mandelaugen, der wehenden Mähne, der präzisen Schlagtechnik und der eleganten Körpersprache so außergewöhnlich ist.

Dieter David Scholz