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Dieter
David Scholz
Rezension

Musiktheater als letztes Reservat des Individualismus
Die Akademie der Künste zeigt in
einer opulenten Ausstellung
erstmals den Nachlass des Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle
Katalog (Henschel Verlag, 397 S.) 39 Euro.

Es ist ein Fest für Theaterbesessene!
Eine derart opulente Schau farbenprächtiger Bühnen-bilder und
Kostümfigurinen, Dekorationen und Theater- wie Filmausstattungs-Ent-würfe
hat es lange nicht gegeben. Die 302 Produktionen des Bühnenbildners und
Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle, der vor 14 Jahren überraschend starb (er
wäre am 19. Februar 2002 siebzig Jahre alt geworden), haben
Theatergeschichte gemacht. Auch wenn Ponnelle einmal sagte, es sei ihm egal,
was man in fünfzig Jahren über ihn denke, er inszeniere schließlich für das
Hier und Heute: man denkt inzwischen mit Bewunderung und Wehmut an diesen
viel-seitigen Meister-Phantasten und Bühnenmagier, dessen suggestive
Visualisierungen der Opernwerke von Monteverdi bis Henze, aber auch
zahlreicher Operetten, Musicals, Ballette und Theaterstücke sich ins
theaterhistorische Gedächtnis eingebrannt haben. Wer hat die Bilder nicht im
Kopf, von Ponnelles Zürcher Monteverdi-Zyklus, seinem Kölner Mozart-Zyklus,
seinen vielerorts gezeigten Rossini-Produktionen oder seinem Bayreuther
„Tristan, seinen Aribert Reimann-Uraufführungen, seinem Münchener „Pelleas“,
seinem „Moses und Aaron“ oder seinem Gluck-„Orfeo“, um nur an einige seiner
herausragenden Arbeiten zu erinnern. Ponnelle war ein Alleskönner, ein
Perfektionist im Detail und ein exakter Hand-werker und Zeichner, seine
Blätter, Skizzen und Entwürfe demonstrieren es. Nie hat man derart viele
Ponnelle-Entwürfe auf einmal gesehen. Die Labyrinthe seiner Phantasie
schienen unerschöpflich, auch wenn das Prinzip der Variation und des
Recycles, aber auch eine konti-nuierliche Entwicklung vom Bühnensurrealismus
zu einem Bühnen-Historismus deutlich ables-bar sind an den Exponaten aus den
50er bis 80er Jahren.
Theater war ihm, dessen Vita
von Anbeginn kosmopolitisch angehaucht war, selbst-verständlich
„supranationale Kunst“, wie er sich ausdrückte. Ponnelle hatte keinerlei
Berühr-ungsangst vor den unterschiedlichsten Stilen und Bildsprachen aller
Zeiten und Nationen. Souverän spielte er auf der ästhetischen Klaviatur der
Kunst- und Kulturgeschichte. Er fühlte sich in seinen
Monteverdi-Produktionen in Zürich in geradezu verschwenderischer
Sinnlichkeit in die Formenwelt der Renaissance und des Frühbarock ein, und
konnte doch in asketisch-exotischer Strenge und Reduziertheit auf ein
primitives Bambusstangen-Konstrukt in seiner Kölner „Frau ohne Schatten“
Kabuki-Theater inszenieren. Daß er mit kräftigen Farben zaubern konnte,
zeigen schon die frühen Entwürfe aus den Fünfzigerjahren, in denen er noch
deutlich vom Surrealismus beeinflußt worden zu sein schien. Dalì lässt
grüßen. Vor allem in seinen frühen Cocteau- und Ibert-Bebilderungen. 1958
entdeckte er in einer „Carmina Burana“-Produktion an der Oper von San
Francisco zum erstenmal die Symmetrie der Ruinenarchitektur, die für seine
späteren Entwürfe so charakteristisch werden sollte.
In den Siebziger- und Achtzigerjahren
beherrschte strenger Historismus seine Bühnenbilder. In seinen
Antikenenarchitekturen à la Piranesi in schwarz und weiß kontrastierten
opulenteste Barockkostüme eindrucksvoll. Sein Kölner Mozartzyklus ist das
beste Beispiel. Aber auch sein an Originalschauplätzen in Mantua und Parma
(Teatro Farnese) gedrehter „Rigoletto“-Film versucht, wie all seine
Opernverfilmungen, Oper als kunsthistorisch-akribische Bildimagination zu
perfektionieren. Daß Ponnelle nicht nur an aufwendigem Ausstattungs-theater
lag, sondern auch an Personenpsychologie und Werkanalyse, dass ihm Witz,
Ironie und Satire keineswegs fremd waren, kommt in der Berliner Ausstellung
etwas zu kurz, wie auch nicht in einer vorwiegend optisch konzipierten
Bilderschau, die in erster Linie der thea-terklugen Maxime Ponnelles folgt:
„Ich spreche durch die Augen“. Das Musiktheater ver-teidigte Jean-Pierre
Ponnelle als eines der „letzten Reservate der Individualität“. Die große,
schöne Ausstellung der Berliner Akademie der Künste verifiziert den
Ponnelle-Satz aufs Schönste. Seiner Witwe Margit Saad-Ponnelle und seinem
Sohn Pierre-Dominique sind der enorme Nachlaß und umfangreiches
Photomaterial zu verdanken, dass der Akademie zur Verfügung gestellt wurde,
aber auch zwei aufschlußreiche, persönliche Beiträge in dem her-vorragend
bebilderte Katalog zur Ausstellung, der zum ersten Mal eine umfassende
Bestands-aufnahme, Dokumentation und Bewertung Ponnelles und der Einheit
seiner Vielfalt versucht.
gedruckt in: Opernwelt
Akademie der Künste
Hanseatenweg10
Berlin Tiergarten
Dauer der Ausstellung bis zum 3.3.2002
Di.-So. 11-20 Uhr. Mo. 14-20 Uhr
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