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Dieter David Scholz

Rezension

Franz Schubert: The Complete Songs

Eine Jahrhundertedition

Sixty soloists - Graham Johnson, piano

Complete song texts. Hyperion                  

 

Wer kennt sie nicht, die Lieder- Zyklen „Die schöne Müllerin“, „Die Winterreise“  und den „Schwanengesang“, oder auch Lieder wie „Der Erlkönig“ und „Gretchen am Spinnrade“. Franz Schuberts Lieder gehören zum Besten, was das deutsche Kunstlied-Schaffen hervorgebracht hat. Kein großer Sänger kommt an diesem Lied-Repertoire vorbei. Wie viele Lieder Schubert  darüber hinaus geschrieben hat,  Lieder, die man nicht kennt, die man nie gehört hat, kann man jetzt in Augenschein nehmen und anhören, denn beim britischen Label Hyperion ist jetzt eine komplette Edition aller Lieder Franz Schuberts erschienen, einschließlich eines Buches mit den Texten aller Lieder. Eine konkurrenzlose und beispielhafte Edition.  

 

Mit dem "Liebestraum Gesang in c" aus dem Jahre 1810  beginnt die erste von 40 CDs. Er wird von Stephen Varcoe  gesungen. Mit der "Taubenpost" aus dem Jahre 1828, gesungen von Anthony Rolfe Johnson, endet die 37. CD. Am Klavier jeweils der Pianist Graham Johnson. Er ist, neben dem verstorbenen Begründer der britischen Schallplattenfirma Ted Perry der Initiator  dieser konkurrenzlosen Edition.  Noch nie wurden alle Schubert-Lieder aufgenommen und in einer Box gemeinsam veröffentlicht. Und es sind ja nicht nur die Sololieder, sondern auch die Quartette und andere mehrstimmige Lieder mit Klavier, die vollständige Vokalmusik Schuberts mit Klavier also. Der Musikwissen­schaftler und Schuberbuch-Autor Michael Stegemann, hat völlig recht wenn er behauptet: 

"Tatsächlich ist von den  mehr als 600 Liedern Schuberts das meißte für den Konzert-gebrauch und auch in der Rundfunkpraxis weitestgehend verloren."

Franz Schubert brauchte achtzehn Jahre, um alle seine Lieder zu schreiben. Ebenso lange hat es gedauert, bis Hyperion Records die Lieder aufgenommen hat, von 1987 bis 2005. Auf siebenunddreißig CDs singen mehr als sechzig Gesangssolisten. Am Klavier in allen Fällen Graham Johnson, einer der profundesten Schubertkenner- und Interpeten, am Klavier. Eine der Voraussetzungen „richtiger“ Schubert-Liedinterpretation  ist denn auch, wie Michael Ste-gemann einfordert: 

"Ein absolut gleichgewichtiges Paar zwischen dem Sänger bzw. der Sängerin  und dem Begleiter, der eben nicht nur Begleitfunktion hat, sondern große Eigenständigkeit braucht, eine Individualität, die das Klavier in den Noten hat, und die in der Interpretation zum Vorschein kommen muß."

Es ist die Crème de la crème der Schubert-Interpreten, die Graham Johnson in seine Edition eingebunden hat. Neben Sängern wie Brigitte Fassbaender, Lucia Popp, Peter Schreier und Christoph Prégardien vor allem englische und amerikanische Schubert-Sänger wie Janet Baker, Felicity Lott, Thomas Hampson und Margaret Price. Es ist bewundernswert, wie sie mit der deutschen Sprache umgehen, wie wortverständlich sie singen, wie subtil sie artikulieren. Diese Edition straft alle Vorurteile Lügen, Schubert könne nur von „native speakern“ gesungen werden.  

Angeordnet auf den 40 CDs sind alle Schubert-Lieder chronologisch.  Dazu gibt es ein mehr als vierhundert Seiten starkes Buch, in dem alle Lieder-Texte abgedruckt sind, mit mehreren sehr nützlichen Registern und einer außerordentlich informativen Einführung von Graham Johnson. Die Beschäftigung mit dem Text ist bei Schubert für Sänger wie Zuhörer ja wichtiger als bei anderen Komponisten:

"Schubert  ist jemand, der sehr viel genauer am Text arbeitet, als das Mozart vor ihm oder meiner Meinung nach Brahms nach ihm getan hat und es braucht ein tiefes Verständnis der Texte."

Schon die 37 CDs, auf denen der ganze Schubert verabreicht wird, nötigen einen, ohne Über-treibung von einer Jahrhundert-Edition zu sprechen. Aber Graham Johnson hat auch noch drei CDs hinzugefügt, mit neu eingespielten Liedern von Freunden, Zeitgenossen und Kollegen Schuberts, mit denen er irgendwie zu tun hatte, und mit Texten, die er auch vertonte. Man kann also beispielsweise den Schubertschen Erlkönig vergleichen mit dem von Spohr, von Loewe, Reichardt und Zelter.