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Dieter
David Scholz
Rezension

Rezension für WDR, Musikszene:
Wie weit darf „Korrumpierbarkeit
gehen?
Jürg Stenzl: Von
Giacomo Puccini zu Luigi Nono
Italienische Musik 1922-1952 -
Faschismus - Resistenza - Republik
Laaber Verlag 1998,237 S., DM 60,00

Durch die wegweisenden
Arbeiten Fred K. Priebergs, Joseph Wulfs, Gerhard Splitts und der von den
genannten Autoren ausgegangenen weiterführenden Untersuchungen ist das
Kapitel der deutschen Musikgeschichte im Zeitalter des Faschismus, will
sagen des Dritten Reiches ausgiebig dokumentiert und analysiert. Weit
weniger Augenmerk widmete die Musikwissenschaft bisher dem Zusammenhang von
Faschismus und Musik in Italien. Der Wiener Musikwissenschaftler Jürg Stenzl
hat sich in seinem soeben erschienenen Buch mit eben diesem vernachlässigten
Kapitel der italienischen Musikgeschichte dezidiert beschäftigt.
Pietro Mascagnis 1890
uraufgeführte Oper „Cavalleria Rustican“ war einer der großen
internationalen Opernerfolge. Das beispielhaft veristische Werk über
sizialianische Liebeslei-denschaft und Ehrenhaftigkeit ist bis heute einer
der Evergreens der internationalen Opern-spielpläne. Mascagni hat nie wieder
in seinem Leben ein solches Erfolgsstück komponiert. Obwohl er es weder an
Fleiß noch an Einflußnahme mangeln ließ. Vor allem seine persönlichen
Beziehungen zu Mussolini sicherten ihm in den Jahren des italienischen
Faschismus finanzielle und ideelle Protegierung von höchster Stelle. Er war,
wie Jürg Stenzl in seinem erhellenden Buch über eines der - außerhalb
Italiens jedenfalls - dunkelsten Kapitel der italienischen Musikgeschichte
darstellt, der ohne Frage favorisierte und engagierteste „Komponist des
Regimes“. „Kein anderer italienischer Komponist wurde von Mussolini ähnlich
oft in Audienz empfangen und keiner hat sich um die Gunst des Duce so
angestrengt bemüht wie Mascagni....Die Lektüre all der unterwürfigen Briefe
und Telegramme an den Duce, der seitenlangen Klagen...über die angebliche
Unter-drückung seiner Werke seitens der italienischen Opernhäuser, über die
Mißwirtschaft korrupter Männer im italienischen Kulturleben...zählen zu den
unerquicklichsten Texten, welche die daran wirklich nicht arme Zeit des
italienischen Faschismus hinterlassen hat.“ Von den Komponisten der „alten
Generation“ war Mascagni zweifellos der korrupteste unter denen, die sich
dem faschi-stischen Regime andienten, ja anbiederten. Dagegen waren Umberto
Giordano, Komponist der Oper „Fedora“, Francesco Cilea, der die singuläre
Opernorchidee „Adriana Lecouvreur“ ge-züchtet hatte, aber auch die
D´Annunzio-Verehrer Malipiero, Casella und Respighi, „nur“ kleine Mitläufer.
Vom prominentesten und weltweit arriviertesten Opernkomponisten jener Zeit,
vom musikalischen Weltbürger Puccini ganz zu schweigen, der - heftig
umworben von Mussolini - zwar ebenfalls um Audienz beim Duce ersuchte, aber
sich für ein eindeutiges Bekenntnis oder gar eine Parteizugehörigkeit doch
zu fein war. Schließlich hatte er das Wohlwollen der Faschisten - auch
finanziell - gar nicht nötig.
Was nicht nur Giacomo
Puccini, was alle italienischen Komponisten gerade der älteren Generation
auszeichnete, daß sie, vor allem die Opernkomponisten, und die italienische
Musik jener Zeit ist in erster Linie Opernmusik, aufgrund der
Institutionsabhängigkeit dieser Gattung, aber auch aufgrund des von der
Moderne bedrohten Endes ihrer künstlerischen Tradition, im Duce so etwas wie
eine „gerechte Vaterfigur“ sahen, der sie sich hilfesuchend zuwanden, um
dem, was John Rosselini die moderne „Opera Industry“ nennt, nicht mehr
machtlos ausgeliefert zu sein. Schließlich lief das Modell Verismo ja schon
seit dem Ende der Ersten Weltkrieges aus. Jürg Stenzls nüchternes wie
ernüchterndes Fazit: „Kein Komponist der älteren Generation distanzierte
sich in irgend einer Form klar vom Faschismus.“ Allerdings stellt der Autor
klar: „daß die Zuwendung zum Faschismus, und ganz besonders jene zur Person
des Duce, kaum je genuin politischen Überzeugungen entsprang“, eines
Faschismus, der übrigens in Italien - im Gegensatz zum deutschen Faschismus
- über kein kulturpolitisches Programm verfügte. Und das ist den auch das
Interessante an Stenzls Buch, daß es im Kontrast ein bezeichnende Licht
wirft auch auf den deutschen Faschismus und das Verhalten der deutschen
Komponisten unter dieser Herrschaftsform. In Italien konnte „der Futurismus
wie die sich als Avantgarde verstehende Neue Musik, durch Rekurs aufs
avantgardistische Selbstverständnis des Faschismus sich ebensogut als
genuin faschistisch legitimieren...wie die Traditionsbewahrer“. Das ganze
stilistische Spektrum der Musik war im italienischen Faschis-mus vertreten.
Interessant ist die Würdigung Alfredo Casellas als des einzigen „Angehörigen
der ‘generazione dell´80’ also der um 1880 geborenen, welcher während des
Krieges umzu-denken begann“.
Eine zusammenhängende
faschistische Kultur- und Musikpolitik gab es übrigens in Italien nicht. Der
deutsche Faschismus - der ja eine ideologisch - wenn auch
zusammengeklitterte, so doch einheitliche - Kulturdoktrin entwickelte,
erlaubte im Grunde nur das Traditionelle, Konventionelle in der Musik und
offenbart sich damit vor dem Hintergrund der italienischen Entwicklung als
besonders borniert. Das ist denn auch eine der ins Auge stechendsten
Erkenntnisse dieses hochinteresanten Buches.
Was hier wie dort, will
sagen in Deutschland und Italien, deutlich wird, und das ist ein
Haupt-anliegen des Autors, daß „keine Kunstform von Institutionen ähnlich
abhängig ist wie Musik“. Am Beispiel der Musik Italiens zwischen 1922, dem
Jahr des faschistischen Marsches auf Rom und 1952, dem Jahr der
Konsolidierung der Republik, macht er es deutlich. Mit wissen-schaftlicher
Genauigkeit und klaren Worten schildert Jürg Stenzl Zusammenbruch der
Musikkultur und und Neuanfang nach 1945. Auch und gerade mit der Darstellung
der vom Faschismus sich z.T. heftig distanzierenden Komponisten Luigi
Dallapiccola, Bruno Maderna, Luigi Nono und Luciano Berio. Die Entstehung
der italienischen Linken (in der Kultur, also auch der Musik) aus dem Geist
der nach wie vor nicht unumstrittenen Resistenza-Ideen rundet das
verdienstvolle Buch Jürg Stenzls ab. Ein Buch, das anhand der Darstellung
jener 30 Jahre Musikgeschichte am Ende brennende Fragen von heute aufwirft:
Wie weit darf „Korrum-pierbarkeit um des künstlerischen
Selbstverständnisses, des Erfolges und der Anerkennung“ willen gehen? Heulen
nicht alle Musiker bzw. Komponisten mit den Wölfen? Spiegelt sich nicht in
der faschistischen Musikgeschichte indirekt die Vorgeschichte von
Ereignissen und Zuständen von heute, wie dies schon Carl Dahlhaus fragte?
Und vor allem, und das ist die brisanteste Frage des Nachdenken evozierenden
Buches: „Ist Musik, wie sie in unserer...Welt ‘zur Freizeit’ angeboten und
vertrieben wird,...nicht bereits zu einem - wenn nicht
Sicher-heitsversprechen, so doch zu einem ‘Geborgenheitsraum’ geworden?“
Zurecht erinnert Jürg Stenzl daran: „Sicherheitsangebote und
Sicherheitsversprechungen kennzeichnen jede Form des Faschismus“. Jürg
Stenzl hat ein wichtiges Buch geschrieben, das nicht nur Geschichte
aufarbeitet, sondern auch Fragen aufwirft. Musikgeschichte ist für ihn
„keine Anklagebank, aber auch kein politisches Lehrstück“. Er zitiert
zurecht den Historiker Gustav Droysen, der schon 1873 schrieb: „Das, was
war, interessiert uns nicht darum, weil es war, sondern weil es in einem
gewissen Sinne noch ist, indem es noch wirkt“.
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